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"Film:ReStored" - Das erste Filmerbe-Festival in Berlin Über die digitale Restauration des deutschen Films

Kulturthema am 23.9.2016 von Simone Schlosser

Kennen Sie dieses Geräusch noch? Richtig, ein alter Filmprojektor. Wobei so alt ist der gar nicht. Früher gab es in jedem Kino einen davon. Doch in den letzten zehn Jahren hat sich die Technik verändert: Anstatt auf 35mm-Film werden Filme heute fast ausschließlich digital gedreht. Mit dieser Entwicklung sind die Filmprojektoren aus den Kinos verschwunden. Damit auch eine ganze Reihe alter Filme die nur als 35mm-Rolle vorliegen. Die deutschen Filmarchive arbeiten fieberhaft daran, diese Filme zu digitalisieren, um sie dem Publikum wieder zugänglich zu machen. Wie weit sie mit ihrer Arbeit sind, und wie es um das deutsche Filmerbe steht, damit beschäftigt sich in den nächsten Tagen erstmals ein eigenes Festival in Berlin.

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Einige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg an der deutsch-französischen Grenze: Die Stimmung zwischen den beiden Ländern ist angespannt. Feindlichkeit und Ressentiments prägen die Beziehungen. Doch dann ereignet sich auf der französischen Seite ein Grubenunglück. Die deutschen Bergarbeiter müssen entscheiden: Beteiligen sie sich an der Hilfe?

"Ob die genug Rettungsgerät haben? - Was geht mich das an... - Da müssen wir doch rüber. - Na, Glück auf! - Mensch, lauf nicht gleich weg. - Was willst du denn? - Du gehörst doch mit zur Rettungskolonne. - Was gehen mich die Franzosen an? - Kumpel ist Kumpel!" Filmausschnitt "Kameradschaft"

Der Film "Kameradschaft" von Georg Wilhelm Pabst ist ein Klassiker. Eine deutsch-französische Produktion mit der Anfang der dreißiger Jahre die Annäherung zwischen den beiden Ländern auf die Leinwand gebracht wurde. Für Rainer Rother einer der Höhepunkte des Festivals. Denn "Kameradschaft" steht stellvertretend für die Arbeit die er als künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek verantwortet: Die digitale Restauration des deutschen Filmerbes:

"Im Filmerbe fassen wir zusammen, was vom Film übrig geblieben ist, und was erhalten worden ist." Rainer Rother

In Deutschland ist das nur ein kleiner Teil der hier produzierten Filme. Denn anders als bei Büchern gibt es keine sogenannte Pflichtabgabe. Das heißt die Produzenten entscheiden selbst, was mit ihren Filmen geschehen soll. Vielen ist der Aufwand für die Lagerung alter Filmrollen zu hoch. Außerdem ist die Wertschätzung von Film als Kulturgut ein modernes Phänomen. Doch für Rainer Rother hat das Originalmaterial einen besonderen Wert:

"Es gibt einen berühmten Aufsatz von Walter Benjamin, der einen Autor entdeckt hat: Herrn Jochmann. "Über die Rückschritte der Poesie" heißt dieser Essay, der war 150 Jahre lang unbekannt, bis Walter Benjamin ihn entdeckt hat und gesagt hat: Das ist etwas, was uns heute noch etwas zu sagen hat. Und so kann es mit jedem Schnipsel Film, mit jeder Rolle Film, mit jedem vollständigen Film passieren, dass ein Filmhistoriker etwas darin entdeckt, was bis dahin nicht gesehen wurde. Sich dieses Materials zu entledigen heißt einfach, einen unkontrollierten Prozess der Vernichtung kultureller Identität in Gang setzen. Und dagegen wehren sich die Archive mit gutem Recht." Rainer Rother

Die Archive das sind neben der Deutschen Kinemathek das Bundesarchiv und das Deutsche Filminstitut. Insgesamt lagern hier mehr als 100.000 Originalfilme. Der Erhalt ist aber nur ein Teil ihrer Arbeit. Außerdem geht es darum, diese Filme sichtbar zu machen. In diesem Sinne hat in den vergangenen Jahren ein umfangreicher Digitalisierungsprozess eingesetzt. Doch bei rund 20.000 Filmen alleine in der Deutschen Kinemathek stellt sich die Frage: Welche soll man zuerst digitalisieren? Das Arsenal Institut Film- und Videokunst mit seiner Ko-Direktorin Stefanie Schulte-Strathaus hat darauf eine besondere Antwort gefunden.

"Zu einem Kulturerbe gehört immer natürlich eine Erbschaft. Aber auch jemand der etwas vererbt, und jemand der etwas erbt. Jeder Nutzer, der in unser Archiv kommt, ist ein Archivar und definiert das Kulturerbe für sich." Stefanie Schulte-Strathaus

Konkret bedeutet das: Die privat kuratierte Sammlung des Arsenal ist offen zugänglich. Mitten im Wedding ist in den Räumen eines ehemaligen Krematoriums eine Art lebendiges Archiv entstanden. Filminteressierte finden dort eigene Sichtungsplätze und Schneideräume. Im Austausch mit den Besuchern hat Stefanie Schulte-Strathaus vor allem eins gelernt: Wie wichtig als Filmarchiv diese Auseinandersetzung mit der Öffentlichkeit ist. Denn im Zuge der Digitalisierung ist viel Wissen verloren gegangen.

"Das meine ich jetzt nicht nostalgisch. Mir geht es nicht darum, am Analogen festzuhalten. Mir geht es nur darum, dass es Augenwischerei wäre, zu glauben, es ist doch jetzt alles digital. Vielleicht sind gerade einmal fünf Prozent des Weltfilmerbes digitalisiert bislang. Insofern muss man das Analoge aufrechterhalten. Auch um diese besondere Erfahrung dieser Materialität am Leben zu halten." Stefanie Schulte-Strathaus

Zumal ein Teil des Weltfilmerbes noch gar nicht geborgen ist. In Nigeria etwa wurden gerade Filme gefunden, die noch niemals von jemandem gesehen wurden:

"In einem Land in dem es aus den sechziger und siebziger Jahren keine Filme gibt. Da gibt es zum ersten Mal die Erfahrung von Bewegtbildern der eigenen Geschichte. Da wurde mir noch mal bewusst, wie groß unser jeweils subjektives, eigenes Archiv ist, unser Gedächtnis an Filmbildern." Stefanie Schulte-Strathaus

Doch die Digitalisierung von Filmen wie "Uliisees" des Experimentalfilmemachers Werner Nekes ist teuer. Außerdem drohen Technik und Knowhow dafür in Deutschland verloren zu gehen. In anderen Ländern existieren längst entsprechende staatliche Förderprogramme für den Erhalt des Filmerbes. Auch darauf möchte das Berliner Festival mit seinem angeschlossenen Symposium aufmerksam machen. Rainer Rother von der Deutschen Kinemathek hofft auf eine große Resonanz – sowohl in der Politik als auch in der Gesellschaft.

"Die Gesellschaft muss sich eben fragen, ob ausgerechnet dieser Teil, und der ist ja nun ein besonders wichtiger Teil der kulturellen Identität, dieser Pflege nicht mehr bedarf. Ich finde, er bedarf dieser Pflege, und es sollten mehr Mittel zur Verfügung stehen, um diese Pflege so optimal wie es notwendig ist durchführen zu können." Rainer Rother

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