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"Feuer bewahren- nicht Asche anbeten" Statement für die Tanzkunst

Kulturthema am 10.2.2016 von Natali Kurth

"Feuer bewahren- nicht Asche anbeten" - mit diesem Titel kommt am 11. Februar ein Dokumentarfilm über Martin Schläpfer, einer der derzeit angesagtesten Choreografen, in die Kinos.

Die Filmemacherin Annette von Wangenheim beobachtete und begleitete Martin Schläpfer, den Ballettdirektor des Ballett am Rhein Düsseldorf, vier Jahre lang.

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Naturnah

In schweren Wanderstiefeln stapft Martin Schläpfer auf schmalen Pfaden hoch zu seinem kleinen einfachen Steinhaus im Schweizer Tessin. Auf den Bergen zwischen Bäumen und Felsen kommt der 56-jährige Choreograf in der Sommerpause zur Ruhe. So schlicht und einfach – eher den lausbubenhaften Naturburschen als den gefeierten Künstler im Focus - beginnt die 85-minütige Dokumentation von Annette von Wangenheim.

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Feuer bewahren - nicht Asche anbeten | Kinostart: 11.2.

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Martin Schläpfer zählt zu den bedeutendsten Tanzschöpfern Europas. Sein Ballett am Rhein erreicht die unterschiedlichsten Zielgruppen im In- und Ausland, von Düsseldorf bis Moskau, von Barcelona, Paris oder Tel Aviv bis Muscat im Oman. Preise häufen sich.

Martin Schläpfer zählt zu den bedeutendsten Tanzschöpfern Europas. Sein Ballett am Rhein erreicht die unterschiedlichsten Zielgruppen im In- und Ausland, von Düsseldorf bis Moskau, von Barcelona, Paris oder Tel Aviv bis Muscat im Oman. Preise häufen sich.

Schläpfers sensible und hochmusikalische Tanzkunst kommt an, wirkt verstörend und beglückend zugleich.

FEUER BEWAHREN – NICHT ASCHE ANBETEN folgt Martin Schläpfer bei seiner täglichen Arbeit...

... und auf ganz privaten Wegen, bis zu seinem Sommerrefugium in der Schweiz.

Zwei Uraufführungen bilden den tänzerischen Mittelpunkt des Films, von den ersten Kreationsproben bis zur fertigen Bühnenfassung.

DEEP FIELD ist eine Auftragskomposition an Adriana Hölszky und opulenter Abendfüller.

„Alltag“ ist eine Petitesse von keinem geringeren als dem Altmeister und Grandseigneur des modernen Balletts, Hans van Manen.

Hans van Manen schuf die „kleine Geschichte über einen Choreografen“ für Schläpfer höchstpersönlich.

Martin Schläpfer tanzt in diesem intimen Portrait selbst die Hauptrolle.

Zum ersten Mal schaut ein Dokumentarfilm auch hinter die „persönlichen Kulissen“ dieses Ausnahmekünstlers, in seinen Kopf und sein Herz.

Zahlreiche Gespräche mit Weggefährten, Künstlerinnen und Kollegen geben Einblicke in Schläpfers Universum und zeigen, mit welcher Energie und Kreativität er das Ballett revolutioniert. Und warum es so viel mehr bedeutet als nur Kunst für Eingeweihte.

Hier wird das klassische Erbe mit neuem Leben und Geist erfüllt, hier kommen verschüttete Gefühle und Werte zum Ausdruck, die Menschen weltweit verbinden.

Im „Unzeitgemäßen“, im „Gegen den Strom Schwimmen“ und in einem unbeirrbaren Maß größtmöglicher Freiheit, Schönheit und Zwischentöne berührt Martin Schläpfer die Seele direkt.

"Als Dokumentarfilmerin sind mir Innenansichten besonders wichtig. Die Fassade, der äußere Schein interessiert mich nicht, sondern das Dahinter. Das, was Menschen empfinden und selber mitteilen; nicht andere über sie. So werden allgemein gängige Klischees durch neue Bilder und neue Aussagen ersetzt – auch, oder gerade in diesem Ballett-Film." Regisseurin Annette von Wangenheim

Der Filmanfang ist ein mutiger Schritt der Regisseurin. Denn natürlich könnte man auch mit pompösen Bildern von Preisauszeichnungen, etwa vom Prix Benois de la Danse, dem Oscar der Tanzkunst, anfangen und damit die Wichtigkeit des Films und seines Protagonisten nochmal extra herausheben. Sich über die Person Martin Schläpfer dem Tanz anzunähern ist vielleicht schlichter, aber geht viel mehr in die Tiefe.

Zwischendrin

Wer ist dieser Mensch, der Tausende für den Tanz begeistert - nicht nur in Düsseldorf, sondern auch in Paris, im Oman, in Moskau? Was macht seinen Stil aus? Annette von Wangenheim lässt Martin Schläpfer, der sich immer gerne im "Zwischendrin" bewegt, der nie zufrieden ist und immer auf dem Sprung, in Off-Kommentaren erzählen, wie es ist mit ihm und dem Tanz:

"Tanz ist relativ langweilig, wenn ich folgen kann. Deshalb glaube ich, dass Tanz besser ist, wenn er nicht eine Handlung erzählt und das Schauspiel ist besser in der Handlung und die Oper auch, weil sie das Wort haben. Aber sie sind nicht so energetisch, sie können nicht so dazwischen schweben von Antworten und wirklich menschlichen Wirklichkeiten, das kann Tanz sehr wohl." Martin Schläpfer

Im Ballett-Saal

Feuer bewahren - nicht Asche anbeten

Martin Schläpfer in Alltag

Natürlich ist die Alm nur der Rahmen, schnell sehen wir Martin Schläpfer beim Proben mit seiner Kompanie in Düsseldorf, im Ballettsaal beim klassischen Training, auf das er so großen Wert legt, die Technik mit dem Spitzenschuh muss man auch pflegen, sagt er. Und wir sehen ihn selbst, als Tänzer. Mit über 50 Jahren hat er beschlossen, nochmal auf der Bühne zu stehen. Ganz im Sinne des Filmtitels: "Feuer bewahren – Nicht Asche anbeten", - ein Zitat von Gustav Mahler.

Schläpfers väterlicher Freund, der niederländische Choreograf Hans van Manen, hat für ihn das Stück "Alltag" kreiert. Auch er kommt zu Wort. Die Kamera fängt die Atmosphäre bei den Proben ein. In Martin Schläpfers Brust schlagen indes zwei Herzen:

"Es tut sehr gut Tänzer zu sein. Inzwischen muss ich auch sagen, bin ich auch ein Choreograf geworden. Ich hab lange gezweifelt, aber inzwischen glaube ich schon, dass choreografieren richtig für mich ist." Martin Schläpfer

Antrieb

Es spricht für den Film, das er dieses "Dazwischen" im Wesen von Martin Schläpfer immer wieder heraushebt. Denn es ist womöglich die kreative Ursache seines Oeuvres. Das wird anhand von fünf sehr unterschiedlichen Balletten dokumentiert. "Forellenquintett" und "Ein Wald ein See" sind zwei Werke aus Schläpfers Zeit als Ballettchef in Mainz 1999-2009. Das eine überzeugt mit Witz und Charme, das andere mit archaischer Kraft. Dazu Johannes Brahms - Sinfonie Nr 2, "Alltag" und "Deep Field" zur musikalischen Auftragsarbeit von Adriana Hölszky.

Eigene Sicht auf den Tanz

Über die Auswahl der Stücke im Film kann man streiten, mit Sicherheit hat Martin Schläpfer hier aber auch ein Wörtchen mitgeredet und eigene Akzente gesetzt. Was wiederum über seine Sicht auf den Tanz viel verrät. Zum Beispiel, dass er viel Wert auf Eigenkompositionen legt und - wie man an den Quietsche-Enten zur Brahms-Symphonie sieht, ist ihm Humor durchaus wichtig.

Farbe überall

Man muss zwischen den Zeilen lesen in diesem bemerkenswerten Film, bei dem Annette von Wangenheim dem Choreografen auch in sein Zuhause folgt, einem bunten Domizil mit verwachsenem Garten, Kaninchen und Katzen. An Wänden und auf den Böden: Überall Farbe. Hingeschüttet, aufgepinselt, verlaufen. Dazu habe er Lust, meint Martin Schläpfer schelmisch. In Zeiten, in denen das Fernsehen den Tanz nahezu abgeschafft hat und das Kino ihm höchstens einmal eine Liveübertragung widmet, setzt dieser Film mit langsamen ausgeruhten Bildern und Schnitten und mit einem sehr persönlich daherkommenden Martin Schläpfer ein Statement für die Tanzkunst.

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