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"Erschütterung" von Gila Lustiger Ein Essay über den Terror

Kulturthema am 29.2.2016 von Kathrin Hondl

Erst das Massaker in der Redaktion von Charlie Hebdo und der Angriff auf einen koscheren Supermarkt im Januar, dann das Blutbad am Abend des 13. November: Die dschihadistischen Terroranschläge 2015 haben Frankreich und die französische Gesellschaft verändert. Das spürt auch die deutsch-jüdische Schriftstellerin Gila Lustiger, die seit fast 30 Jahren in Paris lebt. Nun erscheint ihr neues Buch, ein Essay mit dem Titel "Erschütterung".

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"Nun sind wir alle Juden"

Es ist dieser eine Satz, der wie kein anderer die titelgebende "Erschütterung" ausdrückt. Eine ihrer Freundinnen, so erzählt Gila Lustiger, sagte ihn nach den Terrorangriffen vom 13. November. Eine Jüdin, die Auschwitz überlebt hat. Doch als diese Frau sagt, dass wir nun alle Juden sind, erinnert sie vor allem an die zahlreichen antisemitischen Gewalttaten in Frankreich, bevor die Massaker in Paris das Land erschütterten.

"Die Zivilgesellschaft hat sich mehr oder weniger damit abgefunden, dass Juden angegriffen werden, oder Journalisten oder Karikaturisten. Und viele Juden fühlen sich eben dadurch auch ausgegrenzt, dass die Zivilgesellschaft es hinnimmt und auch akzeptiert, dass sie potentielle Opfer sind. "Jetzt sind wir alle Juden" bedeutet, dass jetzt alle potentielle Opfer sind." Gila Lustiger

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Von wegen

Sagt Gila Lustiger, und in ihrem Buch schreibt sie: "Man möchte einfach verstummen. Und dennoch muss weitergedacht werden." Auf der Suche nach Ursachen und Gründen für den dschihadistischen Terror in Frankreich erinnert Gila Lustiger an die wochenlangen Jugendkrawalle 2005 in den Banlieues französischer Großstädte.
Sie beschreibt die Arbeits- und Perspektivlosigkeit der Jugendlichen, aber auch ihre beunruhigende Sprachlosigkeit.

Dass die Randalierer damals neben Polizisten, Kindergärten oder Bushaltestellen auch Bibliotheken angriffen, sieht sie als Vorzeichen der Gewalteskalation von 2015: "70 brennende Bibliotheken, und (...) keinem einzigen fiel ein, diese Übergriffe als Symptome einer Krankheit zu deuten, deren Verlauf unabwendbar im Attentat auf Charlie Hebdo und in den Terrorakten vom 13. November hat münden müssen." Schreibt Gila Lustiger und beschreibt die bekannten französischen Missstände: das permanente Scheitern einer technokratischen Politik in den Banlieues, die Selbstgerechtigkeit der sich selbst reproduzierenden Eliten, Schulen, auf denen "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" geschrieben steht, die das Versprechen aber nicht einlösen.

Nach den Anschlägen in Paris

Nach den Anschlägen in Paris

"Das Volksempfinden ist mir immer suspekt"

Doch es sind weniger Informationen und Analysen, die Gila Lustigers Buch interessant machen. Es sind vielmehr ihre persönlichen Beobachtungen und Selbstbeobachtungen im vom Terror gezeichneten Pariser Alltag. So beschreibt sie zum Beispiel sehr eindrücklich ihr Befremden, als in einer Bar die Gäste spontan die Marseillaise anstimmen, während das Fernsehen die ebenfalls singende Nationalversammlung zeigt.

"Ich bin Deutsche, und ich bin Jüdin. Von daher ist mir das Volksempfinden immer suspekt. Also, wenn man kollektiv die Marseillaise singt, zucke ich innerlich zusammen. Die Stimmung hier ist definitiv gekippt. Ich meine: Vier von fünf Franzosen sind für den Ausnahmezustand. Das ist eben das Fatale: Eine Gesellschaft kann ganz schnell kippen. Die Franzosen haben zwischen Freiheit und Sicherheit die Sicherheit gewählt." Gila Lustiger

Gila Lustiger: Erschütterung

Gila Lustiger

Erschütterung. Über den Terror

Verlag:
Berlin Verlag
Produktion:
2016
Länge:
160 Seiten
Preis:
€ 16,00
Bestellnummer:
ISBN: 978-3-8270-1332-3

Fragen statt schneller Antworten

Gila Lustigers Buch über den Terror liefert keine schnellen Antworten, es stellt vor allem Fragen. Und genau darin liegt seine Stärke. Es ist ein "Essay" im Wortsinn. Der Versuch, die emotionale "Erschütterung" durch den Terror zu überwinden, denkend, schreibend und auch lesend. Am Ende verweist Gila Lustiger auf einen Text von Hannah Arendt: "Die Krise der Erziehung". 

"In dem Text sagt sie etwas, was mich sehr berührt hat. Sie sagt: Die Welt gerät aus den Fugen. Das ist heute wirklich der Fall, weil sie von Menschenhand gemacht ist. Und unsere Aufgabe ist es eben, tagtäglich die Welt wieder einzurenken. Dieses Einrenken, das sind keine großartigen Aktionen. Das sind ganz alltägliche kleine Geschichten, und mit so einer ganz alltäglichen peinlichen kleinen Geschichte beende ich meinen Essay." Gila Lustiger

Es ist eine Geschichte, die sich Ende November auf der Pariser Place de la République ereignete. Ein junger Muslim bot dort mit verbundenen Augen Umarmungen an. Und die Leute auf dem Platz umarmten ihn und klatschten.