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Unbegleitete Minderjährige in Deutschland "Die Flucht der Kinder"

Kulturgespräch am 16.3.2016 mit Ute Schaeffer

Die Situation der Flüchtlinge in Europa und in Deutschland ist täglich Thema in den Nachrichten, aber nicht immer hat man alle Fakten parat, auch wenn sie erschreckend sind, zum Beispiel diese beiden Zahlen: Im Jahr 2015 war jeder dritte Asylbewerber in Deutschland minderjährig, und die Gesamtzahl unbegleiteter Minderjähriger, die bei uns leben, wird inzwischen auf mehr als 60.000 geschätzt, die Einwohnerzahl einer Stadt mittlerer Größe.
Über diese jungen Menschen hat die "Deutsche Welle"-Journalistin Ute Schaeffer ein Buch geschrieben, in Kooperation mit den Auslandsredaktionen des Senders und dem "Malteser Hilfsdienst". In "Einfach nur weg – Die Flucht der Kinder" schildert Schaeffer ein Dutzend Einzelschicksale, die zeigen, wie unterschiedlich die Fluchtgeschichten sind, wie unterschiedlich auch die Ursachen. Der gesamte Erlös geht an Flüchtlingsprojekte.

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Frau Schaeffer, wo haben Sie diese Kinder und Jugendlichen getroffen?

An ganz unterschiedlichen Orten, verteilt in ganz Deutschland. Den Zugang zu minderjährigen Flüchtlingen zu bekommen, ist nicht ganz unkompliziert, Gott sei Dank. Die Minderjährigen stehen natürlich unter einem speziellen Jugendschutz, das heißt, sie werden geschützt, auch gegen Anfragen von recherchierenden Journalisten.

Mein Zugang waren die "Malteser", die schon früh eine Notunterkunft für Jungen in Berlin hatten, und über die Malteser bin ich dann auch in Rheinland-Pfalz und dann auch über die "Diakonie" in Nordrhein-Westfalen in ganz verschiedene Wohngemeinschaften gegangen und habe mich, auch auf Empfehlung der Wohlfahrtsverbände, mit bestimmten Jugendlichen hinsetzen können und lange und auch sehr ausgeruhte Interviews führen dürfen.

Dominierte da eine bestimmte Altersgruppe?

Es gibt eine Durchschnittszahl, die sagt, der durchschnittliche minderjährige Flüchtling ist kurz vor 17. Meine Einschätzung ist, dass die meisten tatsächlich 16, 17 waren. Alle haben sich selber als minderjährig, auch gegenüber den Ämtern hier in Deutschland deklariert. Bei dem einen oder anderen hatte ich durchaus den Eindruck, dass er vielleicht schon volljährig ist. Aber das ist natürlich ein sehr wichtiges Argument: Wenn die Jugendlichen früh kommen, das heißt, wenn sie jünger sind als 16, dann haben sie eine sehr gute Bleibe-Perspektive, und das wissen sie vorher. Insofern gibt es auch ein gewisses Interesse, das Alter jung darzustellen.

Viele von denen sprechen sicherlich kein Deutsch oder haben wenige Fremdsprachenkenntnisse. Wie kommt man denn mit denen ins Gespräch?

Die zwölf Kinder und Jugendlichen, mit denen ich mich unterhalten habe, zwölf von 60.000/70.000, die wir in Deutschland haben, das ist also kein repräsentatives Bild, das waren zu 80 Prozent Jungs, und die kamen aus sehr bildungsorientierten Elternhäusern. Das heißt, mit einem somalischen Flüchtling, Ibrahim, konnte ich mich tatsächlich auf Englisch unterhalten, weil seine Mutter ihn auch auf Englisch unterrichtet hat, und das ging gut. Ansonsten hatte ich Übersetzer, die zum Teil aus unseren Redaktionen kommen, die "Deutsche Welle" hat ja so schöne Sprachredaktionen wie Paschtu und Dari und ein arabischer Kollege hat mir bei den Gesprächen bei den syrischen Kindern geholfen.

Und das ist einfach wichtig, dass man jemanden dabei hat, den man kennt und der nicht nur übersetzt, sondern auch das Land kennt. Und darüber, finde ich, kann man dann im Gespräch auch gut recherchieren. Das war natürlich wichtig, denn im Grunde ist es ja so, dass ich mich auch auf die Geschichte meiner Gegenüber verlasse.

Was sind denn so die Erwartungen, die Hoffnungen, die Sie in diesen Gesprächen erspürt haben?

Es gibt so wunderbare Zitate, die haben sich mir tief eingeprägt, zum Beispiel von einem jungen Syrer, der sagt: "Mein Land will seine Menschen zu Verlierern machen, und dazu will ich nicht gehören." Oder ein ganz erstaunter Ausruf, von Ibrahim aus Somalia, der mit einem Lachen sagt: "Ute, bei euch ist ja sogar die Polizei ein guter Ansprechpartner. Hier in Deutschland ist alles sicher, alle halten sich an Regeln."

Die jungen Leute brechen ja auf aus Systemen, in denen der Staat die Rechte seiner Bürger nicht mehr schützt, in denen es keine Polizei gibt, niemanden, an den man sich halten kann, wenn die eigenen Rechte verletzt sind oder Islamisten einem ständig folgen. Sie kommen aus ganz unsicheren Lebenssituationen, und was sie hier suchen und was sie vor allen Dingen erwarten, ist erst mal Ruhe und Sicherheit.

Und für mich war erstaunlich zu sehen, wie sich in wenigen Wochen auch traumatisierte Kinder erholen, einfach nur dadurch, dass sie in derselben Wohngruppe sind, dass sie mit denselben Kindern ihres Alters unterwegs sind, auch wenn die aus anderen Ländern kommen, dass derselbe Sozialarbeiter für sie da ist und um sie herum ein relativ stabiles und kontinuierliches System. Das haben sie über die Wochen und Monate ihrer Flucht natürlich nicht gehabt, sondern stattdessen absolute Extreme.

Die Betreuung ist relativ gut, sagen Sie. Was sind aber Ihre Forderungen, oder was empfehlen Sie der Politik im Umgang mit dieser speziellen Gruppe Flüchtlingen, mit diesen unbegleiteten Minderjährigen?

Zunächst mal kann man von den Rezepten der Jugendhilfe tatsächlich lernen, wie intensiv, wie individuell Integration ist und was man als deutsche Gesellschaft leisten muss, wenn man möchte, dass diese Menschen ein Teil, ein produktiver Teil unserer Gesellschaft werden. Das ist ganz wichtig. Da sind die Jugendlichen in einer besseren Situation als erwachsene Flüchtlinge.

Ein zweiter Punkt ist, so schnell wie möglich in Sprachkurse und Schule, je früher das anfängt, desto besser ist es. Ich habe im Laufe der Recherche gesehen, wenn 15-/16-Jährige hier sofort in die Schule gehen und auch sehr viel Deutschunterricht bekommen, dann machen sie ganz, ganz schnell Fortschritte, und je älter jemand ist, desto schwieriger ist es. Das heißt, meiner Meinung nach, sich erstens Integration wirklich ganzheitlich und genau angucken. Da fehlen Funktionen, da arbeiten die verschiedenen Ebenen noch nicht richtig zusammen. Das Mindset in unseren Behörden und in den unterschiedlichen Bundesländern ist nicht das gleiche. Und es ist leider auch nicht damit getan, sich national zu erhitzen oder sich allein die Ergebnisse von Landtagswahlen anzuschauen.

Ich finde, wir müssen uns zunächst mal ehrlich machen in dem Punkt, dass 80 bis 90 Prozent dieser Jugendlichen bleiben werden. Und wenn ich das weiß, dann muss ich eine Integrationspolitik machen, dann müssen die rein in Ausbildung, rein in ihre gleichaltrige Gruppe, auch rein in unsere Gesellschaft, und das mit aller Kraft und mit allen Instrumenten.

Mir ist die Frage der Zuwanderung und der Flüchtlinge hier immer noch zu sehr im Ressort des Innenministeriums verankert; was fehlt, ist eine kohärente Politik, die Bildung, die Gesundheit umfasst, die alle unterschiedlichen Ressourcen mit einschließt und die nicht mehr nur auf das hier Ankommen und auf Zeit bleiben zielt, sondern auf das Integrieren. Ich fordere am Ende dieser Recherchen ganz klar, dass wir umstellen auf eine Integrationspolitik.

Das SWR2 Kulturgespräch mit der Journalistin und Autorin Ute Schaeffer führte Fabian Elsäßer am 16.3.2016 um 7.45 Uhr.

Ute Schaeffer: "Einfach nur weg – Die Flucht der Kinder"; Verlag dtv premium; Preis: EUR 14,90.