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Stand der Dinge im deutschen Film Es fehlt die internationale Relevanz

Kulturthema am 9.2.2016 von Rüdiger Suchsland

Wie gut geht es dem deutschen Kino? Die Jubelmitteilungen der Filmförderanstalten überschlagen sich regelmäßig: Zuschauerzahlen, Marktanteile, alles super. Anderseits scheint das Autorenkino, also individuelle Kunst, die von der persönlichen, einmaligen Handschrift eines Filmemachers geprägt ist, zunehmend auf der Strecke zu bleiben.

Bei der Berlinale, die am Donnerstag beginnt, laufen diesmal, obwohl insgesamt über 400 Filme gezeigt werden, so wenig deutsche Filme wie noch nie.

Wo sind die deutschen Autorenfilme? Sie werden nicht mehr gemacht, weil Förderer und Financiers nur noch auf wenige Publikumshits setzen, die so sicher wie langweilig sind.

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Autorenfilmer der 60-er Jahre

"Ich hätte ein paar Filme weniger machen können, ja, aber es flutschte alles so gut.", sagte einmal Rudolf Thome, geboren 1939, in den sechziger Jahren deutscher Jungfilmer, einer von den Münchner Rebellen, die auch noch gegen den Autorenfilm der Schlöndorffs und Fassbinders rebellierten. Dieser Autorenfilm war Leuten wie Klaus Lemke, Roland Klick und eben Rudolf Thome zu ernst und zu amerikanisch. Thome machte erst in München, dann in Berlin ein deutsches Autorenkino, das eher an Frankreich und Italien orientiert war, Werke wie "Rote Sonne", "Supergirl" oder "Berlin Chamissoplatz". 28 Filme hat Thome bislang gemacht. Sie gewannen Preise, und noch vor wenigen Jahren drehte Thome mit Stars wie Hannelore Elsner oder Hannah Herzsprung. Aber jetzt kann Thome keine Filme mehr drehen. Warum eigentlich nicht?"

"Rudolf Thome - Überall Blumen"

Dieser Frage spürt ein Dokumentarfilm nach, der in wenigen Tagen auf der Berlinale seine Weltpremiere haben wird.

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Berlinale 2012 | Forum

Rudolf Thome- Überall Blumen

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Irgendwo in Brandenburg türmen sich in einer Scheune verrostete Filmdosen, umgeben von kistenweise Requisiten und Kostümen. All die Objekte wären in einem Filmarchiv sicherlich besser aufgehoben.

Irgendwo in Brandenburg türmen sich in einer Scheune verrostete Filmdosen, umgeben von kistenweise Requisiten und Kostümen. All die Objekte wären in einem Filmarchiv sicherlich besser aufgehoben.

Bisher hat sich niemand bei dem Regisseur Rudolf Thome gemeldet, um sie abzuholen. Von der Filmwelt fühlt er sich vergessen.

Im März 2014 wagt Rudolf Thome einen letzten Versuch, einen Film zu realisieren. Seine ehemalige Assistentin, die Dokumentarfilmerin Serpil Turhan, begleitet ihn bei dem heiligen "Drehbuchschreibritual", das genau 28 Tage dauert, und in sein persönliches Paradies.

So nennt er seinen riesigen Garten in Brandenburg, der neben dem Filmemachen seine große Passion ist. Die Entwicklung seiner Pflanzen dokumentiert er mit Fotos, Videos und Texten in seinem Tagebuchblog.

Regie führte Serpil Turhan, die früher auch in mehreren Filmen Thomes mitspielte. Turhan ist ein schöner, überaus zärtlicher Film gelungen, der nicht allein ein Porträt Thomes ist, sondern auch eine Hommage an das Handwerk des Autorenfilms als solchem und – unterschwellig – ein Film, der die Krise des deutschen Kinos zum Thema macht.

Die Krise des deutschen Kinos

Denn das deutsche Kino ist in der Krise. Dass das so ist, belegt etwa der Fall Thome. Denn statt zu fragen, warum Rudolf Thome keine Filme mehr macht, mehr machen kann, warum sich unter den Filmförderern und finanzierenden Fernsehsendern für diese Art von Kino keine Financiers mehr finden, könnte man auch fragen: Warum macht Alexander Kluge nur noch tolles Fernsehen, aber kein Kino mehr? Oder: Warum macht Klaus Lemke, Thomes alter Weggefährte, nur noch Guerilla-Filme, wie jetzt gerade in Fuerteventura, aber warum zeigt die niemand? Die Berlinale hat Klaus Lemkes letzten Film gerade abgelehnt.

Man könnte aber auch einfach fragen: Was ist bloß los im deutschen Kino?

Nur ein deutscher Film im Wettbewerb der Berlinale

24 Wochen

"24 Wochen" mit Julia Jentsch in der Hauptrolle. Kabarettistin Astrid ist im sechsten Monat schwanger, als sie erfährt, dass ihr ungeborenes Kind schwer behindert sein wird.

Die Fakten sind klar: Bei den Internationalen Berliner Filmfestspielen, die übermorgen beginnen, läuft nur ein deutscher Film im Wettbewerb: "24 Wochen" von Anne Zohra Berrached.

Und auch in den anderen Sektionen findet man so wenig deutsche Filme wie nie. Dabei tritt das Festival mit dem Anspruch an, dem deutschen Film eine Plattform zu bieten. Und auch auf anderen internationalen Filmfestivals wurden in den letzten Jahren immer weniger deutsche Filme gezeigt.

Abschied vom Autorenkino

Jedes Jahr gibt es ein paar Filme wie "Fuck Ju Göte", "Honig im Kopf" und ähnliches, die Millionen einheimische Zuschauer finden – im Ausland interessieren sie niemanden. Doch das Autorenkino scheint langsam, aber sicher zu verschwinden.

Der Zustand des deutschen Gegenwartskinos scheint durchwachsen und allemal verunsichert. Die "Berliner Schule" ist kein Vorbild mehr, und der "Berliner Flow" des sogenannten "German Mumblecore" wird es nicht werden – zu amateurhaft ist der Stil, der aus einem ununterscheidbaren Mix aus Fiktion und dokumentarischem Naturalismus mit mal mehr, mal weniger Ideen eine Tugend zu machen versucht.

Wo sind sie alle?

Und was machen eigentlich Hans-Christian Schmid, Oskar Roehler, Tom Tykwer, Andreas Dresen oder Fatih Akin? Von etablierten Regisseuren wie ihnen kommt zurzeit wenig Anregung, und auch die Regisseurinnenlobby "Pro Quote" produziert mehr Manifeste als Filme.

Die Ausnahme von der Regel

Es gibt Ausnahmen und Gegenbeispiele. Ein solches scheint Nicolette Krebitz zu sein. Die Schauspielerin hat gerade ihre dritte Regiearbeit mit dem Titel "Wild" gedreht und beim amerikanischen Sundance Film Festival vorgestellt. Aber diesen Film, der von einer jungen Frau handelt, die beginnt, mit Wölfen zu leben, hätte Krebitz fast nicht machen können. Sechs Jahre lang kämpfte sie um die Finanzierung ihres radikalen Drehbuchs. Erst gemeinsam mit einer sehr besonderen und besonders hartnäckigen Produzentin, Bettina Brokemper aus Köln, konnte sie ihre Idee dann doch noch realisieren. Immerhin.

Die Berlinale hätte Nicolette Krebitz und ihren Film "Wild" gerne einladen. Aber Krebitz und ihre Produzentin gingen lieber weg aus Deutschland und zum Sundance Film Festival in die USA. Auch kein Ruhmesblatt für die deutsche Filmszene. Aber das ist eine andere Geschichte.

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