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Christian Jankowski in der Galerie Contemporary Fine Arts Berlin Mit Pfeil und Bogen gegen Supermarkt-Hähnchen

Kulturthema am 15.1.2016 von Simone Reber

Es klang wie ein Scherz, als die renommierte Berliner Galerie Contemporary Fine Arts pünktlich zur Berlinale eine Christian Jankowski Retrospektive ankündigte, kuratiert von Nina Hoss! Jankowski ist bekannt dafür, dass er in seinen Videos die Kunstwelt an der Nase herumführt. 1968 in Göttingen geboren, studierte er in Hamburg und lehrt heute als Professor für Bildhauerei an der Staatlichen Kunstakademie Stuttgart. Derzeit bereitet er gerade selbst als Kurator die diesjährige "manifesta" in Zürich vor, die Europäische Biennale für Zeitgenössische Kunst. Und kein Scherz, seine Retrospektive wurde am 14.1. eröffnet, kuratiert von der Schauspielerin Nina Hoss.

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Ein Bauzaun versperrt die Sicht auf die Videos. An der Stirnseite des Raums steht eine Küchenzeile mit Herd und Spüle. Mit der pfiffigen Retrospektive von Christian Jankowski bricht die Realität mit ihrer Unübersichtlichkeit, ihren Zufällen und Widersprüchen in den staubfreien Kunstraum der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts ein. Als Kuratorin bringt die Schauspielerin Nina Hoss nicht nur Glamour, sondern auch Bodenständigkeit mit. Zehn Stunden Film hat sie für den eigens eingerichteten Kinosaal ausgewählt und sich dabei vor allem vom Blick des Künstlers leiten lassen.

"Das ist immer ein nicht beurteilender, verurteilender Blick, sondern ein offener Blick, einer der Räume öffnet und nicht zu macht. Und ich kann mir später, wenn ich die Filme gesehen habe, selbst ein Bild machen und krieg die Fragen vielleicht gar nicht beantwortet, aber ich muss über etwas nachdenken, weil es immer eine Irritation gibt." Nina Hoss

Im Rückblick berühren die frühen Filme, in denen sich Christian Jankowski mit fröhlichem Trotz den Widrigkeiten des Lebens entgegenwirft. Mit Pfeil und Bogen erlegt er im Supermarkt tiefgefrorene Hähnchen, Toilettenpapier und Margarine. Der Witz der Arbeiten resultiert oft aus dem Tauschhandel "Ware gegen Kunst".

Zu seinem Einstand an der Hamburger Kunsthochschule machte der Neuankömmling tabula rasa, indem er den Fußboden des Unterrichtsraums abschliff.  Ein Parkettschleifer lieh ihm die Geräte, im Gegenzug erhielt er den bei der Aktion entstandenen Film als Werbevideo. So ist man versucht, auch die Anwesenheit von Nina Hoss als Inszenierung des Künstlers zu deuten, zumal ein Hochglanzfoto der Schauspielerin für die Ausstellung wirbt.

"Man kann es Glanz in der Hütte nennen, es bringt aber auch High Energy. Das ist nicht nur so ein Starrummel, dass alle Nina Hoss fotografieren und die Blitzlichter gehen. Ich habe eher das Gefühl in Zusammenarbeit mit Nina, dass das meinem Werk extrem gut tut, Aufmerksamkeit da rein zu bringen und sich das nicht nur anzuschauen und dass es nicht um Oberfläche dabei geht. Christian Jankowski

Vor allem bietet die Begegnung zwischen zwei Top-Profis die Chance, über die unterschiedliche Bildsprache in Kunst und Kino nachzudenken. Noch immer tritt in der Konzeptkunst die filmische Gestaltung hinter der Idee zurück. Da könnten die Künstler von den Filmemachern lernen.

Christian Jankowskis Werk, das sich manchmal sehr um sich selbst dreht, gewinnt durch die kluge Außensicht. In der Retrospektive kommt der subversive Witz zum Vorschein, der seine Funken aus der Begegnung zwischen Banalem und Erhabenem schlägt. Für eine Ausstellung in der Londoner Lisson Galerie etwa, bat Jankowski die Galeriemitarbeiter, Huldigungen zu formulieren. Einige Interviewpartner bringen in "Bravo Jankowski" deutlich ihr Unwohlsein zum Ausdruck, weil sie sich vom Künstler vereinnahmt fühlen.

"Es sind eigentlich immer zwei extreme Pole, die mich interessieren: ja und nein, dass man sagt, man macht eine Hommage, und gleichzeitig untergräbt man diesen Kanon." Christian Jankowski

Mit Charme und Energie behält Christian Jankowski die Lage unter Kontrolle und lässt gleichzeitig zu, dass sich das Leben selbstständig macht. "Das Leben", hat die Filmemacherin Agnes Varda einmal gesagt, "sind die Störungen."

Umgekehrt nimmt Nina Hoss aus der Arbeit an der Ausstellung Anregungen für ihr Spiel mit.

"Wo ich eine Ähnlichkeit in der Suche nach Dingen finde, ist die Suche nach der Irritation. Wenn ich eine Figur kreiere, denke ich auch immer darüber nach, wo ist die Irritation, wo ist etwas, was ich nicht ganz begreifbar machen will, damit ich den Raum aufmache, damit sich der Zuschauer in ein Verhältnis setzen oder den Rest anfüllen kann mit sich und das ist ja, was passiert, wenn man ein Kunstwerk anschaut. Nina Hoss

 

Die "Christian Jankowski Retrospektive, kuratiert von Nina Hoss" ist bis zum 5. März 2016 in der Galerie Contemporary Fine Arts in Berlin zu sehen.

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