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Argentinische Graphic Novel im Literaturhaus Stuttgart Die Junta und die Kraft des Comics

Kulturgespräch am 18.1.2016 mit Johann Ulrich, dem Herausgeber der ersten deutschen Übersetzung von "El Eternauta"

1957 zeichnetet der argentinische Autors Héctor Germán Oesterheld den Science-Fiction Comic "El Eternauta": Außerirdische erobern Buenos Aires, versklaven die Einwohner und töten viele von ihnen. Knapp 20 Jahre später, 1976, ergriff eine Militärjunta die Macht in Buenos Aires und Argentinien, unterdrückte die Einwohner, verschleppte und tötete zehntausende Menschen, auch den Comic-Autor Oesterheld.

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Der Science-Fiction Comic "El Eternauta" ist der berühmteste Comic Argentiniens, weil er ein traumatisches Kapitel der argentinischen Geschichte - die Militärdiktatur der 70er Jahr - symbolisiert. Eine Ausstellung im Literaturhaus Stuttgart befasst sich jetzt mit dem "Mythos Eternauta".

Herr Ulrich, eine Ausstellung, eine deutsche Erstübersetzung, was ist das Faszinierende an diesem argentinischen Comic aus den 1950er Jahren?
Was das Faszinierende an "Eternauta" und seinem Autor ist sozusagen die Verbindung zwischen Fiktion, der Comic stammt ja aus den späten 50er Jahren, und dem Wissen um die argentinische Geschichte, mit dem man den Comic heute liest und die Militärdiktatur der 70er Jahre, in der an die 30.000 Menschen ihr Leben verloren. Man kann also geradezu davon sprechen, dass Oesterheld eine Ahnung gehabt hätte von dem, was in Argentinien 20 Jahre später passieren würde.


Sie haben schon gesagt, dass dieses Comic so eine Art Vorausahnung Oesterhelds war. War es ein Plan von Oesterheld, einen Comic über politische Systeme der Unterdrückung zu schreiben, oder ist das etwas, was man heute, mit dem Wissen über die Geschichte Argentiniens, ein bisschen da hinein interpretiert?

Ich glaube, das hat mit der Rezeption zu tun. Der Comic wurde in den 50er Jahren wahrscheinlich mit anderen Augen gelesen als nach der ersten Buchausgabe Anfang der 70er Jahre, die, glaube ich, 1973 erschien und dann eine ganz andere Rezeption erfahren hat. Dieser Kampf gegen die Außerirdischen, die man nie sieht und die man auch nicht namentlich benennt, man spricht immer von "ihnen" oder "sie", hat eine frappierende Ähnlichkeit mit den 70er Jahren, als viele Leute, auch Oesterheld selbst, in den Untergrund gingen, um gegen die Militärdiktatur von Videla zu kämpfen. Man nennt seine Gegner nicht beim Namen, wenn man einem übermächtigen Feind gegenübersteht, und das trifft sowohl auf die Außerirdischen als auch auf die weitere dramatische Geschichte des Autors zu. Für Oesterheld selbst, denke ich, war es mehr seine Version von "Robinson Crusoe", nur dass sein Held, Juan Salvo, eben nicht von einem tatsächlichen Meer umgeben ist, sondern einem Meer des Todes. Und ich glaube, diese Einsamkeit des Menschen, der im Ozean gestrandet ist, spiegelt quasi die Einsamkeit des Menschen, der in einer Militärdiktatur lebt, wider.


Heute wird dieser Comic als ein Symbol gesehen, für ein Kapitel der argentinischen Geschichte. Der vollständige Titel der Ausstellung im Literaturhaus Stuttgart heißt ja: "Die politische Kraft von Comics, am Beispiel Héctor Germán Oesterhelds 'El Eternauta'". Worin genau liegt denn diese politische Kraft von Comics?

Im Fall von "Eternauta" liegt sie darin, dass sie untrennbar mit dem Schicksal Oesterhelds verbunden ist. Der Autor zählt zu den Verschwundenen, genauso wie seine vier jungen Töchter. Alle fünf Familienmitglieder wurden von der Militärdiktatur verhaftet und verschwanden in irgendwelchen Folterzentren. Bis heute weiß man nichts über ihren Verbleib. Die einzige Überlende der Familie war die Witwe bzw. Mutter Elsa, die ihr Leben der Aufklärung dieses Verbrechens gewidmet hat. Sie war eine der ersten Frauen, die Aufklärung gefordert hat über den Verbleibt der Enkel.

Es gibt diese Großmutter-Bewegung in Argentinien, die nach Verschwundenen suchen.

Ja, Elsa Oesterheld war eine der Gründungsmitglieder. Und sie hat zwei ihrer Enkel, die zum Teil in Haft geboren wurden, auch ausfindig gemacht, und es besteht auch die Möglichkeit, dass es noch mehr Enkel gibt, die man aber bis heute nicht ausfindig machen konnte.

Elsa Oesterheld

Elsa Oesterheld (links), die Witwe des Schriftstellers Héctor Oesterheld, ist Teil einer Bewegung, die nach Verschwundenen sucht. Im Bild mit der ehemaligen argentinischen Präsidentin Christina Fernandez de Kirchner auf der Buchmesse in Frankfurt, 2010


Oesterheld hat seinen Comic ja bereits 1957 geschrieben, also zu einer Zeit, die ansonsten doch eher von Superhelden- oder Abenteuer-Comics geprägt war. Erst sehr viel später, so in den 60er und 70er Jahre, gibt es dann gesellschaftskritische Töne in amerikanischen Underground-Comics, etwa von Robert Crumb oder Will Eisner. War Oesterheld da auch ein bisschen ein Vorreiter, ein Vorbild?

Definitiv, da haben Sie völlig recht. Was "Eternauta" von den üblichen US-amerikanischen Comics unterscheidet, ist, dass es in der Realität verankert ist. Es spielt in Buenos Aires, jede Straßenkreuzung wird benannt. Der damalige Leser konnte seine eigene Stadt wiedererkennen und konnte auch den Wegen des "Eternauta" auf Schritt und Tritt folgen. Das war ein großer Unterschied. Der andere ist, dass Oesterheld eben nicht diese strahlenden Helden porträtiert, seine Helden sind meist gebrochene, zweifelnde und eben alles andere als strahlende Helden. Damit war er seiner Zeit doch weit voraus, und ich glaube, dass viele Autoren, auch im europäischen Comic, da von Oesterheld inspiriert wurden.


Allerspätestens nach Art Spiegelmans Comic "Maus" über den Holocaust ist unstrittig, dass der Comic ein geeignetes Medium ist, um solche Themen zu behandeln. Welche Mittel hat der Comic, die andere Kunstformen nicht haben, um solche Themen zu behandeln?

Ich denke, der Comic ist im Grunde ein Medium wie jedes andere auch. Wir haben zum Beispiel in den letzten Jahren die Entwicklung hin zum Comic-Journalismus, was in anderen Ländern vielleicht schon weiter verbreitet ist. Frankreich nimmt in Europa da immer eine Vorreiterrolle ein. Und im Journalismus etwa ist es so, dass wenn jetzt jemand zum Beispiel einen Comic über einen Kriegskonflikt macht, der nicht am nächsten Tag in der Zeitung erscheinen können wird, sondern das wird Wochen, wenn nicht sogar Monate dauern. Und insofern ist das weniger ein tagesaktueller Einblick, aber der Comic schafft dann vielleicht trotzdem einen größeren Gesamtüberblick über bestimmte Situationen.

Ausstellung bis zum bis Freitag 15. April im Literaturhaus Stuttgart:
Der Mythos Eternauta - Héctor Germán Oesterheld
Ein argentinischer Comic und die Militärdiktatur

Das SWR2 Kulturgespräch mit dem Verleger Johann Ulrich führte Martin Gramlich am 18.1.2016 um 7.45 Uhr.

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