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Lebenswege von drei Menschen ab der Wendezeit Andreas Voigt, "Alles andere zeigt die Zeit - in Leipzig und anderswo 1989-2015"

Heimkino am 1.9.2016 von Mareike Gries

Noch zu DDR-Zeiten hat Andreas Voigt seine Karriere als Dokumentarfilmer begründet, indem er das Leben der ganz normalen Leute gefilmt hat. 1986 war das, in Leipzig: Der Beginn seiner Leipzig-Reihe, die Voigt bis 2015 weitergeführt hat. Einige seiner Protagonisten hat er in diesen knapp 30 Jahren immer wieder getroffen, so dass bemerkenswerte Langzeitbeobachtungen entstanden. Sein neuester Film zeigt die Lebenswege von drei Menschen ab der Wendezeit in Leipzig bis heute.

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Ein junger Mann und eine junge Frau liegen gemeinsam im Bett, beide haben Tätowierungen und sehen fast aus wie Kinder, so jung sind sie. Anfang der 1990er Jahre ist das, Diana geht noch zur Schule, Sven ist bei der Bundeswehr.

Filmszene Sven und Diana 1996

Diana und Sven 1996

"Also eigentlich hatten wir vor, dieses Jahr zu heiraten. Naja und dann irgendwann eine kleine family oder so. Aber im Prinzip ist es jetzt schon wie verheiratet." Filmszene

20 Jahre später ist alles anders. Sven und Diana sind längst kein Paar mehr, er trauert ihr aber noch immer nach. Inzwischen lebt er im Ruhrpott, ist arbeitslos, läuft an Krücken. Seine Lebensmittel bekommt er von der Tafel. In der Wuppertaler Schwebebahn erzählt Sven davon dem Filmemacher Andreas Voigt.

„Ja und jetzt hier das Leben soweit wie’s geht wieder auf die Reihe kriegen und einfach noch was draus machen.“ „Also Absturz und Neuanfang in den letzten Jahren?“ „Ja. Totalabsturz.“ Filmszene

Selten hört der Zuschauer die Stimme des Regisseurs aus dem Off, einen zusätzlichen Sprechertext gibt es gar nicht. Genauso reduziert ist auch der Bildaufbau, der manchmal an die Arbeiten des österreichischen Regisseurs Ulrich Seidl erinnert: Die kleinbürgerlichen Wohnungen, der Vorgarten-Mief, die ewige Mittelmäßigkeit fängt Andreas Voigt mit langen, ruhigen Einstellungen ein. Nur Isabel scheint der Mittelmäßigkeit entkommen.

Filmszene mit Isabel 1990

Filmszene mit Isabel 1990

Zur Wendezeit ist sie ein Grufti mit zerrissenen Klamotten und hochtoupierten Haaren. Mit ihrer Clique hängt sie in Häuserruinen rum und sieht den Zerfall ihres Heimatlandes mit gemischten Gefühlen.

„Mir wird nichts anderes übrig bleiben, als mein Outfit zu ändern und mich dem eben anzupassen.“ „Wem anzupassen?“ „Was hier los ist. Ich meine, ich werd dann eben mit normalen Klamotten rumrennen müssen.“ „Und wie willst Du mal leben in Zukunft?“ „Weiß ich nicht. Keine Ahnung. Ich bemühe mich, das Leben zu schaffen. Mehr eigentlich nicht.“ Filmszene

Filmszene mit Isabel 2015

Filmszene mit Isabel 2015

Wenige Jahre später ist aus dem rebellischen Teenager eine fleißige Auszubildende geworden, zur Rechtsanwaltsgehilfin in Stuttgart. Und wir erleben Isabel noch einmal einige Jahre später als Insolvenzverwalterin, die sich einen Ferrari leisten kann. Wilde, hochgegelte Haare hat sie noch immer.

„Du bist jetzt Unternehmerin. Wie ist denn das?“ „Also meine Oma hat mich mal irgendwann, wo sie noch gelebt hat, gefragt: Bist Du jetzt Kapitalist? Und dann hab ich gesagt: Ich glaub, so würde man das nennen, wenn man das so nennt. Ich sehe aber das Unternehmertun eher als eine Art, Verantwortung zu übernehmen.“ „Das hätten wir nicht gedacht, damals, 1990 in Leipzig.“ „Ihr vielleicht nicht. Ich denke, das war immer schon mein Bemühen, unabhängig und selbständig zu sein.“ Filmszene

Filmszene mit Jenny, sie hält ein Bild von sich, ihrer Mutter Renate und ihrem Bruder David in Händen

Jenny, sie hält ein Bild von sich, ihrer Mutter Renate und ihrem Bruder David in Händen

Und dann ist da noch Jenny. Sie hat irgendwann ihre Mutter als Protagonistin abgelöst. Mutter Renate war Journalistin und hat für die Stasi gearbeitet. Sie hat sich das Leben genommen. Tochter Jenny will nun die Stasiakten ihrer Mutter einsehen.

„Warum stellst Du jetzt den Antrag?“ „Weil’s Zeit wird. Ich hab noch nie einen gestellt, ich hab schon oft drüber nachgedacht und ich denke, es ist an der Zeit, dass ich mich damit beschäftige. Dass ich weiß, was alles damals tatsächlich passiert ist.“ Filmszene

Ein Arbeitsloser, eine Insolvenzverwalterin, eine ehemalige Journalistin mit Stasi-Vergangenheit – eigentlich sind es keine besonders außergewöhnlichen Lebensgeschichten, die Andreas Voigt ins Zentrum seines Films rückt. Wären die Interviews nur Momentaufnahmen, hätten sie keinerlei Reiz. Das Besondere entsteht erst durch die Langzeitbeobachtung über die vielen Jahre, in denen der Regisseur seine Protagonisten begleitet. So unterschiedlich ihre Lebenswege auch sind: Bei allen wird deutlich, wie sie das Leben in der DDR und vor allem der überraschende Zusammenbruch des Systems geprägt haben. Bis heute.

Risse durch Millionen Biografien

Dadurch ist die Dokumentation nicht nur für Zuschauer interessant, die selbst in der DDR gelebt haben oder sich als Versender von Westpaketen daran erinnern können. Der Film ist besonders denjenigen zu empfehlen, die noch immer von Jammer-Ossis sprechen oder von den Ostdeutschen irgendeine Art von Dankbarkeit erwartet haben. Der Mauerfall hat Risse durch Millionen Biografien gezogen – Andreas Voigt hat diese Risse auf bemerkenswerte Weise offengelegt.

DVD-Cover von Andreas Voigt, "Alles andere zeigt die Zeit - in Leipzig und anderswo 1989-2015"

DVD

Titel:
Alles andere zeigt die Zeit - in Leipzig und anderswo 1989-2015
Verlag:
absolut MEDIEN
Produktion:
Deutschland 1989-2015
Regisseur:
Andreas Voigt
Schauspieler:
ISABEL einst Punkmädchen, heute Insolvenzverwalterin - JENNY auf der Suche nach der Geschichte ihrer Familie - SVEN schlägt sich als Arbeitsloser durchs Leben.
Drehbuch:
Andreas Voigt
Genre:
Dokumentation
Länge:
95 Minuten
Altersempfehlung:
ohne Altersbeschreibung
Sprachen:
Deutsch
Untertitel:
Englisch
DVD-Format:
PSL
Ländercode:
codefree
Preis:
ab 14,90 Euro
Bestellnummer:
ISBN: 978-3-8488-8017-1

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