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Auszeichnung Hörspiel des Monats

Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste zeichnet seit 1977 jeden Monat ein Hörspiel aus den Produktionen der ARD-Anstalten als Hörspiel des Monats aus und wählt seit 1987 aus den prämierten Werken ein Hörspiel des Jahres.

Im Folgenden finden Sie die letzten sechs Hörspiele des Monats. Eine vollständige Liste aller Hörspiele des Monats seit 1987 finden Sie auf der Homepage der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste.


Letzte Änderung am: 17.11.2006, 16.24 Uhr



Hörspiel des Monats März 2010Huckleberry Finns Abenteuer - Teile 1-5

Hörspiel nach Episoden aus Mark Twains gleichnamigem Roman
Bearbeitung und Regie: Alexander Schuhmacher

Begründung der Jury:

Die in doppelter Hinsicht frische Übersetzung von Mark Twains »Tom Sawyer und Huckleberry Finn« durch Andreas Nohl bildet die Grundlage der fünfteiligen Hörspieladaption »Huckleberry Finns Abenteuer«, die Deutschlandradio Kultur mit liebevollem und klugem Sinn für die Vorlage produziert hat. Der zweite Teil des Kinderbuchklassikers von 1884 schildert die Reise von Huck, angefangen bei der Flucht von Tante Polly, den verschiedenen Stationen auf der Floßfahrt den Mississippi hinab mit dem Neger Jim und all den zufälligen Reisebegleitern bis hin zur Wiedervereinigung mit Tom Sawyer.

 Die Produktion greift Traditionen von Kinderhörspielen auf, was besonders in den Sprechweisen und in der Inszenierung der Szenen und Räume erkennbar ist und bringt zugleich der Radio-Öffentlichkeit ein großes Stück Weltliteratur nahe, tatsächlich ein Hörspiel für groß und klein. Mit den eingeschobenen, fiktiven Gesprächen mit Mark Twain auf Englisch wird die Tonart des Amerikanischen präsent und ein Bewusstsein für die Qualitäten der Übersetzung geschaffen. Südstaatenkolorit entsteht zudem durch die eigens komponierten Stücke der Ambrosius Stompers. Dramaturgisch durchaus komplex, aber auf stringente Weise und mit erkennbarem Spaß und großer Souveränität wurde hier produziert. Textfassung ebenso wie Ton und Musik gewinnen dabei eine jeweils eigenständige Kontur.

Hervorheben möchte die Jury aus der durchweg starken Konkurrenz des Monats März zudem noch Björn Bickers »Kingdom auf schön« (BR) und Werner Cees »Winterreise featuring Schubert‘s Winterreise«

Länge: alle Teile bis ca. 55’30

Erstsendung: Deutschlandradio Kultur 10.03./17.03./24.03./31.03/07.04.2010

Letzte Änderung am: 17.11.2006, 16.24 Uhr



Hörspiel des Monats Februar 2010"Alles ist Erpel" von Holger Siemann

Regie: Gabriele Bigott

Produktion: RBB 2009

Länge: 52’58

Begründung der Jury:

Holger Siemann hat ein Schelmenstück geschrieben. Eine alte, deutsche Frau trifft auf eine junge, kroatische Frau, sie freunden sich an, schon bald zieht die Kroatin bei der Deutschen ein. Beide sind liebenswert in ihrer Gaunerhaftigkeit: Einerseits tun sie sich aus Einsamkeit zusammen, andererseits versuchen sie sich – die eine ist sich dessen weniger, die andere stärker bewusst – gegenseitig über den Tisch zu ziehen. Die in ihrem Timing überzeugende Inszenierung von Gabriele Bigott behält durchweg ihre Leichtigkeit, obgleich es um Liebe und Tod, Betrug und die Freundschaft zwischen zwei Frauen geht, um ein biographisches Lebensganzes, das sie sich gegenseitig erzählen. Ein moralischer Kern ist dabei erkennbar, es geht um die Mühen der Selbstbehauptung. Zuvorderst ist die Produktion jedoch ein sympathisch trashiges Stück. Der skurrile Tonfall wird stringent durchgehalten, auch von den Sprechern – in den Hauptrollen Ursula Werner und Winnie Böwe.

Erstsendung: RBB19. Februar 2010


Letzte Änderung am: 17.11.2006, 16.24 Uhr



Hörspiel des Monats Januar 2010Die Frau und die Stadt

von Gerlind Reinshagen


Regie: Andrea Getto
Musik: Sabine Worthmann
Dramaturgie & Redaktion: Peter Liermann
Erstsendung: 20. Januar 2010, 21.30 Uhr, Länge 59‘30“
Produktion: hr 201

Begründung der Jury:

Ein fiktiver innerer Monolog der Dichterin Gertrud Kolmar, die die Berliner Siegessäule besteigt, um sich zu Tode zu stürzen – als ein Akt der Selbstbestimmung angesichts der Gewissheit, in absehbarer Zeit in einem nationalsozialistischen Vernichtungslager getötet zu werden. Und sich, oben angekommen, doch entscheidet umzukehren und abzusteigen. Das Hörspiel von Gerlind Reinshagen, die dafür eine strenge formale Handlungs- und Motivstruktur gewählt hat, beschreibt ein Moment ästhetischen Widerstands und hat dabei weder etwas Selbstmitleidiges, noch setzt es auf schlichte Betroffenheit eines solchen Holocaust-Themas. Vielmehr erzählt das Stück subtil; nicht nur von Bedrohung, Ohnmacht, Angst, sondern auch von einer Todessehnsucht, von der Liebe zu dieser Stadt, vom Mut einer Frau, sich unter widrigsten Umständen persönliche Freiräume abzustecken. Die Rolle der Kolmar, deren Persönlichkeit Gerlind Reinshagen präzise abbildet, ist mit Angela Winkler hervorragend besetzt: Ihre zarte, zerbrechliche Stimme macht das Ausmaß der Willensstärke, der Unerschrockenheit und der Reflektiertheit dieser Figur auf besondere Weise begreifbar.

Letzte Änderung am: 17.11.2006, 16.24 Uhr



Hörspiel des Monats Dezember 2009"Das Haus" von Mark Z. Danielewski

aus dem Amerikanischen von Christa Schuenke

Bearbeitung: Thomas Böhm

Regie: Claudia Johanna Leist/ Jörg Schlüter/ Martin Zylka

Erstsendung: 10.12.09

Länge: 53’30’’

Produktion: WDR

Die Begründung der Jury:

 Ein Albtraum, eine Höhlenexpedition oder ein Trip in Dunkelkammern des Unbewussten? Mark Z. Danielewskis Kultbuch „Das Haus“ (“House of Leaves“, Übersetzung: Christa Schuenke) ist dies alles zugleich und noch mehr: dekonstruktivistische Zitatenklitterung und Schocker eines Autors, der Derridas Ironie mit elementaren Schrecken des Horrorpioniers Howard Lovecraft vereint. Von dieser effektsicheren Mischung profitiert das Hörspielprojekt, das in Thomas Böhms Bearbeitung einen Danielewski-Verschnitt in drei simultan gesendeten Versionen bietet, zwischen denen der Hörer hin und her schalten soll. Bei unterschiedlichen Perspektiven haben die drei Stücke doch den gleichen Ausgangspunkt und Hintergrund: Kaum hat die Familie eines Filmregisseurs ihr Haus bezogen, entdeckt sie unter dem vermeintlich festen Wohnsitz ein gespenstisch labiles Höhlensystem. Unter diesem Heim macht sich das Unheimliche breit. Eine groteske Kette von Ansätzen, den Abgrund samt Monster zu ergründen, versammelt Recherchemethoden, Anfänge und lose Enden von Erzählmustern: Vergeblich und mit blutigen Verlusten versuchen etwa ein Sheriff, eine Expedition, ein Abenteurertrio oder ein Dokumentarfilmer – der Hausherr -, das Labyrinth zu durchdringen. Ein Filmwissenschaftler (Roberto Ciulli) legt Bruchstücke dieser Vorstöße vor.

Die drei beteiligten Regisseure und die Komponisten (Andreas Bick, Thom Kubli, Rainer Quade) entwickeln eine akustische Ästhetik für alles, was da lockt und droht. So weit das Ohr reicht, wummert und wimmert, grollt und heult der Horrorstau in der Endlosschleife. Ein Hörspiel für Zapper? Ja, aber nicht nur. Das experimentelle Spiel spiegelt manche existentielle Herausforderung. So wird auch der Hörer zum Abenteurer, der im akustischen Labyrinth nach versprengten Stücken roten Fadens jagt.

Erstsendung: WDR, 10.12.2009



Letzte Änderung am: 17.11.2006, 16.24 Uhr



Hörspiel des Monats November 2009"Die Sicherheit einer geschlossenen Fahrgastzelle" von Thilo Reffert

Regie: Stefan Kanis

Die Begründung der Jury:

„Wahnsinn!“ war eine der Lieblingsvokabeln der Deutschen in jenem November 1989, als ohne Vorwarnung plötzlich die Mauer fiel. Was heißt hier fiel: Sie wurde einfach überrannt von DDR-Bürgern, nachdem Politbüro-Mitglied Günter Schabowski am 9. November mitgeteilt hatte, dass DDR-Bürger „Privatreisen nach dem Ausland ohne Vorliegen von Voraussetzungen“ beantragen können. Was es für den Einzelnen bedeutete, an jenem Abend zur Grenze zu gehen oder zu fahren, welche Zweifel diejenigen begleiteten, die sich aufmachten zum Grenzübergang, erzählt Thilo Reffert in seinem O-Ton-Hörspiel „Die Sicherheit einer Fahrgastzelle“ am Beispiel seiner eigenen Familie.


Mutter Annemarie und Schwester Juliane setzten sich am 9. November 1989 abends kurz nach 20 Uhr in Magdeburg in den damals noch ziemlich neuen Wartburg (die „Fahrgastzelle“) und fuhren Richtung Marienborn, um auszuprobieren, ob man sie tatsächlich in den Westen lassen würde. In Helmstedt wurden sie empfangen von Scheinwerfern und West-Journalisten, die bereits sehnsüchtig auf Ostdeutsche warteten. Von diesem Moment, in dem Geschichte im Kleinen zur Weltgeschichte wird, berichtet Reffert in seinem O-Ton-Hörspiel. Die Erzählung von Mutter und Schwester hat er kunstvoll eingebettet in O-Töne aus Nachrichtensendungen und vor allem auch aus der legendären Bundestagssitzung am 9. November 1989 im Bonner Wasserwerk, die gegen 21.20 Uhr, just in dem Moment, als Mutter und Schwester die Grenze überfuhren, endlich abgebrochen wurde.


Refferts Hörspiel macht nach all den vielen Gedenksendungen noch einmal deutlich, was für einen großen Schritt manche DDR-Bürger damals wagten und wie sie mit diesem Schritt Geschichte machten. Er fährt gemeinsam mit Mutter und Schwester den Weg 20 Jahre danach noch einmal nach und erzählt, wie man davon abends bei einem guten Wein den eigenen Freunden erzählen würde: sympathisch, ohne jedes Pathos und mit leichter Ironie.

Erstsendung: MDR Figaro 9.11.2009, 22.00 Uhr

Letzte Änderung am: 17.11.2006, 16.24 Uhr



Hörspiel des Monats Oktober 2009"Verbrennungen" von Wajdi Mouawad

Aus dem Frankokanadischen von Ulli Menke

Bearbeitung und Regie: Ulrich Gerhard
Redaktion und Dramaturgie: Ursula Ruppel

Die Begründung der Jury:

Vor zwei Jahren machte der im Libanon geborene frankokanadische Autor Wajdi Mouawad mit "Verbrennungen" auf sich aufmerksam – einem Theaterstück, das nun vom HR als Hörspiel inszeniert wurde. Ein überwältigendes Stück Literatur, das als innerfamiliäres Kriminalstück beginnt und im kollektiven Trauma des Bürgerkriegs endet.

Bei der Testamentsverlesung seiner Mutter Nawal erhält ein Zwillingspaar den Auftrag, zwei Briefe zu überbringen: einen an den Vater, den es nicht kennt, und einen an den Bruder, von dem es noch nie gehört hat. In ihren letzten fünf Lebensjahren schwieg Nawal, die einst "die Frau, die singt" war. Ihre Recherchen führen Jeanne und Simon in die Vergangenheit ihres namenlos bleibenden Heimatlandes, die untrennbar mit der ihren verquickt ist – geprägt vom Bruderzwist des Bürgerkriegs, der Leben wie Freiheiten nimmt, Lieben und Kindheiten zerstört: "Die Kindheit ist ein Messer in der Kehle", schreibt Nawal in ihrem letzten Willen. Beim Versuch, dieses Messer zu entfernen, klaffen Wunden auf, von denen Jeanne und Simon nichts ahnten, die Suche nach ihren eigenen Wurzeln führt sie zur kollektiven Tragödie des Krieges.

Voller Sprach- und Bildgewalt verwickelt Mouawad seine Figuren in einer Tragödie antiken Ausmaßes, die Erinnerungen an Sophokles "Ödipus" wachruft. Doch in seiner Sprache, in den Begegnungen kommt auch die Schönheit nicht zu kurz, der zärtliche Blick auf Mensch und Welt, bei dem Hoffnung und Schrecken in nächster Nähe keimen. Die Geschichte entfaltet sich als eine voller Gegensätze. Ulrich Gerhardt hat diesen Strudel von Verschwiegenem und Ungewusstem, Erinnerungen und Gewalt transparent und spannend inszeniert. Er räumt dem Schrecken Platz ein, sich zu entbergen, schafft akustische Dichte und zuweilen eine frappierende Leichtigkeit. Ein wunderbares Hörspiel voll Faszination und Schrecken, Gesang und Schweigen.

Ursendung: 07.10.2009, hr2-kultur 21.30 Uhr


Letzte Änderung am: 17.11.2006, 16.24 Uhr



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