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Hörspiel des Monats Oktober 2009"Verbrennungen" von Wajdi Mouawad

Aus dem Frankokanadischen von Ulli Menke

Bearbeitung und Regie: Ulrich Gerhard
Redaktion und Dramaturgie: Ursula Ruppel

Die Begründung der Jury:

Vor zwei Jahren machte der im Libanon geborene frankokanadische Autor Wajdi Mouawad mit "Verbrennungen" auf sich aufmerksam – einem Theaterstück, das nun vom HR als Hörspiel inszeniert wurde. Ein überwältigendes Stück Literatur, das als innerfamiliäres Kriminalstück beginnt und im kollektiven Trauma des Bürgerkriegs endet.

Bei der Testamentsverlesung seiner Mutter Nawal erhält ein Zwillingspaar den Auftrag, zwei Briefe zu überbringen: einen an den Vater, den es nicht kennt, und einen an den Bruder, von dem es noch nie gehört hat. In ihren letzten fünf Lebensjahren schwieg Nawal, die einst "die Frau, die singt" war. Ihre Recherchen führen Jeanne und Simon in die Vergangenheit ihres namenlos bleibenden Heimatlandes, die untrennbar mit der ihren verquickt ist – geprägt vom Bruderzwist des Bürgerkriegs, der Leben wie Freiheiten nimmt, Lieben und Kindheiten zerstört: "Die Kindheit ist ein Messer in der Kehle", schreibt Nawal in ihrem letzten Willen. Beim Versuch, dieses Messer zu entfernen, klaffen Wunden auf, von denen Jeanne und Simon nichts ahnten, die Suche nach ihren eigenen Wurzeln führt sie zur kollektiven Tragödie des Krieges.

Voller Sprach- und Bildgewalt verwickelt Mouawad seine Figuren in einer Tragödie antiken Ausmaßes, die Erinnerungen an Sophokles "Ödipus" wachruft. Doch in seiner Sprache, in den Begegnungen kommt auch die Schönheit nicht zu kurz, der zärtliche Blick auf Mensch und Welt, bei dem Hoffnung und Schrecken in nächster Nähe keimen. Die Geschichte entfaltet sich als eine voller Gegensätze. Ulrich Gerhardt hat diesen Strudel von Verschwiegenem und Ungewusstem, Erinnerungen und Gewalt transparent und spannend inszeniert. Er räumt dem Schrecken Platz ein, sich zu entbergen, schafft akustische Dichte und zuweilen eine frappierende Leichtigkeit. Ein wunderbares Hörspiel voll Faszination und Schrecken, Gesang und Schweigen.

Ursendung: 07.10.2009, hr2-kultur 21.30 Uhr


Letzte Änderung am: 05.10.2009, 09.39 Uhr

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