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SWR2 Chefdramaturg Hans Burkhard Schlichting über den Hörspielautor Günter Eich
Innerhalb der Reihe "Günter-Eich-Retrospektive" mit 25 historischen Hörspielproduktionen von SDR und SWF läuft am Freitag, dem 5. Januar um 22.03 Uhr auch Eichs wichtigstes frühes Hörspiel "Ein Traum am Edsin-Gol". Was das Besondere dieses Hörspiels ist, erläutert SWR2 Chefdramaturg Hans Burkhard Schlichting im Gespräch.
Herr Schlichting, warum lohnt sich das Hörspiel "Ein Traum am Edsin-Gol" für den Hörer?
Weil wir Günter Eich darin erfahren, wie er ist: Ein Fabulierer mit der lockenden Rätselhaftigkeit und Sprachintensität des Lyrikers, der er zeitlebens blieb. In "Ein Traum am Edsin-Gol" geht es um einen Forschungsreisenden in der Mongolei, am Rande der Wüste Gobi. Ganz alleine imaginiert diese Figur Dinge, die ihn beschäftigen: Er reflektiert seine Situation, Dinge, die in der Vergangenheit liegen, Einflüsse und Hindernisse. Typisch für einen Zustand, in dem wir uns nicht sicher sind.
Ein innerer Monolog ist zunächst nicht hörbar – und für Hörspiele eigentlich ganz ungeeignet ...
Ganz im Gegenteil. Der Hörfunk eignet sich ganz besonders, Abwesendes zu imaginieren. Der innere Monolog war in der damaligen Zeit ein modernes Mittel, das Autoren wie Schnitzler oder James Joyce eingesetzt hatten. Dieses Stilmittel nutzte Eich mit der rundfunkeigenen Fähigkeit, Unwirkliches eindringlich darzustellen, fremde Stimmen, Gedanken und Träume unmittelbar wirksam werden zu lassen. Zudem sah es Eich als seine Aufgabe, das notwendige Schweigen im Dialog in Worte zu übersetzen und zwar so, dass es den Charakter des Schweigens nicht verliert.
Dieses Paradox sah er im Hörspiel als dramaturgische Notwendigkeit. Auch wenn unsere Medienwelt heute fast panisch das Schweigen zu vermeiden scheint und kein Rätsel ungelöst erscheinen lässt, haben Eichs Hörspiele ihre Wirkung behalten. Vielleicht wird heute klarer als damals, dass Eich das Schweigen, das Ausgesparte und Rätselhafte zur Steigerung der Spannung einsetzte, die das Publikum in Atem hielt.
Die Zeit schien lange nicht reif für Eichs Hörspiel. Warum wurde es verzögert gesendet?
Günter Eich war literarisch mutig gewesen. Sein Text erschien 1932 im letzten Jahrgang der Dresdener Zeitschrift "Die Kolonne", mit deren Kreis der frühere Sinologie-Student Eich die moderne Naturlyrik begründete. Zunächst wurde das Hörspiel bei der Mitteldeutschen Rundfunk AG Leipzig zur Sendung angekündigt. Dann wurde es jedoch inmitten des Umbruchs von 1933 vom Spielplan genommen.
Erst 1950 wurde es vom SDR Stuttgart in der Reihe "Pioniere des Hörspiels" zur Ursendung gebracht. Dieses Hörspiel fanden die damaligen Radiomacher so gut, dass sie Eich zum Durchbruch verhalfen: Schon zu Lebzeiten Eichs wurden fürderhin in Baden-Baden und Stuttgart 25 Eich-Premieren gesendet. Unter den deutschen Hörspielautoren ist Günter Eich der unbestrittene Klassiker.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Schlichting!
Die Fragen stellte Simon Veeser.
Letzte Änderung am: 05.01.2007, 11.16 Uhr