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"Wir suchen Verstärkung für unser junges dynamisches Team!" Auf eine solche Stellenanzeige bewirbt sich niemand in den 50ern, denn er weiß genau: Hier habe ich keine Chance. Um für Formen der Altersdiskriminierung zu sensibilisieren, hat die Antidiskriminierungsstelle des Bundes ein Themenjahr ausgerufen und eine Expertenkommission eingesetzt, die der ehemalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf leitet. Im Interview erläutert der 73-jährige, warum er diese Aufgabe übernommen hat.

Herr Scherf, Sie leben seit über 20 Jahren mit Freunden in einer WG, sind also gemeinsam älter geworden. Erleben Sie und Ihre Freunde Altersdiskriminierung?
Ich kann persönlich nicht sagen, dass ich mich diskriminiert fühle, aber ich beobachte in meiner Umgebung tagtäglich Diskriminierung. Nicht nur zu Hause, sondern auch bei meinen Reisen, da ich ständig unterwegs bin, im Augenblick über Nacht in Witten in einer Altenwohngemeinschaft. Es geht im Alltag los. Man kann im Alltag beobachten, wie überall wieder neue Ausgrenzungssachverhalte geschaffen werden. Oft gedankenlos, aber für die Betroffenen ganz schwer.
Und wie gehen die Betroffenen damit um? Regen die sich einfach nur still vor sich hin auf?
Ja. Die allermeisten Alten haben das Kämpfen aufgegeben und resignieren. Es gibt aber Gott sei Dank auch immer mehr, die sagen: Das wollen wir nicht auf sich beruhen lassen, sondern wir wollen dagegen angehen. Mit denen will ich mich verbünden und für die will ich so etwas wie eine Sprachrohrfunktion, aber auch eine Beratungsfunktion und eine richtige Arbeits- und Veränderungsperspektive.
Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes das Alter in den Antidiskriminierungsartikel des Grundgesetzes aufzunehmen. Ist das wichtig?
"Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden."Artikel 3, Absatz 3 des Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland "
Ich finde, das ist nicht der wichtigste Schritt, den wir machen müssen, denn die Verfassungslage ist klar. Es gibt einen klaren grundrechtlichen Schutz gegen jede Art von Diskriminierung; auch gegen jede Art von Altersdiskriminierung. Wichtiger als immer neue Initiativen zu starten ist für mich, dass sie die Praxis angehen, die eben nicht immer identisch ist mit der Verfassungsrechtslage. Es gibt viele Sachverhalte im Arbeits- und im Sozialrecht und im Alltagsleben der Leute, die wir verändern wollen.
Aber das sollte nicht zu bürokratisch ablaufen ...
Nein, im Gegenteil. Die Bürokratie ist oft diskriminierend. Die wollen Diskriminierung abschaffen, bewirken aber durch ihr Regelwerk das Gegenteil, sodass wieder neue Diskriminierungen stattfinden. Da muss man so etwas wie eine antibürokratische Energie aufbringen, um dagegen anzugehen. Wir dürfen uns nicht bequem zurücklehnen und sagen: Es ist alles in Butter. Es ist nicht alles in Butter, sondern es gibt einen hohen Handlungsbedarf.
"Es ist nicht alles in Butter" – das sagen auch sehr viele Junge. Interessanterweise fühlen sich auch Junge aufgrund ihres Alters – bzw. ihrer Jugend diskriminiert. Das hat gerade eine aktuelle Forsa-Umfrage ergeben. Ich glaube, die Jugend hat da selten jemand auf dem Schirm. Sie auch?
Die gehören mit dazu. Altersdiskriminierung hat nicht nur etwas mit hochbetagt zu tun, sondern sie ist altersbedingt. Und es stimmt, es gibt auch Junge, die durch ihr jungendliches Alter diskriminiert werden und die auch aufgenommen werden müssen in einen solchen Handlungskatalog. Wir dürfen uns nicht übernehmen; wir können nicht alles mit einem Entwurf schaffen, sondern wir können nur Ausschnitte schaffen. Aber ich weiß, dass das für die Jungen genauso gilt wie für die Alten.
Was ist denn in der Gesellschaft los, dass sich sowohl Junge wie auch Alte diskriminiert fühlen?
Wir sind eine dynamische, wirtschaftlich boomende Gesellschaft mit großem Erfolg. Die ganze Welt bestaunt die Bundesrepublik und was wir wirtschaftlich alles hinbekommen können. Aber der Kern ist, dass Geld die Welt regiert und dass der Erfolg wichtig ist. Und da passiert es alltäglich, dass eine erstaunliche Zahl von Menschen nicht daran Anteil hat und die Öffentlichkeit sie links oder rechts in der Ecke übersieht. Und da bleiben sie dann, ohne dass ihnen wirklich materiell geholfen wird. Das ist offenbar bedingt durch diese große Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung. Das ist die Priorität, daran orientiert sich das allermeiste. Und für das andere muss man kämpfen.
Ein Kapitel in Ihrem neuen Buch "Wer nach vorne schaut, ist länger jung" heißt: "Ein neuer Blick auf die Welt". Wen fordern Sie auf, sich zu verändern. Die Älteren? Oder den Rest der Gesellschaft?
Ich möchte eigentlich auffordern. Ich will nicht nur generationsspezifische Anregungen abgeben. Die Tatsache, dass wir in einer demographisch gewandelten Welt mit immer mehr Älteren und relativ wenigen Jungen zu tun haben, ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Da kann man nicht sagen, das geht nur die einen oder die anderen an. Das geht uns alle an.
Ich möchte gerne mit meinen Büchern, meinen Reden und auch mit dieser Antidiskriminierungsaufgabe, die ich jetzt übernommen habe, dazu beitragen, dass wir beieinanderbleiben. Ich möchte uns nicht gegeneinander ausspielen. Ich möchte nicht Partei ergreifen für die eine Generation und die andere beschimpfen sondern ich möchte gerne, dass wir das zusammen angehen und dass wir uns gegenseitig stützen.
Sie sagen also auch nicht: Wir Älteren und Älterwerdenden müssen jetzt zusammenhalten!
Nein, nein. Ich bin ein so begeisterter Großvater, ich liebe meine Enkelkinder und ich liebe meine Kinder und Schwiegerkinder. Ich möchte gerne, dass das eine breite Öffentlichkeit hat. Dass wir ganz große Lebensperspektiven haben, wenn wir beieinanderbleiben und wenn wir es schaffen, das gemeinsam anzugehen. Und die, die nun keine Kinder und Enkelkinder haben, können an anderen teilhaben; das ist ja möglich. In unserer Wohngemeinschaft ist das so; da haben die Singles Anteil an unseren Kindern und Enkelkindern und freuen sich darüber. Und das tut allen gut. Das möchte ich gerne fördern.
Ein Plädoyer für mehr Miteinander. Vielen Dank.
Henning Scherf
Henning Scherf, Dr. jur., geb. 1938, war lange Jahre Bildungs- und Justizsenator und von 1995 bis 2005 Bürgermeister von Bremen. Er ist verheiratet, hat drei Kinder, ist mehrfacher Großvater und lebt in Deutschlands berühmtester Wohngemeinschaft. Henning Scherf leitet die Expertenkommission des Bundes, die helfen soll, Altersdiskriminierung abzubauen.
Das Interview führte Sonja Striegel am 26.1.2012 in SWR2 am Morgen
Webfassung: Clemens Zoch, Candy Sauer
Letzte Änderung am: 26.01.2012, 11.59 Uhr