Navigation

Volltextsuche
Sendungen A-Z

SWR2 bei facebook SWR2 bei Twitter SWR2 bei YouTube SWR2-App SWR2 bei Facebook, Twitter und YouTube und als App

Radio im SWR

Seite vorlesen:

SWR2 Journal am Mittag Zwei Brüder, zwei Welten

Der Filmemacher Edgar Reitz entdeckt Forschungsarbeiten seines verstorbenen Bruders Guido zum Hunsrücker Dialekt

Der Filmemacher Edgar Reitz hat für den Hunsrücker Dialekt viel getan: Mit seinem Filmepos "Heimat" wurde das "Hunsrückisch" deutschlandweit und international bekannt. Doch auch sein 2009 verstorbener Bruder Guido Reitz hat sich um den Hunsrücker Dialekt verdient gemacht: Ganz im Verborgenem betrieb er sprachwissenschaftliche Forschungen und machte dabei eine bedeutende Entdeckung.

Morbach im Hunsrück

Morbach im Hunsrück

Bis zu seinem Tod führte Guido Reitz das elterliche Uhrengeschäft in seinem Heimatdorf Morbach im Hunsrück. Seine Forschungen hat er auch gegenüber Edgar Reitz nie erwähnt. Der Bruder des weltbekannten Filmemachers war scheu, kommunizierte nur ungern. In einem der wenigen O-Töne sagt Guido Reitz über das ungleiche Bruderpaar:

"Also meine Eltern waren ja noch am Leben, als die ersten Filme rauskamen. Man hatte immer davon gehört, er kam ja immer mal in Morbach vorbei. Ja - bei mir ist der Absprung nicht gegangen."

Der Regisseur Edgar Reitz entdeckte die Forschungen seines verstorbene Bruders in dessen Haus:

"Man übergab mir in dem Krankenhaus, in dem er zuletzt gelegen hat, seine Schlüssel. Und damit ging ich in das Haus. Ich bin da auch lange Zeit nicht gewesen und war sehr erstaunt darüber, es voller Bücher zu finden. Und beim näheren Anschauen erkannte ich, dass es sich fast ausschließlich um sprachwissenschaftliche Literatur handelte."

Um das Audio im Flash-Player abzuspielen, installieren Sie bitte das kostenlose Flash-Plugin von Adobe für Ihren Browser.

Guido Reitz, der unbekannte Bruder

Der Bruder des Filmemachers Edgar Reitz gab wichtige Impulse für die Dialektforschung des Hunsrück. Im Herbst 2011 wird ein Manuskript posthum veröffentlicht. SWR2 Journal am Mittag vom 31.08.2011.

4:57 min

Wörterbuch in Morbacher Platt und Lernkassetten für afrikanische Bantusprachen

Rund 3.000 aktuelle Linguistikbücher und internationale Fachzeitschriften sind es, die der Filmemacher Edgar Reitz nach dem Tod seines Bruders 2009 in Morbach entdeckt. Er findet auch Lernkassetten für afrikanische Bantusprachen, für das Kaukasische, das Schwedische und Norwegische, außerdem ein Wörterbuch in Morbacher Platt im Zettelkastenformat.

Hochgeschätzter Wissenschaftler

Was tun? Edgar Reitz wendet sich an das Zentrum der deutschen Dialektforschung in Marburg. Dort erfährt er, was keiner in der Familie oder im Dorf je geahnt hat: Guido Reitz war in Universitätskreisen ein hochgeschätzter Wissenschaftler. Prof. Jürgen Erich Schmidt vom deutschen Sprachatlaszentrum:

"Ich halte ihn für ein Genie. Der letzte Privatgelehrte, könnte man vielleicht sagen. Wir vermuten inzwischen, dass er jede Menge Tonakzentsprachen konnte. Er hat das mit Freude erforscht. Und einen Pfennig Geld dafür hat er nie gesehen."

Sprachwissenschaftliche Entdeckung

Schon in den 80er-Jahren kontaktierte Guido Reitz den Professor, schickt ihm ein handschriftliches Manuskript über den Hunsrücker Dialekt. Es beschreibt ein Phänomen, das heute als sprachwissenschaftliche Entdeckung gilt:

"Guido Reitz hat entdeckt, dass die Verteilung im Wortschatz im Hunsrück ganz anders ist als im sonstigen Rheinland. Also nehmen wir mal ein Beispiel: Im Rheinland wäre der Maad der Markt, und ein Maad wäre die Made. Und in Morbach ist es genau umgekehrt. Also eine völlige Verdrehung dieser Tonakzente im Wortschatz. Das ist natürlich ein Riesenrätsel. Wie kann so etwas passieren?"

Scheu vor der Öffentlichkeit

Seit den 80ern stand Guido Reitz zwar mit Prof. Schmidt in Kontakt, begleitet sogar zwei sprachwissenschaftliche Projekte im Hunsrück, doch veröffentlichen wollte er nichts – aus Scheu! Prof. Schmidt erinnert sich:

"Ich habe ihn sofort eingeladen, habe ihn gebeten, hierherzukommen. Vielleicht habe ich einen Fehler gemacht als ich sagte: Und dann halten Sie auch einen Vortrag. – Das war wahrscheinlich der Punkt, warum er nie nach Marburg gekommen ist: Weil er keinen Vortrag halten wollte, weil er sich nicht vor die Leute hinstellen und etwas erzählen wollte."

Guido-Reitz-Bibliothek in Marburg

Guido Reitz erzählt auch nicht, dass seit 2002 ein fertiger wissenschaftlicher Artikel von rund 15 Seiten in seiner Schublade ruht. Gefunden wird das Manuskript erst nach seinem Tod. Immerhin wird es nun im Herbst dieses Jahres in einer anerkannten Fachzeitschrift veröffentlicht – im Originalwortlaut, lediglich um die neuste Forschungsliteratur aktualisiert. Außerdem besitzt Marburg seit einigen Monaten eine Guido-Reitz-Bibliothek. Edgar Reitz hat sie der Universität vermacht. Erst heute sieht der Filmemacher das Einzelgängertum seines Bruders mit anderen Augen:

"Der Guido war im Umgang, im gesellschaftlichen Raum, unglaublich gehemmt. Als meine Schwester noch lebte, in all den Jahren, hat man immer nur gefragt: Wann findet der Guido endlich mal eine Frau? Und es gab da mal einen Moment, wo wir alle anfingen zu spekulieren, ob da was ins Laufen kommt. Aber das war nur eine sprachwissenschaftliche Studentin, eine Doktorandin, die er betreute."

Das Verhältnis von Edgar Reitz zu seinem 14 Jahre jüngeren Bruder war sicherlich anders als das zu seiner fast gleichaltrigen Schwester. Doch zerrüttet war es keineswegs. Guido Reitz war sogar stolz auf seinen berühmten Bruder, sammelte alle Sendungen über ihn auf Video und gab soagr Touristen Auskunft, die in seinen Morbacher Uhrmacherladen kamen. Edgar Reitz:

"Ich hab ihn oft eingeladen, zu mir nach München zu kommen. Und dann sagte er immer, das geht nicht; ich kann das Geschäft nicht alleine lassen. Dabei interessierte ihn das Geschäft gar nicht."

Der Fachartikel über die rheinische Tonakzentverschiebung im Hunsrücker Dialekt erscheint in der Novemberausgabe der "Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik".

Von Sabine Mahr | Webfassung: Candy Sauer

Letzte Änderung am: 31.08.2011, 11.19 Uhr