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Ein deutsche Mythos voller Widersprüche
"... ein Mann, der sich so prompt zum Kampf stellt, wie er eine Oper schreibt", meinte der Philosoph Voltaire.
Friedrich II., schon zu Lebzeiten der Große genannt: ein Philosoph auf dem Thron, ein Förderer von Kunst oder ein gewissenloser Eroberer, der die Teilung Polens betrieb und den preußischen Militarismus begründete? Über die Person des berühmten Preußenkönigs gehen die Meinungen bis heute weit auseinander.
Am 24. Januar jährt sich sein Geburtstag zum 300. Mal.

Als Friedrich am 17. August 1786 stirbt, ist die Bevölkerung Preußens erleichtert, im fernen Weimar notiert Johann Wolfgang von Goethe in sein Tagebuch ein knappes "Endlich!"
Liebling der Massen war er also nicht mehr, der preußische König Friedrich der Große. Zu bekannt war seine Abneigung gegen das einfache Volk, zu sehr stieß gerade den Berlinern auf, dass er sich auf Sanssouci abschottete und sich nie zeigte. Er war ein autoritärer und selbstherrlicher Charakter, dessen aristokratische Arroganz so weit ging, dass er nicht einmal richtig Deutsch sprach, sondern das Französische bevorzugte.
Wie konnte es also dazu kommen, dass ausgerechnet dieser Antisympath in der Folgezeit zu einem Liebling der Deutschen wurde?
Man wird der gegensätzlichen und oft inkonsequenten Figur Friedrichs des Großen dann am besten gerecht, wenn man nicht versucht, diese Widersprüche zu lösen, sondern sie in die Zeitumstände einordnet. Der Historiker Tillmann Bendikowski:
"Friedrich stand und steht wie keine andere historische Figur für einen sehnsüchtigen Blick auf so etwas Diffuses wie die 'gute alte Zeit'. Friedrich wurde zum Großen und als Friedrich der Große war er stets Balsam für die geschundene preußisch-deutsche Seele. Die gute alte Zeit – Friedrich –, der gute verständnisvolle Landesherr, der Preußen erst zu Glanz und Gloria verholfen habe. Das wärmte in dunklen Stunden."
Für Friedrich den Großen zählte nur das Überleben seines Staates. Und er war intelligent genug zu sehen, dass Ideen, so
interessant und richtig sie auch sein mochten, eine Nation alleine nicht zusammenhalten konnten – ebenso wenig wie autoritäre Zwangsmaßnahmen. Friedrich der Große sah sich immer genötigt, einen Mittelweg zu finden, die unterschiedlichen Strömungen in seinem Land zu integrieren: Die Gedanken der Aufklärer ebenso wie die Privilegien des Adels; die schlesischen Katholiken und die
preußischen Protestanten.
Thomas Mann über Friedrich den Großen
"Er war ein Opfer. Er meinte zwar, dass er sich geopfert habe. Aber er war im Irrtum, wenn er glaubte, dass es ihm freigestanden hätte, es anders zu halten. Er musste Unrecht tun und ein Leben gegen den Gedanken führen. Er durfte nicht Philosoph, sondern musste König sein."
Friedrich Wilhelm I. ist alles andere als ein Schöngeist. Ein religiöser Fanatiker, der Kunst, Philosophie und Musik abgrundtief verachtet und der seinen Sohn mit sadistischer Grausamkeit quält.
In einem Brief an seine Schwester Wilhelmine schreibt der Jugendliche:
"Er lässt mich des Morgens rufen. Sowie ich eintrete, fasst er mich bei den Haaren, wirft mich zu Boden, und nachdem er seine starken Fäuste auf meiner Brust und meinem ganzen Leibe erprobt hatte, schleppt er mich an das Fenster und legt mir den Vorhangstrang um den Hals."
Mit achtzehn Jahren unternimmt Friedrich mit Hilfe seines Freundes Hans Herrmann von Katte einen Fluchtversuch. Beide werden gefasst und als Deserteure behandelt, der Kronprinz für fast zwei Jahre auf der Festung Küstrin bei Wasser und Brot inhaftiert.
Lieutnant von Katte wird zum Tode verurteilt. Doch damit nicht genug: Friedrich Wilhelm befielt dem Kommandanten der Festung: "Bevor die Exekution angehet, sollt Ihr, der Oberstreichmann und ein Kapitän oben bei dem Kronprinzen gehen und in meinem Namen ihn befehlen, es mit anzusehen."
Während der Enthauptung seines Freundes wird Friedrich ohnmächtig. Und er braucht noch Jahre, bis er sich von diesem seelischen Schock erholt. Der Vater lässt seinen Sohn nur unter der Bedingung leben, dass er ihm absoluten Gehorsam schwört.
Am 16. Dezember 1740 führt der 28-jährige preußische König Friedrich II. eine 27.000 Mann starke Armee über die Grenze in das zu Österreich gehörende Schlesien. Er hat vorher nicht den Krieg erklärt. Es ist ein Überfall, ein Raubzug, der so überraschend kommt, dass sich sechs Wochen später die gesamte Provinz Schlesien in preußischer Hand befindet.
Schlesien geht zwar in den Besitz Preußens über, doch Österreich sinnt auf Rückgewinnung. Denn die Provinz ist wohlhabend und bereits stark industrialisiert. 1744 kommt es zum zweiten Schlesischen Krieg. Friedrich erweist sich als intelligenter Feldherr und verhindert so eine preußische Niederlage.
1756 führen Frankreich und England jenseits des Atlantischen Ozeans Krieg um die nordamerikanischen und karibischen Kolonien. Zwei Jahre vorher haben die ersten Scharmützel britischer Kolonisten mit französischen Truppen begonnen. Führender Kopf der ersteren ist ein junger Befehlshaber mit Namen George Washington – ein glühender Verehrer der militärischen Fähigkeiten Friedrichs des Großen.
In dieser globalen politischen Konstellation macht sich Friedrich zum einzigen Verbündeten Großbritanniens. Er sucht den Beistand der Briten für den Fall eines erneuten Krieges gegen Österreich. Die Habsburger reagieren sofort und vereinbaren eine Offensivallianz mit Frankreich, Russland und Schweden.
Abermals sieht sich Friedrich umzingelt und zu einem Präventivschlag genötigt: Er greift Sachsen an und entfacht damit das, was als Siebenjähriger Krieg in die Geschichte eingehen wird. Es ist von Anfang an ein Va-Banque-Spiel, denn Preußens Gegner
sind zahlenmäßig weit überlegen. Dieser erste Weltkrieg der Geschichte wird mit äußerster Härte geführt, auch innerhalb der preußischen Armee. Denn Friedrichs Grundsatz lautet: "Der preußische Soldat muss seine Offiziere mehr fürchten als den Feind."
Ganze Landstriche werden verwüstet und geplündert. Zwar gewinnt Preußen durch die militärische Intelligenz Friedrichs des Großen die meisten der Schlachten, doch sind seine Verluste immens: Bei einer Bevölkerungszahl von den knapp drei Millionen sterben in den sieben Jahren des Krieges 120.000 Soldaten und 400.000 Zivilisten.
Im Jahr 1760 fallen österreichische und russische Einheiten plündernd und mordend in Berlin ein, das Ende des preußischen Staates scheint gekommen. Doch es sind die Durchhalteparolen Friedrichs des Großen, seine Neigung, alles auf eine Karte zu setzen, die Preußen das kommende Jahr überstehen lassen.
Trotz großer Verluste steht Preußen nach dem Siebenjährigen Krieg machtpolitisch besser da als je zuvor. Neben Großbritannien, Frankreich, Österreich und Russland ist es nun die fünfte europäische Großmacht. Der Tribut, den Preußen seiner neu erworbenen Position zollen muss, ist hoch: Weite Teile des Landes sind verwüstet, zur Deckung der Kriegskosten hatte Friedrich Münzen prägen lassen, deren Silberanteil deutlich unter dem Nennwert lag. Die Folgen sind Inflation und geringere Staatseinnahmen.
Noch vor seiner Krönung 1740 lernt Friedrich den wesentlich älteren französischen Aufklärer Voltaire kennen. Beide sind fasziniert voneinander. Es entsteht ein lebenslanger philosophischer Austausch, der jedoch nicht frei von Nützlichkeitsdenken ist. Später bekennt Friedrich: "Wir Fürsten haben alle eine interessierte Seele und machen niemals Bekanntschaften, ohne damit besondere Absichten zu verbinden, die geradewegs auf unseren Vorteil abzielen."
Der Berliner Historiker Jürgen Luh hat sich mit Friedrichs Privatleben auseinandergesetzt und kommt zu dem Schluss:
"Was es sicherlich nicht war, ist das, was wir uns alle gerne vorstellen: eine romantische Freundschaft.
Das sieht man schon an diesen Briefen, die sind eben keinesfalls privat, wie immer gesagt wird. Die tauschen sich nicht aus. Friedrich liest die Briefe von Voltaire an seiner Tafel vor. Voltaire liest die Briefe ganz Paris vor. Beide profitieren eben voneinander. Friedrich von Voltaires Ideen und Kommentaren, seiner Hilfe im Französischen, seiner Hilfe in der Dichtung und tatsächlich in so was wie Ideen, wie man mit bestimmten Situationen fertig werden kann, da ist Voltaire mit Sicherheit Friedrichs wichtigster Ratgeber."
Voltaire ist es auch, der Friedrich zum Schreiben philosophischer Texte animiert. Am bekanntesten ist der sogenannte "Antimachiavell", eine Streitschrift, in der der Kronprinz den politischen Denker Nicolo Machiavelli und dessen Buch "Der Fürst"
scharf angreift. Während dieser den Fürsten zu Grausamkeit und Hinterlist rät, schreibt Friedrich: "Ist diese Welt nur dazu da, die Tollheit und Wut eines entarteten Tyrannen zu sättigen? Kein vernünftiger Mensch wird jemals dergleichen Ansichten behaupten."
Nach dem Tod des Vaters 1740 ist Friedrichs erste Amtshandlung die teilweise Abschaffung der Folter. Zusätzlich erklärt er seine Absicht, Toleranz gegenüber den Religionen zu üben. "Die Religionen müssen alle tolerieret werden und der Fiskal das Auge darauf haben, dass keiner der anderen Abbruch tue, denn hier muss ein jeder nach seiner Fasson selig werden."

Sendung vom Dienstag, 24.1. | 8.30 Uhr | SWR2
Michael Reitz | Webfassung: Klaus Rudloff
Letzte Änderung am: 23.01.2012, 17.03 Uhr