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Komponisten Michel Godard

geboren 1960 in Belfort/Frankreich, nach 1988 (auf der 'klassischen' Seite:) Zusammenarbeit mit 'Ensemble Intercontemporain', 'Musique Vivante', L'Orchestre Philharmonique de Radio-France, La Venice Baroque Ensemble, langjähriges Mitglied des 'Arban Chamber Brass', mit diesem Touren um die ganze Welt, (im Jazz:) Mitglied des Orchestre National de Jazz (1989-91) unter Claude Barthélemy, zahllose Projekte mit Michel Portal, Louis Sclavis, Henri Texier, Barry Altschul, Rabih Abou-Khalil, Wolfgang Puschnig, Christof Lauer, Sylvie Clourvoisier, Pierre Favre, Mark Nauseef, Gianluigi Trovesi, Pino Minafra u.v.a.; war an dem Banda-Projekt der Donaueschinger Musiktage 1996 beteiligt.

Achim Hebgen:

Du kamst zum Jazz, weil Du Tuba-Literatur gesucht hast.

Michel Godard:

Genau. Das war schon ein wenig merkwürdig, ich besuchte zu der Zeit ja noch das Konservatorium in Besançon. Kein einziger dort hatte auch nur die geringste Ahnung von dem Geschehen auf der Jazzszene. Ich suchte intensiv Schallplatten mit Tuba - und stieß auf Bob Stewart auf der Tuba und Arthur Blythe, Altsaxophon - ich erinnere mich an dieses Trio mit Tuba, Altsaxophon und Percussion - 'Bush-Baby' - diese Musik hat mich auf Anhieb unglaublich fasziniert. Später fand ich Aufnahmen von Howard Johnson und Joe Dailey und ich entdeckte noch das Trio des Saxophonisten Sam Rivers mit dem Tubisten Joe Dailey. Damit begann mein eigentliches Interesses am Jazz - an improvisierter Musik. Heute weiß ich: ein sehr guter Beginn. Denn so geht man ganz anders an den Jazz heran, als wenn man - so wie es üblicherweise der Fall ist - mit Be-Bop oder altem Jazz anfängt. Diese freie improvisierte Musik hatte eine Affinität zur Zeitgenössischen Musik, die ich auf dem Konservatorium in Besançon lernte. Ich wechselte dann nach Paris, um meine klassische Ausbildung fortzusetzen, und dort traf ich erstmals auf improvisierende Musiker, die Free-Jazz spielten und mir wurde immer deutlicher bewußt, wie viel mehr diese Musiker, diese Musik mich interessierte. Zu der Zeit habe ich ja beides gemacht: Ich gehörte zu Ensembles der zeitgenössischen Musik, beispielsweise dem 'Ensemble Intercontemporain' unter Pierre Boulez oder 'Musique Vivante', ebenso spielte ich improvisierte Musik - aber meine improvisatorischen Fähigkeiten standen damals, mit 21/22 Jahren, erst in ihren Anfängen, denn meine eigentliche Sprache war ja noch die klassische Musik. Wenig später gründeten wir ein Tuba-Jazzensemble mit dem Namen Le Tuba PacK - unter der Leitung des französischen Tubisten Marc Steckar - mit 4 Tubisten. Dieses Ensemble machte sich einen guten Namen in Frankreich zu der Zeit. Wir hatten zahlreiche Auftritte und nahmen drei oder vier LPs auf. Mit diesem Ensemble begann meine erste intensive Auseinandersetzung mit dem Jazz.

Achim Hebgen:

Auf dem Konservatorium hast Du nur klassische und zeitgenössische Musik gelernt, keinen Jazz -

Michel Godard:

Nein, nein - ich bin nie auf einer Jazz-Schule gewesen. Mir erscheint es besser, Jazz im Spiel mit Musikern zu lernen und mit ihnen bei den Proben vielerlei Dinge auszuprobieren. Ich bin nicht so sicher, ob man Jazz lehren kann, so wie Klassische Musik. Es verschafft dieser Musik natürlich Respekt -

Achim Hebgen:

Warum ist es nicht so gut, wenn man Jazz auf dem Konservatorium lernt?

Michel Godard:

Meistens muß man dort Jazz von Anfang an lernen. Man lernt all die Skalen, die speziellen Harmonien... Will sagen, Europäer müssen Jazz so lernen, wie Amerikaner ihn spielen - das geht nicht konform mit unserer europäischen Musiksprache, mit unserer Tradition - das ist natürlich meine persönliche Meinung. Und: man muß Prüfungen ablegen - die größten Jazz-Musiker, die wir ja so bewundern - die würden doch nie irgendeinen Wettbewerb gewinnen am Beginn ihrer Laufbahn.

Achim Hebgen:

Eigenständigkeit zu zeigen wäre doch wahrscheinlich das Falsche, denn genau damit würde man seinen Lehrern ja nicht gefallen.

Michel Godard:

Genauso ist es. Auch ich kenne das ja aus gelegentlicher Jury-Arbeit und es verstärkt mein Empfinden, das ist nicht der richtige Weg. Man spürt das große Potential junger Musiker - sie können sich aber noch nicht richtig ausdrücken. So jemand hat keine Chance zu gewinnen, weil die anderen, die Vorbilder und somit eine bereits entwickelte Ausdrucksweise kopieren, ja viel 'besser' spielen können. So etwas hat für mich keine Bedeutung. Ich bin froh, daß ich diesen Weg nicht gehen mußte. Als ich etwa 25 Jahre alt war, gründeten wir ein klassisches Bläserquintett mit dem Namen Arbon Chamber Brass. Mit diesem Ensemble waren wir viel auf Tour, sieben oder acht Jahre lang. Wir bereisten die ganze Welt und gaben ungefähr 150 Konzerte im Jahr. Unser Repertoire bestand aus traditioneller und zeitgenössischer Klassik. Jazz habe ich in dieser Periode kaum noch gespielt - dafür war einfach keine Zeit. Es dauerte nicht lange und ich begann improvisierte Musik zu vermissen. Also habe ich mit diesem Bläserquintett aufgehört und mich von da an sehr intensiv mit Jazz auseinandergesetzt. Das war 1990, ich war 30. Wir gründeten Le Boucher des Silences mit Michael Riessler und Jean Louis Matinier, - das war ja auch der Kern des Héloise- Projektes, mit wir bei den Donaueschinger Musiktagen 1992 aufgetreten sind - damals ging es richtig los.

Achim Hebgen:

Was hat Dich für all diese verschiedenen Spielweisen geöffnet?

Michel Godard:

Ich interessierte mich immer schon auch für alte Musik. Zum Repertoire unseres Bläserquintetts gehörten viele Transskriptionen alter Musik. Ich versuchte, solche Musik 'anders', mit größtem Respekt vor dem Original zu interpretieren. Damals - vor 10 Jahren - kaufte ich mir mein erstes Serpent, um mit ihm einer authentischen Spielweise dieser Musik möglichst nahe zu kommen. Alte Musik auf einem solchen alten Originalinstrument zu spielen, ist sehr interessant: es ermöglicht differenziertere Spielmöglichkeiten und unterscheidet sich erheblich von einem modernen Instrument. Die Flexibilität dieses Instrumentes ist größer. Zwar ist es ungleich schwieriger zu spielen - aber dafür gibt es dir viel mehr Freiheit in der Musik. Es eröffnet einen anderen Weg als es auf einem modernen Instrument möglich ist. So habe ich immer auch versucht, Elemente alter Spielweisen in meine Improvisation zu integrieren. Ich habe so gut wie nie Jazzstandards gespielt, sondern eher über alte Melodien aus dem Mittelalter.improvisiert.

Achim Hebgen:

Was versteht Du unter größere Flexibilität?

Michel Godard:

Auf einem Instrument wie dem Serpent muß jeder Ton neu erschaffen werden, weil er sozusagen direkt aus dir selbst kommt. Das zwingt dich, tiefer in diese Musik hineinzudenken ('thinking the music'). Alte Musik ist für mich auch ein Bindeglied zu den meisten ethnischen Musiken, insbesondere, wenn in ihnen Instrumente eine Rolle spielen, die eine Verwandtschaft mit der Tuba besitzen - so habe ich mich mit tibetanischer Musik auseinandergesetzt oder mit der Musik der australischen Aborigines - ich habe Didgeridoo gespielt, lange bevor es zur Mode wurde. Damals erforderte es noch langwierige Suche, ein solches Instrument zu finden.

Achim Hebgen:

Für Dich, so scheint mir, war es ein ganz selbstverständlicher Weg, Dich in all diese verschiedenen musikalischen Stile einzuarbeiten. Du hast Dich zunächst für diese Musiken interessiert und dann damit Dein eigenes musikalisches Vokabular erweitert.

Michel Godard:

Genau. Das ist für mich sehr wichtig. Je mehr musikalisches Vokabular ich mir aneigne, umso genauer kann ich ausdrücken, was ich sagen will - in welchem Stil auch immer. Mit dieser Denkweise hat sich eine richtige Familie gebildet unter europäischen Musikern. Mindestens einmal oder zweimal im Jahr nehme ich mir Zeit, mit Musikern, die authentisch ethnische Musik spielen, zusammenzuarbeiten, um deren Musik sozusagen von innen her kennenzulernen. Das Interessante bei diesen Musikern sind die zahlreichen Gemeinsamkeiten. Im Grunde entsteht die Musik überall auf die gleiche Weise, sei es Alte Musik, Jazz oder zeitgenössische Musik. Die Gemeinsamkeiten finden sich vor allem bei den Musikern selbst. Was immer sie spielen, es basiert auf der gleichen Denkweise, dem gleichen Ansatz, an die Musik heranzugehen: das beeindruckt mich sehr - und es wird dann unwichtig, ob du nun ein Jazzmusiker bist oder ein Musiker der zeitgenössischen klassischen Musik oder was auch immer. Es gibt Musiker im Jazz, die glauben von sich, sie spielen die eigentliche Musik von heute. Umgekehrt halten viele die zeitgenössische klassische Musik für die einzige "Musik von heute" . Mehr und mehr Musiker leben aber in dem Bewußtsein, daß sie sich in der Musik, die sie spielen, zwar am besten ausdrücken können, weil sie die am besten beherrschen. Aber genauso wissen sie: es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, sich auszudrücken.

Achim Hebgen:

Du beherrscht viele verschiedene Stile, denn noch, was immer Du spielst, sofort erkennt man unmißverständlich: das ist Musik von Michel Godard - auf der anderen Seite wirkt aber, was immer Du spielst, auch absolut authentisch.

Michel Godard:

Ich habe gar nicht das Gefühl, daß ich so viel verschiedene Musiken spiele. Natürlich unterscheiden sie sich, aber wie ich an diese Musik herangehe - es geschieht mit dem gleichen Ansatz.

Achim Hebgen:

Es gibt noch einen weiteren Aspekt Deiner musikalischen Persönlichkeit: Du denkst, Du fühlst Dich in die Musik ein, bist ein wesentlicher Bestandteil und bewarst gleichwohl Deine Identität. Ich habe noch nie erlebt, daß Du Dich in den Vordergrund spielst - trotzdem bleibt Dein Spiel unverzichtbar. Ohne Dich würde die Musik ganz anders klingen. Du spielst sozusagen 'in der Musik'.

Michel Godard:

Deshalb trete ich kaum noch mit mit klassischen Orchestern auf. Ich wollte mehr mit Improvisatoren, mit Jazzmusikern spielen. Du kannst vielmehr Du selbst sein in dieser Musik!

Achim Hebgen:

Aber viele Musiker glauben, sie seien nur dann sie selbst, wenn sie sich nach vorne spielen, wenn sie sozusagen exhibitionistisch ihre Fähigkeiten demonstrieren.

Michel Godard:

So denke ich nie! Mir schwebt vielmehr vor, mit Musikern, die ich respektiere, so zu spielen, das ich Teil ihrer Musik werde. Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, ihre Musik so gut wie eben möglich klingen zu lassen. Wenn mir das gelingt: das ist doch das Größte was ich erreichen kann! Das hat für mich eine wesentlich größere Bedeutung als den Leuten zu zeigen, welche technische Fähigkeiten ich besitze. Das ist doch im Endeffekt von nicht so großer Bedeutung.

Achim Hebgen:

Du spricht da eine große Sache bescheiden aus. Diese Denkweise ist doch noch immer etwas Besonderes.

Michel Godard:

Das hat ganz sicher auch mit dem Instrument zu tun. Deswegen fühle ich mich ja auch so viel wohler mit der Tuba als mit der Trompete, die ich ja urspünglich gespielt habe. Wenn du ein Baßinstrument spielst, dann weißt du: die Zuhörer nehmen die Baßlinie zunächst nur indirekt wahr. Deine erste Aufgabe mit einem Baßinstrument ist: die Musiker zu unterstützen. Als Trompeter oder Saxophonist stehst du automatisch in vorderster Linie. Mit einem Baßinstrument jedoch bist du zusammen mit den anderen Musiker am musikalischen Geschehen beteiligt. Denn die Interaktion zwischen den einzelnen Musikern läuft immer über die Baßlinie. Das macht die Funktion eines Baßinstrumentes für improvisierte Musik ja so interessant.

Achim Hebgen:

Aber Du geht doch da viel weiter. Auf der einen Seite übernimmst Du die harmonische und rhythmische Funktion der Baßlinie - aber zusätzlich erzählst Du noch eine Menge interessanter Geschichten, musikalisch gesehen.

Michel Godard:

Das ist der nächste Schritt mit einer Tuba oder mit einem Baß: die Spielweise deines Instrumentes so zu entwickeln, um auch ein überzeugender Solist zu sein. Mit einem Baßinstrument ist es viel schwieriger, den Zuhörer solistisch zu 'erreichen'. Das ist genau die Herausforderung, die ich liebe.

Achim Hebgen:

Du bist eine sehr starke musikalische Persönlichkeit. Selbst jemand, der sich im Jazz nicht so auskennt, weiß nach zwei drei Noten: es spielt Michel Godard. Du besitzt einen persönlichen Stil und hast ein ganz neues Vokabular entwickelt, Dich auf der Tuba auszudrücken.

Michel Godard:

Ich habe anfangs erzählt, daß der erste Tubaspieler, den ich intensiv gehört habe, Bob Stewart war. Wenn ich wirklich respektiere, was er auf der Tuba macht, dann darf ich ihn auch nicht ansatzweise kopieren. Gerade dann, wenn ich Tubaspielern zuhöre, die ich besonders schätze, dann versuche ich genau aus dem, was ich an ihnen schätze, etwas anderes zu machen. Natürlich ist es eine große Versuchung, etwas, was dir gefällt, einfach nachzuspielen. Genau damit aber zeigt man am wenigsten Respekt vor den Musikern, die man eigentlich so bewundert. Du integrierst bestimmte Elemente einer musikalischen Sprache, mußt dich aber trotzdem anders darin ausdrücken. Daran arbeite ich ständig. Das ist alles andere als einfach: wenn du beispielsweise eine Baßlinie spielst, ist es ungeheuer schwer, nicht Bob Stewart zu kopieren, gerade weil er darin einen so starken Einfluß auf das heutige Tubaspiel besitzt. Aber natürlich gibt es andere Wege es zu tun. Ähnliches gilt für mein Vorbild Howard Johnson, dessen Art und Weise, seine Soli zu gestalten, ich sehr schätze. Auch da muß ich einen eigenen Weg versuchen zu entwickeln. Er kommt doch aus einer völlig anderen Kultur mit einer völlig anderen Herangehensweise an die Musik.

Achim Hebgen:

Wie siehst Du die Rolle der Tuba auf der zeitgenössischen Szene, insbesondere im Jazz und insbesondere in Europa.

Michel Godard:

Die Tuba hat sich in den letzten Jahren recht gut entwickelt - in der zeitgenössischen Szene. In jedem europäischen Land gibt es Tubaspieler, die sich individuell ausdrücken. Zumindest für Musiker ist die Tuba längst nicht mehr solch ein exotisches Instrument, das es - sagen wir vor 20 Jahren - noch war. Auch die Zuhörer interessieren sich mehr und mehr für den Tubasound und auch mehr für Musiker, die Tuba spielen. Die Tuba ist ein wundervolles Instrument! Ein Instrument mit unglaublich vielen Möglichkeiten! Aus der Funktion eines Baßinstrumentes ist sie heute schon längst herausgewachsen: ein vollgültiges neues Instrument mit einer ganz eigenständigen Charakteristik.

Achim Hebgen:

Also: die Tuba hat sich emanzipiert.

Michel Godard:

Das steht fest. Die zahlreichen Tubisten, die eigenständige neue und interessante Ausdrucksweisen entwickelt haben, geben Musikern und Komponisten neue Ideen, wie sie die Tuba in ihre Musik integrieren können und umgekehrt entwickeln auch die Tubaspieler ihre eigene Musik. Eine hochinteressante Entwicklung, denke ich. In einem bestimmten Sinne ist es ja gar nicht mal so schlecht, daß die Tuba eine vergleichsweise kurze Geschichte hat - im Gegensatz beispielsweise zum Baß oder zur Trompete oder dem Saxophon. Dadurch bieten sich viele Möglichkeiten, weil vieles ganz neu erfunden werden muß. Für einen Tenorsaxophonisten bsw. von heute ist es ungeheuer schwierig, eine neue Spielweise zu entwickeln. Jenseits der amerikanischen Tubisten, von denen wir schon gesprochen haben, gibt noch nicht so viele Vorbilder. In Europa hatte zuvor noch keiner die Tuba als ein Soloinstrument gespielt. Das fing hier erst vor ungefähr 20 Jahren an. Interessant ist auch, die jungen europäischen Tubaspieler wurden zu einer Zeit geboren, in der sie zunächst einmal nicht von der Jazztradition geprägt wurden und so hat jeder auf einem eigenen, sehr persönlichen Weg zur Tuba gefunden. In jedem Land finden sich sogar unterschiedliche Weisen die Tuba zu spielen. Während in Deutschland Ludwig Hübsch und Pinguin Moschner eher von der Free-Jazz-Szene kommen, hat in Italien Giancarlo Schiaffini eine eigene Ausdrucksweise entwickelt in der Auseinandersetzung mit der Zeitgenössischen Musik usw. Sie alle lassen die Tuba ganz anders klingen als die übrigen Instrumente. Das alles geht ziemlich parallel mit der Entwicklung der Tuba in der Zeitgenössischen Musik. Auch ist der allgemeine Standard der Tubaspieler deutlich höher geworden - schlechte Trompeter oder Posaunisten, die die Tuba sozusagen als Ersatz wählen, das gibt es nicht mehr.

Achim Hebgen:

Teil der neuen Attraktivität dieses Instrumentes ist ja auch, daß es im Grunde mehr als nur zwei Funktionen hat: Es ist ein Baßinstrument, ein Soloinstrument und es bereichert das Ensemble um eine neue Klangfarbe.

Michel Godard:

Daß Komponisten und Arrangeure wie Gil Evans in den 50er Jahren die Tuba als neue Klangfarbe in den Orchestern einsetzten, das war ein sehr schöner und sehr wichtiger Beginn. Bill Barber war damals mit seiner Tuba eine phantastische Stimme. Das hatte dann großen Einfluß auf die nachfolgenden Komponisten und Arrangeure, den Tubasound herauszustellen. Aber 'Klangfarbe' - das war erstmal nur eine der Möglichkeiten der Tuba.

Achim Hebgen:

Es war ein langer und weiter Weg hin zu der Funktion, die die Tuba heute besitzt.

Michel Godard:

Ein langer Weg. In der zeitgenössischen Musik gibt es da immer noch eine Menge zu tun. Wenn du ein Recital durchführen willst, das die Tuba in den Mittelpunkt stellt, dann ist das noch gar nicht so einfach, dafür ausreichend Repertoire zu

finden. Ich habe den Eindruck, zeitgenössische Komponisten trauen sich noch nicht so richtig an die Tuba heran. Sie halten es wohl immer noch für ein Instrument der Vergangenheit und sehen kaum Möglichkeiten, mit ihm etwas interessantes zu machen. Natürlich hängt das auch mit dem Charakter der meisten Tubaspieler in der Klassik zusammen. Wir sprechen von der Emanzipation der Tuba im Jazz und in der improvisierten Musik. In der Klassik ist ein übergroßer Teil der Tubaspieler doch sehr konservativ. Sie hoffen mehr oder weniger auf einen Komponisten, der heute Musik im Stil des 19. Jahrhunderts komponiert. Es ist diese nostalgische Trauer, keine Musik des 19. Jahrhunderts für die Tuba zu besitzen, denn die Tuba war ja noch nicht erfunden bzw. es gab damals noch kaum gute Spieler, die die Komponisten angeregt hätten für die Tuba zu schreiben. Es gibt leider nur wenige klassische Tubisten, die an zeitgenössischer Musik interessiert sind.

Achim Hebgen:

Also: es ergeht die Aufforderung an zeitgenössische Komponisten: Hört Euch Michel Godard und Marcus Rojas an! Das gibt Euch vielleicht Anregung und Ideen, für die Tuba zu komponieren.

Uraufführung in Donaueschingen: 1998

Letzte Änderung am: 28.04.2008, 14.58 Uhr

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