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Zum Tod von Christa Wolf "Der geteilte Himmel"

Sigrid Löffler im SWR2-Gespräch über die Schriftstellerin, die im Alter von 82 Jahren gestorben ist.

Die Schriftstellerin Christa Wolf ist tot. Sie ist nach Angaben des Suhrkamp Verlags am Donnerstag im Alter von 82 Jahren in Berlin gestorben. Die Literaturkritikerin Sigrid Löffler bezeichnet Christa Wolf im SWR2-Journal-Gespräch als die einzige gesamtdeutsche Schriftstellerin, die bis 1989 im Osten wie im Westen gleichermaßen angesehen war; nach der Wende wurde sie jedoch Ziel von Vorwürfen und Attacken des westdeutschen Feuilletons.

Frau Löffler, was war das Besondere an Christa Wolfs Texten?

Christa Wolfs Literatur ist eigentlich ohne die Politik gar nicht verständlich. Sie hat ja immer Zeitstoffe aufgegriffen, hat sie dann aber verfremdet, sie oft auch in historische Stoffe verwandelt, in Allegorien, in historische Romane. Aber sie hat eigentlich immer über ihre Gegenwart gesprochen, zuerst über die Gegenwart der DDR und dann nach der Wende über das neue Deutschland. Und sie hatte eigentlich ein zunehmend kritisches Verhältnis zuerst zur DDR und dann erst recht nach der Wende zur Bundesrepublik. Man kann sie sicher als die einzige gesamtdeutsche Schriftstellerin bezeichnen. Sie war im Osten wie im Westen gleichermaßen angesehen, aber nur bis 1989. Das hat sich danach entscheidend geändert. Vor der Wende, da wurde sie gefeiert für ihre doppelbödigen Bücher, die ja immer zwischen den Zeilen auch kritisch gemeint waren, und nach der Wende wurde ihr plötzlich vorgeworfen, dass ihre Kritik nicht weit genug ging.

Die DDR spielte bis zuletzt eine Hauptrolle im Werk von Christa Wolf. Kann man sagen, dass der Konflikt, die Auseinandersetzung mit der DDR der Motor ihrer literarischen Produktivität war?

Es wäre in der Tat verführerisch, es so zu sehen. Man kann wirklich der Arbeitsbiografie Christa Wolfs die Biografie der DDR als Muster unterlegen. Man kann ihr Leben und ihr Werk in Parallele sehen zur inneren Geschichte der DDR. Zum Beispiel der Roman "Der geteilte Himmel" - der war natürlich ein Echo auf den Mauerbau. Der Roman "Nachdenken über Christa T.", das war ein Reflex auf die zunehmende Knebelung der Kultur und der Kunst in der DDR nach dem berüchtigten 11. ZK-Plenum von 65. Nehmen Sie den Roman "Kindheitsmuster". Der ist natürlich eine kritische Antwort darauf, dass sich die DDR gerne selbst stilisiert hat als antifaschistischer Musterstaat. Das wollte sie unterlaufen, indem sie in "Kindheitsmuster" gezeigt hat, dass Kleinbürgertum ja immer nationalsozialistisch infiziert gewesen ist. Und so können Sie eigentlich von Buch zu Buch weitergehen und immer sehen, dass es eine unmittelbare Antwort war auf den zunehmenden inneren Verfall der DDR-Gesellschaft. Diese Entwicklung hat sie immer kommentiert, und sie hat sie zunehmend kritischer kommentiert.

Ein hochkomplexes Leben

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Könnte man dieses Werk und Leben auch als einen langen, aber unaufhaltsamen Abschied von dieser sozialistischen Utopie begreifen, eine fortschreitende Desillusionierung?

Das würde ich so nicht sehen. Ich glaube, dass sie die sozialistische Utopie bis zum Schluss in Schutz nehmen wollte gegen den so genannten real existierenden Sozialismus. Den hat sie tatsächlich immer kritischer gesehen. Sie ist ja auch immer mehr mit der Staatsmacht in Konflikt geraten, das SED-Regime hat sie immer deutlicher kritisiert, aber sie hat immer festgehalten an ihrer Utopie des sozialistischen Menschen oder der sozialistischen Gesellschaft. Und genau das ist ihr ja dann nach der Wende vor allem vom westdeutschen Feuilleton ganz massiv vorgeworfen worden. Sie ist da glaube ich auch sehr ungerecht behandelt worden, sie wurde ja eigentlich stellvertretend für die gesamte DDR-Literatur abgewertet, sie wurde entkanonisiert, man hat sie sozusagen zum Sündenbock für die Abwicklung der DDR-Kunst genommen. Und das hat sie eigentlich bis zum Schluss nicht verwunden, damit ist sie sehr schwer fertig geworden.

Es wurde ja auch bekannt, dass sie von der Stasi nicht nur bespitzelt, sondern auch als IM geführt wurde.

Ja, ganz richtig, das hat ihr natürlich sehr geschadet, dass sie sich dann vor allem damals nicht mehr daran erinnern konnte oder wollte. Das ist ja auch das Grundthema dieses letzten großen Romans "Stadt der Engel". Da geht es darum - sie hadert ja mit sich selbst, 'warum konnte ich mich daran nicht erinnern?', aber ich würde auch sagen, sie hat auch in diesem letzten Roman die Chance vertan, endlich einmal auch mit sich selbst reinen Tisch zu machen oder Gerichtstag zu halten über sich selbst. Auch da bleibt sie eigentlich immer im Diffusen, im Vagen, findet sehr viele etwas wehleidige Ausreden, warum sie so gehandelt hat wie sie gehandelt hat. Also, dieses Buch ist leider, glaube ich, missglückt und hatte nicht die Qualität auch der Selbstbefragung ihrer früheren Werke.

Christa Wolf wurde ja auch als Anwärterin für den Literaturnobelpreis gehandelt. Hätte sie ihn Ihrer Meinung nach verdient?

Man hätte ihn ihr wahrscheinlich teilweise auch aus politischen Gründen vor der Wende durchaus geben können. Ich glaube, nach der Wende war sie dann doch so beschädigt und durch diese Feuilleton- und Rufmord-Attacken so diskreditiert, dass das wahrscheinlich nachher schwer gewesen wäre.

Die Fragen stellte Kathrin Hondl. Webfassung: Gabriele Heuer

Letzte Änderung am: 01.12.2011, 15.26 Uhr

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