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Guedélon ist wie eine Zeitmaschine: Man verlässt am Eingang das 21. Jahrhundert, lässt Auto und Handy und Internet hinter sich und landet ohne Übergang mitten im 13. Jahrhundert.

Innenhof der Burg Guedélon
Überall Handwerker, sie tragen Dachziegel zum Brennofen, spalten riesige Felsbrocken, transportieren Steine und Mörtel mit dem Pferdekarren zur Burg, die aussieht wie eine Ruine. Tatsächlich ist sie aber das genaue Gegenteil einer Ruine: Ein Neubau. Burg Guedélon entsteht ausschließlich mit den Methoden und Werkzeugen des Mittelalters - ein einzigartiges architektonisches und archäologisches Experiment. Marilyn Martin hat dafür ihren Job als Managerin aufgegeben, für sie ist es die Verwirklichung eines Traums:
"Jedes Jahr gibt es hier ganz unterschiedliche Bauphasen zu sehen: Mal bauen wir die Grundmauern, mal ein Kreuzgewölbe, dann ein Dach aus selbstgebrannten Ziegeln. Das ist jedes mal eine einmalige Sache."
Ein Architekt, der in der Nachbarschaft ein Schloss restaurierte, kam auf die Idee für dieses Projekt, als er in den Grundmauern die Überreste einer alten Burg fand. "Wie wäre es, so etwas zu bauen?", fragte er sich und gewann Marilyn Martin für das historische Abenteuer. Zusammen mit einem Team von Wissenschaftlern haben sie dann vor 13 Jahren das Projekt in Angriff genommen.
Zuerst mussten sie herausfinden, wie und womit im Mittelalter genau gebaut wurde, dann wurden die Handwerker verpflichtet. Jeder einzelne lernte bei jedem Arbeitsschritt dazu. Schreiner Thierry haut aus ganzen Baumstämmen große Stützbalken:
"Wenn ich mit einem Baum ein Problem habe, gibt es keine Maschine, die mir hilft – ich muss alleine damit klarkommen. Das Material gibt hier vor, wie gearbeitet wird, ich musste mich da erstmal umstellen. Ich säge die Balken nicht, ich spalte sie aus den Stämmen."

Der Schmied in Guedélon
Der Schmied, ein junger Mann aus der Gegend, hängt mit beiden Armen an einem riesigen Blasebalg, um das Feuer anzufachen. Solche Bewegungen machen die Leute heute nur noch im Fitnesstudio. Aber in Guedélon gibt es keinen Strom, hier wird alles selbst gemacht – von morgens bis abends:
"Hier geht es wirklich zu den Wurzeln des Berufs zurück – da muss man seinen Kopf, aber auch seine Muskeln mehr anstrengen."
Jedes Werkzeug der Steinmetze, aber auch jeden einzelnen der 700 Nägel an der Zugbrücke hat er selbst gemacht, und ständig muss er ausbessern.

Ein Arbeiter bewegt das "Hamsterrad"
Nebenan wird der Wohnturm der Burg hochgebaut. Zwei Stockwerke stehen schon. Einen Kran für die Tonnen von Stein und Mörtel gibt es nicht. Dafür ist das sogenannte "Hamsterrad" da. Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein Folterinstrument, funktioniert aber wie ein Kran: Ein Arbeiter trabt im Rad und spannt so das Seil eines riesigen Flaschenzugs.
Oben entsteht das Kreuzgewölbe, das weltweit einzige originale Kreuzgewölbe, das zur Zeit entsteht. Im Mittelalter brauchte man für eine solche Burg ein gutes Jahrzehnt, in Guedélon wird 25 Jahre lang gebaut. Hier nimmt man sich die Zeit, auch um den Besuchern die einzelnen Bauphasen und Techniken zu erklären. Steinmetz Clement schätzt das besonders:
"Wir können unsere Arbeit ordentlich machen, aber wir haben auch die Zeit, immer wieder innezuhalten, um die vielen Fragen der Besucher zu beantworten.“

Arbeiter beim Burgbau
"Auch das ist Teil des Projekts", erklärt Baustellenchefin Marilyn. Sie möchte, dass die Besucher mitmachen und nicht nur zuschauen. Viele sind so begeistert von dem Projekt, dass sie selbst mit bauen wollen. Jedes Jahr beteiligen sich bis zu 700 Freiwillige an dem Burgbau, Mediziner und Manager genauso wie Leute vom Fach. Antoine, ein junger Architekturstudent, hat sich Guedélon als Praktikumsbaustelle ausgesucht:
"Als ich davon gehört habe, war ich nicht gleich überzeugt. Ich dachte, die machen hier so einen historischen Kostümzirkus. Aber jetzt bin ich wirklich glücklich, dabei zu sein. Gerade habe ich einen ganzen Felsklotz zerschlagen, davor habe ich Ziegel gebrannt. Ich lerne hier viel mehr als auf den Baustellen, auf denen die ich sonst gearbeitet habe.“

Ein elfjähriger Junge bei Steinmetzarbeiten
Besonders begeistert sind natürlich die Kinder. Hunderte von Schulklassen waren schon hier. In speziellen Werkstätten können sie selbst als Steinmetz arbeiten. "Mir gefällt das, zu sehen, wie so eine Burg wirklich gebaut wurde. Ich habe jetzt gelernt, wie man mit Hammer und Meißel eine Lilie in einen Stein schlägt“, erklärt begeistert ein elfjähriger Junge.
Rund um die Burg stehen kleine Hütten. Zwischen zwei schnatternden Gänsen sitzt ein Korbflechter, daneben färbt eine Frau Wolle, umringt von fragenden Zuschauern, die wissen wollen, mit welchem Gemüse man welche Farbe erzielt. Dazu Schweine, Esel und Schafe. Und natürlich Pferde- die sind ja selbst wertvolle Mitarbeiter auf Guedélon.

Ein Korbflechter in Guedélon
Gerade karren sie Brennholz zum großen Ofen. Es ist Zeit, tausende Ziegel zu brennen, die mit Lehm aus der Grube nebenan geformt worden sind. Jeder Ziegel wird geprüft. Hein erkennt schon am Geräusch, ob sie richtig gebrannt wurden. Chefin Marilyn Martin ist von ihrer Mannschaft immer wieder ergriffen:
"Jeden Morgen kommen die Handwerker, jeder geht seiner Arbeit nach, jeder in seinem Rhythmus. Hier gibt es keinen Management-Plan, der erfüllt werden muss. Und trotzdem wächst diese Burg jeden Tag, jeder nimmt seine Arbeit sehr ernst. Das ist auch für Arbeitspsychologen ein interessanter Aspekt.“

Ein Pferdewagen wird mit Lehm beladen
Steinmetz Clement, der seit vielen Jahren dabei ist, sagt das auf seine Art: "Hier wird nicht nur eine Burg gebaut, hier werden auch Menschen geformt. Ich bin hier ernsthafter und ruhiger geworden."
Trotzdem ist die Guedelon-Truppe kein Mittelalter-Traditionsverein. Wenn abends die Baustelle schließt, fahren die Arbeiter in ihre eigenen Häuser mit Fernsehern und Computern. Willkommen zurück im Jahr 2011.
Ein Beitrag von SWR-Korrespondentin Evi Seibert in SWR2 Kontext weltweit am 6. August 2011, Webfassung: Clemens Zoch
Letzte Änderung am: 08.08.2011, 16.47 Uhr