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Einer der ganz großen Intellektuellen Deutschlands ist am 14. februar 80 Jahre alt geworden: Alexander Kluge. Filmemacher, Autor und Schriftsteller. Warum er auch an seinem Geburtstag die Politik nicht vergisst und warum er ACTA für gefährlich hält, erklärt er im SWR2 Kulturgespräch.
Herr Kluge, Sie feiern heute im Kreis Ihrer Familie und Freunde. Können Sie eigentlich gut abschalten und die politischen Probleme unserer Zeit für wenigstens einen Tag einmal vergessen?
Man muss das nicht vergessen. Ich finde, dass ein Geburtstag ein guter Zeitpunkt ist, um sich Rechenschaft zu geben, wohin die Welt geht. Ich werde Jürgen Habermas als Geburtstagsgast haben. Der wird mich schon rügen, wenn ich die Politik vergesse.
Dann können Sie mit Habermas vielleicht auch darüber diskutieren, worüber Deutschland aktuell diskutiert, nämlich über das internationale ACTA-Abkommen, das die Urheberrechte im Internet gewährleisten soll. Dagegen haben Tausende protestiert und für die Freiheit des Internets demonstriert. Das betrifft Sie in gewisser Weise doch auch: Sie arbeiten seit Jahrzehnten als Filmautor und Schriftsteller. Wie wichtig ist Ihnen das Recht auf geistiges Eigentum?
"Man kann nicht misstrauisch genug sein wenn man untersucht, welche Lobbys hier klammheimlich einen Vertrag gezimmert haben. Nicht, was darin steht, ist das Gefährliche, sondern was dahinter steht." Alexander Kluge
Das geistige Eigentum ist etwas, das abzuwägen ist mit der Kategorie "Öffentlichkeit". Wenn ich wählen könnte, ob ich als Geizkragen meine Rechte bewache und eine Öffentlichkeit störe, dann würde ich sagen: Das ist ganz falsch. Bei ACTA kommt noch etwas hinzu: Man kann nicht misstrauisch genug sein, wenn man untersucht, welche Lobbys hier klammheimlich einen Vertrag gezimmert haben. Nicht, was darin steht, ist das Gefährliche, sondern was dahinter steht.
Wir haben früher als Jungfilmer das Schnulzenkartell kennengelernt. Wir haben uns vor 50 Jahren in der Oberhausener Gruppe für mehr Freiheit eingesetzt im Film. Und dann kamen sofort Branchenkenner, die das Ganze wieder zumachen wollten. Das ist ihnen Gott sei Dank nicht gelungen, weil wir Temperamente wie Fassbinder, Herzog, Reitz unter uns hatten.
Aber Sie dürfen nicht denken, dass das, was bei ACTA verteidigt wird, wirklich die Rechte der Künstler sind, sondern der Organisationen.
Sie haben also Verständnis für die junge Generation, die gegen das ACTA-Abkommen auf die Straße geht?
Voll.
Wie war das denn früher? War es schwieriger als heute zu sagen: Das ist meine Idee, ich poche auf mein Recht auf geistiges Eigentum?
Das Internationale Abkommen gegen Markenpiraterie (ACTA) soll die Produktpiraterie im Internet bekämpfen. Doch Gegner von ACTA befürchten, dass ein solches Abkommen Tür und Tor für die Zensur öffnen würde - mit fatalen Folgen für die Demokratie.
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Ich glaube, dass geistiges Eigentum sich auch durchsetzt und gar nicht so attackiert wird. Das wird eher von den Konzernen, die Nutzungsrechte verschaffen und dann sperren, gemacht.
Wenn Bert Brecht eine Idee eines anderen weiterträgt, dann tut er etwas Gutes. Er hat sehr oft Ideen eines anderen genommen und umgesetzt. Bach hat von Vivaldi zwanzig Takte genommen und daraus die große Toccata-Idee gebaut. Das heißt: Transkription ist ein Ursprung der Kultur. Die Mönche im Mittelalter haben Texte immer wieder neu geschrieben und dabei leicht verändert.
Deswegen soll man trotzdem nicht alles nutzen dürfen ohne irgendwas dafür zu bezahlen. Das kann man aber anders ausgleichen als durch diese Verschwörung von ACTA.
Sie haben es im Prinzip ja ähnlich gemacht wie Bach und Brecht: Sie erzählen auch die Geschichten anderer.
Wohl wahr. Ich würde durchaus eine Geschichte von Arno Schmidt weitererzählen. In meinem fünften Buch habe ich Geschichten von Goethe und Thomas Mann weitererzählt. Das, was ich da schreibe, wird aber niemand mit Thomas Mann vergleichen, weil ich einfach eine andere Art zu schreiben habe.
In Anbetracht Ihres vielseitigen Interesses: Welche Projekte haben Sie vor?

Der Schweizer Regisseur Jossi Wieler ist neuer Intendant der Stuttgarter Oper. Warum Wieler das Stück "Nachtwandlerin" von Vincenzo Bellini für seinen Einstieg wählte, erzählt er im SWR.de Interview.
Im Moment habe ich gerade Helge Schneider in Arbeit als Kapitän Schettino mit seinem schräg gelegten Dampfer. Dann schneide ich an einem Film über eine hinreißende Aufführung von Bellinis "Nachtwandlerin" in der Staatsoper Stuttgart.
Und im Sommer werde ich die Poetik-Vorlesung in Frankfurt halten. Und wenn ich mir etwas wünschen darf, würde ich gerne einen Film machen mit dem Filmregisseur Petzold und anderen jungen Regisseuren. Einen Kollektivfilm wie damals "Deutschland im Herbst", aber mit dem Titel "Die Menschen am Samstag".
Wieso "Die Menschen am Samstag"?
Weil es ein interessanter Tag ist. Die Arbeitstage können Sie aufzählen. Und „Menschen am Sonntag“ ist ein Film, den es gibt und der auch sehr interessant und schön war und der zur Filmgeschichte gehört. Aber "Menschen am Samstag" sind meines Wissens im Film nicht dargestellt. Da gibt es Menschen, die an diesem Tag arbeiten und andere spannen aus. Da gibt es ein Stück eigenes Leben.
Und was machen Sie an den Samstagen, Herr Kluge?
Das ist ganz verschieden. Aber leider muss ich an Samstagen oft arbeiten.
Wir warten aber auch auf Ihre Autobiographie. Kommt die?
Das glaube ich nicht. Aber in meinem fünften Buch steht vieles von mir drin und vor allem von meinen Vorfahren. Wir haben ja sehr gute Bindungen, Anker. In diesem komplizierten 21. Jahrhundert ist es gut, sich zu vergewissern, wo man festgehalten wird. Und ich werde bei meinen Eltern, meinen Großeltern und den 16 Urgroßeltern, die ich habe, auf mich befriedigende Weise festgehalten.
Herr Kluge, ich wünsche Ihnen einen sehr schönen 80. Geburtstag und bedanke mich herzlich für das Gespräch.
SWR2 Kulturgespräch vom 14.2.2012
Die Fragen stellte Sonja Striegl. Internetfassung: Candy Sauer und Clemens Zoch
Letzte Änderung am: 13.02.2012, 17.31 Uhr