SWR2-Sendungen zur Buchmesse vom 18. bis 21. März

Vom 18. bis 21. März trafen sich auf der Leipziger Buchmesse wieder Verlage, Autoren, Leser und Journalisten. Mehr als 2.000 Verlage präsentierten sich, 156.000 Besucher kamen - so viele wie noch nie. Ein besonderer Schwerpunkt der Frühjahrsbuchmesse gilt dem Hörbuch. Im ARD Hörbuchforum auf der Neuen Messe präsentieren die ARD-Sender ihre Neuheiten bei Hörspielen, Features und anderen Produktionen. Rund um die Buchmesse veranstaltete die Stadt Leipzig ein großes Lesefest: "Leipzig liest", mit über 1900 Veranstaltungen an 350 Orten das größte Lesefest Europas. Etwa 1500 Autoren beteiligten sich.
Am Donnerstag wurde der Preis der Leipziger Buchmesse in den Kategorien Belletristik, Sachbuch und Übersetzung vergeben. Den Preis in der Kategorie Belletristik erhielt Georg Kleins "Roman unserer Kindheit". Der Preis in der Kategorie Sachbuch ging an Ulrich Raulff für sein Werk "Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben, den Preis für die beste Übersetzung erhielt Ulrich Blumenbach für seine Übersetzung von David Foster Wallace' Opus Magnum "Unendlicher Spaß". Diskussionen hatte die Nominierung von Helene Hegemanns Romandebüt "Axolotl Roadkill" in der Kategorie Belletristik ausgelöst. Der Autorin wird vorgeworfen, Teile des Romans abgeschrieben zu haben - Plagiat oder Zitat?

Verleger Klaus Wagenbach
Ein weiterer Preis wird auf der Leipziger Buchmesse am Freitag, den 19. März verliehen: Der Verleger Klaus Wagenbach wird mit dem Kurt-Wolff-Preis ausgezeichnet. SWR2 Kontext nimmt diese Auszeichnung zum Anlass, die Frage zu stellen, ob wir in Zukunft Verleger wie Klaus Wagenbach überhaupt noch brauchen. Denn die neue Lesergeneration lädt sich Texte direkt aus dem Internet herunter, die Autoren der Zukunft bieten dort ihre Texte auf eigene Faust an.
Buchmessen-Höhepunkt für die ARD war die Radionacht der Hörbücher am Freitag, den 19. März von 20.05 bis 24 Uhr. Sie fand dieses Jahr zum 10. Mal statt. Zu Gast waren unter anderem der Regisseur Walter Adler, der für den SWR gerade Isabel Allendes Roman "Das Geisterhaus" als Hörspiel produziert, sowie Autoren wie Günter Grass und Axel Hacke und Schauspieler und Sprecher wie Matthias Brandt und Anna Thalbach und viele andere.
Letzte Änderung am: 12.03.2010, 16.16 Uhr
Katharina Borchardt im Gespräch mit Hannes Hintermeier, stellvertretender Feuilletonchef der FAZ
Ein Buch, das ist ein Stapel gebundenes Papier. Richtig? Falsch! Ein Buch ist ein Text, den jedermann anbieten und auch jedermann herunterladen kann. Hat man erst mal das richtige Lesegerät, dann ist Papier passé. Und die umständliche Publikation bei einem Verlag auch. Oder? Darüber unterhält sich SWR2 Literaturredakteurin Katharina Borchardt mit dem stellvertretenden Feuilletonchef der FAZ Hannes Hintermeier.
Herr Hintermeier, es wurde schon viel über Kindle, iPad und andere Lesegeräte geschrieben. Auf der Buchmesse in Leipzig sieht man an den Ständen aber immer noch Bücher und keine Ladestationen für Buchdateien. Ist das Gerede vom E-Book also bloß heiße Luft gewesen?
Das glaube ich nicht. Sie sehen auf der Messe noch keine Geräte, aber sie sehen die Kunden der Zukunft. In Leipzig sind ja sehr viele Schüler, ganze Klassen unterwegs, und das sind die künftigen Leser. Und die Frage wird sein: Wie werden die lesen? Der Kindle ist im Anmarsch, es kommt in zwei Monaten der iPad nach Deutschland. Die Verlage arbeiten seit Jahren mehr oder weniger fieberhaft an Lösungen fürs elektronische Zeitalter. Je größer sie sind, desto mehr Geld haben sie bislang dafür ausgegeben. Das sieht man noch nicht, aber das wird kommen, erste Anzeichen dafür gibt es wie üblich seit Jahren in Amerika, wo der E-Book-Markt sich bereits stark entwickelt.
Und Geld ausgeben werden ja auch die Schüler, die Sie beobachtet haben. Wie wird sich der deutsche Buchmarkt in näherer Zukunft verändern?
Das ist immer schwer zu prognostizieren. Man hat es beim Internetbuchhandel gesehen, dem man von Anfang an einen Marktanteil von 20 Prozent zugetraut hat, vielleicht ein Viertel, und wir sind da bereits auf einem guten Weg, dieses Ziel zu erreichen. Wir haben einen ganz starken Marktführer mit Amazon. Beim E-Book-Markt ist es noch nicht ausgemacht, wie das ausgeht. Die Branche, die ja sehr Apple-affin ist und diese Geräte liebt, hat in gewisser Weise mit Schrecken, aber auch mit Sehnsucht auf diesen iPad gewartet, über den man zwar noch nichts Genaues sagen kann - wie er sich anfühlt und bedienen lässt - aber wer Apple kennt, ahnt, dass es ganz gut werden wird. Und ich denke, dass man sich vorbereitet auf dieses Gerät, um mit den richtigen Formaten loszulegen.
Das klingt als freuten sie sich ein bisschen auf diese neuen Lesegeräte. Sie sehen das also nicht kulturpessimistisch: "Oh, das Buch ist in Gefahr!"?
Ich persönlich bin da sehr gespalten. Ich bin ja schon mittleren Alters und werde sicher beim Buch bleiben. Gleichwohl wird man sich diesen Techniken nicht verschließen können. Es gibt ja heute schon viele Lektoren in Deutschland, die mit Lesegeräten sehr glücklich sind, weil es ihnen erspart, mit riesigen Bücherkoffern in den Urlaub zu fahren. Die laden sich dann die Manuskripte drauf und lesen sie am Lesegerät. Für wissenschaftliche Texte könnte das sehr interessant werden - wenn Sie Wissenschaftler sind und sich für unterwegs Ihre Fachliteratur drauf laden können. Das ist ein weites Feld, von dem ich annehme, dass es sich explosionsartig entwickeln wird, wenn es erst mal die guten Geräte und Formate gibt, mit denen man das schön handhaben kann.
Wenn dieser tolle E-Reader irgendwann kommt, was bedeutet das dann genau für das Buch? Braucht man dann einfach bloß kein Papier mehr, um ein Buch zu haben, oder hat die Digitalisierung von Texten auch Konsequenzen für die Macher der Bücher, also für die Verleger und Lektoren?
Das hat unbedingt Konsequenzen, weil sie auch künftig in anderen Vertriebswegen denken müssen. Das hören zwar inhaltsgetriebene Leute wie Lektoren nicht so gern, weil das Marketing ohnehin schon relativ stark ist. Aber man kann natürlich auf dem Internetwege sehr viel gezielter an bestimmte Zielgruppen, so genannte "Communities", rangehen und wird andere Vertriebswege wählen. Wie das Netz uns ja überhaupt gezeigt hat, dass sich das Ganze sehr viel stärker auffächert und individualisieren lässt.
Andere Vertriebswege bedeutet: Buchhandlungen braucht man dann nicht mehr?
Buchhandlungen in der Form, wie wir sie jetzt haben, sind ohnehin schon seit vielen Jahren eine bedrohte Spezies. Wenn sie vom klassischen Literaturverlag reden, da hat man vor 20 Jahren bei einer Gesamtzahl von ca. 4000 Buchhandlungen in Deutschland, behauptet, es gebe 800, die sich um die gute Literatur kümmern würden. Pessimisten sagen heute: Wir sind bereits unter der Hälfte angelangt, es gibt also vielleicht nur noch 300 dieser Buchhandlungen, die das so genannte "gute Buch" pflegen.
Die anderen sind Ketten?
Die anderen sind Ketten, aber die sollte man nicht unterschätzen. Nach allem, was man hört, gibt es bei Thalia, der größten deutschen Buchhandelskette, im Moment die Gegenbewegung, dass die Verkäufer wieder sehr stark inhaltlich geschult werden, um ihre Produkte kenntnisreicher zu verkaufen als es bislang der Fall war. Hugendubel - die zweitgrößte deutsche Kette - ist gerade den gegenteiligen Weg gegangen. Die haben Buchhändler entlassen und dafür Verkäufer eingestellt. Das wird man sehen, in welche Richtung das geht, aber ohne Beratung ist es dem Buchhandel nie wirklich gut gegangen.
Braucht man denn in Zukunft überhaupt noch Verleger?
Unbedingt, selbstverständlich. Das ist ja ein Irrtum, zu meinen, dass jeder nur sein Buch per Datei ins Internet stellt, und dann wird es gefunden. Der Verleger ist ja nicht nur für den Vertrieb zuständig, sondern hat oft die Idee zu dem Buch, er baut den Autor auf, pflegt ihn über Jahre, begleitet das Manuskript und sorgt dann dafür, dass es gedruckt oder digitalisiert wird und in irgendeiner Form den Leser erreicht. Diese Aufgabe sollte man nicht unterschätzen, auch wenn Autoren das gerne tun.
Das Gespräch führte Katharina Borchardt. Quelle: SWR2 Kontext vom 18.3.2010
Letzte Änderung am: 12.03.2010, 16.16 Uhr
SWR2 Literaturchef Walter Filz moderiert am 19. März die 10. ARD-Radionacht der Hörbücher

Randi Crott und Walter Filz
"Noch zwei Minuten", drängelt die Stimme in meinem Ohr. "Noch eine Minute...und raus." Raus? Der Gast ist doch gerade erst reingekommen. Aber die Stimme des Regisseurs im Ohrknopf ist so unerbittlich wie unser Zeitplan. Gern hätte man sich noch etwas verplaudert, gern wenigstens eine der vielen Fragen gestellt, die man noch auf dem Herzen (und dem Notizzettel) hat.
ARD RadioNacht der Hörbücher: 19. März, 20.05 Uhr bis 24 Uhr in SWR2
Doch es wartet noch eine ganze Busladung Gäste auf ihren Auftritt. Die Band hat auch noch ein paar Nummern zu spielen, wir haben noch ein paar Nummern zu verkünden (unter anderem die Telefonnummern fürs Hörerrätsel). Also: kleiner Schluck Wasser - mit der Betonung auf "klein", denn eine Toilettenpause ist im vierstündigen Programm nicht vorgesehen – und dann: der nächste bitte.
Für jemanden, der die ARD-Radionacht der Hörbücher moderiert, vergeht die Zeit noch etwas rasanter als für die Zuschauer im Orchestersaal des MDR in Leipzig und die Zuhörer an den Radios. Obwohl auch die über mangelndes Tempo oder gar Langeweile nicht klagen können.
Über die kostenfreie Rufnummer:
0800 55 99 88 4
gibt es am 19. März wieder die Möglichkeit, sich an Wissensfragen zu beteiligen und eine der Hotel-Reisen zu den "ARD-Hörspieltagen" in Karlsruhe zu gewinnen.
Dennoch gibt es spannende Momente, die exklusiv den Moderatoren vorbehalten bleiben. Gelingt es, Iris Berbens allzu anhänglichen Hund hinter der Kulisse daran zu hindern, zu Frauchen auf die Bühne zu stürmen? Es ist gelungen! Ist Hans-Magnus Enzensberger weniger grantig gestimmt als er es durchaus sein kann? Er ist es gewesen! Denn meine halbnorwegische Mitmoderatorin Randi Crott becirct den Schriftsteller, der einige Jahre in Norwegen gelebt hat, mit sanften Worten in seiner Zweitheimatsprache. Kommt Schauspielerin Anna Thalbach tatsächlich irgendwo aus dem Publikum, nachdem ich sie angesagt habe? Die Scheinwerfer blenden, die Zuschauer sind dunkle Schemen und vor einer Viertelstunde sagte die Stimme in meinem Ohr nur, sie sei auf dem Weg. "Ich freue mich auf Anna Thalbach..." Sie ist gekommen!
So wie viele andere auch gekommen sind. Dutzende Schauspieler, Schriftsteller, Kabarettisten, Regisseure, Vorleser aller Wort-Art haben sich in zehn Jahren auf den Weg gemacht, um sich die ARD-Radionacht der Hörbücher um die Ohren zu schlagen – von Ingo Schulze bis Helge Schneider, von Ulrich Matthes bis Ulrich Noethen, von Jutta Hoffmann bis Hannelore Hoger. Sie alle ließen buchstäblich von sich hören – und dabei zusehen.

Hörbuch hören auf der Leipziger Buchmesse
Mit ihnen konnte das Publikum über zehn Jahre hinweg die rasante Entwicklung eines Mediums verfolgen, das längst mehr ist als Nachgesprochenes von Vorgedrucktem. Mit aufwändigen Hörspielinszenierungen und spannenden Dokumentationen wird ein Ohrenschmaus geboten, mit dem kein Lesefutter vergleichbar ist. Und auch "nur" Vorgelesenes entfaltet Mehrwert gegenüber der Vorlage. Ganz neues Leben erhält ein geschriebener Text im Hörbuch: er entwickelt Emotionalität, Dynamik, Authentizität. Genau das macht auch die ARD-Radionacht der Hörbücher aus. Nicht nur weil sie live übertragen wird, sondern weil sie Wort und Text lebendig macht – und damit immer auch ein wenig unberechenbar.
Selbst wenn alle Wortwechsel mit den Gästen halbwegs hinhauen, bleibt am Ende die Frage: Schaffe ich es, die lange Liste mit allen Mitwirkenden und Beteiligten ohne Verhaspeler abzusagen? Es hat – offen gesagt – noch nie geklappt.
Walter Filz
Letzte Änderung am: 12.03.2010, 16.16 Uhr