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"Die Moral, die er im Übermaß hatte, vermissen wir bei anderen. Nur wenige Menschen haben mich so beeindruckt wie er", schreibt Hans-Dietrich Genscher über Václav Havel. Der Journalist Michael Frank hat Havel viele Jahre lang beobachtet und auch er war beeindruckt von dem tschechischen Schriftsteller und Staatsmann.

Wer ihn näher kannte, musste von ihm beeindruckt sein, insbesondere von einem Mangel. Denn dieser jungenhafte, charmante Mann hatte den "Mangel", keine faulen Kompromisse eingehen zu können. Eigentlich haben wir ja alle das Gefühl, dass Politik in der Hauptsache aus Kompromissen besteht, gelegentlich auch aus solchen, die nicht so ganz sauber sind. Und das war ihm überhaupt nicht gegeben.
Er hatte eine Direktheit und Klarheit in seinen Auffassungen, zum Beispiel von Menschenrechten und von Rechtsstaatlichkeit, die in gewisser Weise unerbittlich waren, und die es diesem Land, nämlich erst der Tschechoslowakei und dann der Tschechischen Republik, möglich gemacht haben, zwar mit großer Mühe, aber rascher und klarer zur Rechtsstaatlichkeit zu kommen, als das anderen Gesellschaften im sowjetischen Raum gelungen ist.
Václav Havel war ein sehr unbequemer Präsident. Man hat ihn im Westen gerne als den "neuen Schwejk" bezeichnet, und das war völlig falsch. Er war nämlich das genaue Gegenteil. Er hat das Lavieren zwischen dem Uneigentlichen und dem "das wird schon irgendwie gehen" nicht gemocht. Im Gegenteil, das hat er seinen Landsleuten übel genommen und er hat sie auf diese Weise gezwungen, sich auf die Rechtsstaatlichkeit einzulassen, also auf den Umbau des Staates nach Recht und Gesetz. Und hinterher sich auch im Alltagsleben darum zu kümmern. Damit hat er sie auf der einen Seite genervt, auf der anderen Seite aber auch befähigt, ein Staatswesen auf- und auszubauen, das heute im Konzert der mitteleuropäischen Staaten eine respektable Rolle spielt und das sich auch seiner selbst immer gewisser wird.
Natürlich haben all diese Länder Probleme, sich nach einer knappen Generation wirklich in die neue Zeit und in das, was man Selbstbestimmung nennen könnte, zu finden. Aber Václav Havel war derjenige, der gesagt hat: "Ihr müsst eurer eigenen Rechte, aber auch eurer eigenen Pflichten gewiss werden und die der anderen achten. Dann werdet ihr in diesem Land weiterkommen."
Dramatiker, Dissident, Dichter und Präsident. Das war sein Leben, das nun im Alter von 75 Jahren endete. "Ich war ein Träumer und zugleich viel realistischer als die meisten Mitbürger", sagte er einmal über sich selbst. Ist das ein Satz, der für sein Vermächtnis steht? Auch für sein künstlerisches Vermächtnis?
Es war schon richtig, was er da gemeint hat. Ganz einfach, weil er erstaunt neben seiner eigenen Karriere, neben all seinen eigenen Fähigkeiten gestanden hat. Es war nicht so, dass er nicht überzeugt davon gewesen wäre, dass er für Gesellschaft und Literatur etwas leisten kann. Aber er war natürlich auch ein bisschen verblüfft. Denn er hat im Laufe seines Lebens feststellen müssen, dass seine eigentliche Berufung wie er sie sah, nämlich Literat zu sein, Poet zu sein, auf Dauer nicht unbedingt das sein würde, mit dem er in die Geschichte eingeht. Sondern als Politiker, als Präsident. Dabei hat er sich eben als Antipolitiker gesehen, als einer, der keine faulen Kompromisse macht, der nicht den bequemen Weg sucht, sondern derjenige, der Klarheit schafft. Das hat er versucht. Und dass es ihm zeitweilig gelungen ist, war für ihn selbst verblüffend.

Interview: Thomas Ihm | Webfassung: Candy Sauer und Klaus Rudloff
Letzte Änderung am: 19.12.2011, 11.00 Uhr