Navigation

Volltextsuche
Sendungen A-Z

SWR2 bei facebook SWR2 bei Twitter SWR2 bei YouTube SWR2-App SWR2 bei Facebook, Twitter und YouTube und als App

Radio im SWR

Seite vorlesen:

Leipziger BuchmesseBrauchen Bücher noch Verleger?

Katharina Borchardt im Gespräch mit Hannes Hintermeier, stellvertretender Feuilletonchef der FAZ

Ein Buch, das ist ein Stapel gebundenes Papier. Richtig? Falsch! Ein Buch ist ein Text, den jedermann anbieten und auch jedermann herunterladen kann. Hat man erst mal das richtige Lesegerät, dann ist Papier passé. Und die umständliche Publikation bei einem Verlag auch. Oder? Darüber unterhält sich SWR2 Literaturredakteurin Katharina Borchardt mit dem stellvertretenden Feuilletonchef der FAZ Hannes Hintermeier.

Herr Hintermeier, es wurde schon viel über Kindle, iPad und andere Lesegeräte geschrieben. Auf der Buchmesse in Leipzig sieht man an den Ständen aber immer noch Bücher und keine Ladestationen für Buchdateien. Ist das Gerede vom E-Book also bloß heiße Luft gewesen?

Das glaube ich nicht. Sie sehen auf der Messe noch keine Geräte, aber sie sehen die Kunden der Zukunft. In Leipzig sind ja sehr viele Schüler, ganze Klassen unterwegs, und das sind die künftigen Leser. Und die Frage wird sein: Wie werden die lesen? Der Kindle ist im Anmarsch, es kommt in zwei Monaten der iPad nach Deutschland. Die Verlage arbeiten seit Jahren mehr oder weniger fieberhaft an Lösungen fürs elektronische Zeitalter. Je größer sie sind, desto mehr Geld haben sie bislang dafür ausgegeben. Das sieht man noch nicht, aber das wird kommen, erste Anzeichen dafür gibt es wie üblich seit Jahren in Amerika, wo der E-Book-Markt sich bereits stark entwickelt.

Und Geld ausgeben werden ja auch die Schüler, die Sie beobachtet haben. Wie wird sich der deutsche Buchmarkt in näherer Zukunft verändern?

Das ist immer schwer zu prognostizieren. Man hat es beim Internetbuchhandel gesehen, dem man von Anfang an einen Marktanteil von 20 Prozent zugetraut hat, vielleicht ein Viertel, und wir sind da bereits auf einem guten Weg, dieses Ziel zu erreichen. Wir haben einen ganz starken Marktführer mit Amazon. Beim E-Book-Markt ist es noch nicht ausgemacht, wie das ausgeht. Die Branche, die ja sehr Apple-affin ist und diese Geräte liebt, hat in gewisser Weise mit Schrecken, aber auch mit Sehnsucht auf diesen iPad gewartet, über den man zwar noch nichts Genaues sagen kann - wie er sich anfühlt und bedienen lässt - aber wer Apple kennt, ahnt, dass es ganz gut werden wird. Und ich denke, dass man sich vorbereitet auf dieses Gerät, um mit den richtigen Formaten loszulegen.

Das klingt als freuten sie sich ein bisschen auf diese neuen Lesegeräte. Sie sehen das also nicht kulturpessimistisch: "Oh, das Buch ist in Gefahr!"?

Ich persönlich bin da sehr gespalten. Ich bin ja schon mittleren Alters und werde sicher beim Buch bleiben. Gleichwohl wird man sich diesen Techniken nicht verschließen können. Es gibt ja heute schon viele Lektoren in Deutschland, die mit Lesegeräten sehr glücklich sind, weil es ihnen erspart, mit riesigen Bücherkoffern in den Urlaub zu fahren. Die laden sich dann die Manuskripte drauf und lesen sie am Lesegerät. Für wissenschaftliche Texte könnte das sehr interessant werden - wenn Sie Wissenschaftler sind und sich für unterwegs Ihre Fachliteratur drauf laden können. Das ist ein weites Feld, von dem ich annehme, dass es sich explosionsartig entwickeln wird, wenn es erst mal die guten Geräte und Formate gibt, mit denen man das schön handhaben kann.

Wenn dieser tolle E-Reader irgendwann kommt, was bedeutet das dann genau für das Buch? Braucht man dann einfach bloß kein Papier mehr, um ein Buch zu haben, oder hat die Digitalisierung von Texten auch Konsequenzen für die Macher der Bücher, also für die Verleger und Lektoren?

Das hat unbedingt Konsequenzen, weil sie auch künftig in anderen Vertriebswegen denken müssen. Das hören zwar inhaltsgetriebene Leute wie Lektoren nicht so gern, weil das Marketing ohnehin schon relativ stark ist. Aber man kann natürlich auf dem Internetwege  sehr viel gezielter an bestimmte Zielgruppen, so genannte "Communities", rangehen und wird andere Vertriebswege wählen. Wie das Netz uns ja überhaupt gezeigt hat, dass sich das Ganze sehr viel stärker auffächert und  individualisieren lässt.

Andere Vertriebswege bedeutet: Buchhandlungen braucht man dann nicht mehr?

Buchhandlungen in der Form, wie wir sie jetzt haben, sind ohnehin schon seit vielen Jahren eine bedrohte Spezies. Wenn sie vom klassischen Literaturverlag reden, da hat man vor 20 Jahren bei einer Gesamtzahl von ca. 4000 Buchhandlungen in Deutschland, behauptet, es gebe 800, die sich um die gute Literatur kümmern würden. Pessimisten sagen heute: Wir sind bereits unter der Hälfte angelangt, es gibt also vielleicht nur noch 300 dieser Buchhandlungen, die das so genannte "gute Buch" pflegen.

Die anderen sind Ketten?

Die anderen sind Ketten, aber die sollte man nicht unterschätzen. Nach allem, was man hört, gibt es bei Thalia, der größten deutschen Buchhandelskette, im Moment die Gegenbewegung, dass die Verkäufer wieder sehr stark inhaltlich geschult werden, um ihre Produkte kenntnisreicher zu verkaufen als es bislang der Fall war. Hugendubel - die zweitgrößte deutsche Kette - ist gerade den gegenteiligen Weg gegangen. Die haben Buchhändler entlassen und dafür Verkäufer eingestellt. Das wird man sehen, in welche Richtung das geht, aber ohne Beratung ist es dem Buchhandel nie wirklich gut gegangen.

Braucht man denn in Zukunft überhaupt noch Verleger?

Unbedingt, selbstverständlich. Das ist ja ein Irrtum, zu meinen, dass jeder nur sein Buch per Datei ins Internet stellt, und dann wird es gefunden. Der Verleger ist ja nicht nur für den Vertrieb zuständig, sondern hat oft die Idee zu dem Buch, er baut den Autor auf, pflegt ihn über Jahre, begleitet das Manuskript und sorgt dann dafür, dass es gedruckt oder digitalisiert wird und in irgendeiner Form den Leser erreicht. Diese Aufgabe sollte man nicht unterschätzen, auch wenn Autoren das gerne tun.


Das Gespräch führte Katharina Borchardt. Quelle: SWR2 Kontext vom 18.3.2010

Letzte Änderung am: 17.03.2010, 17.16 Uhr