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"Sonderbare Einzelgänger" Neue Studie über junge Amoktäter

Was bringt Terror-Attentäter und Amokläufer dazu, viele Menschen zu töten und auch den eigenen Tod dabei in Kauf zu nehmen? Prof. Britta Bannenberg von der Uni Gießen hat drei Jahre lang fast alle Amoktaten junger Täter in Deutschland untersucht. Jetzt wurde die neue Studie vorgestellt.

Kerzen, nach Amoklauf von Winnenden

Trauer nach der Bluttat in Winnenden (Archivbild)

Sie haben sich zunächst auf die jungen Täter konzentriert, was haben Sie da herausgefunden?

Wir haben versucht, junge Täter bis in die 1990er Jahre zurückreichend komplett zu erfassen. Es sind sehr schwere Taten dabei, wie Winnenden und Erfurt, aber auch Taten, die nicht so drastische abgelaufen sind. Wir konnten mit Strafaktenanalysen, Täterinterviews, Interviews im Umfeld, Analysen der Selbstzeugnisse der Täter herausfinden, dass ihre Persönlichkeit besonders ist. Das heißt, dass diese Täter im negativen Sinne psychopathologisch auffällig und in diese Richtung entwickelt sich dann sehr viel Hass in Verbindung mit narzißtischen Kränkungen und der Bereitschaft zu töten.

Man kann im Grunde sagen, es handelt sich hier um sonderbare Einzelgänger.

Sie sind besonders kränkbar, sie bilden sich ein, ihre Mitschüler, die Umwelt, Lehrer, Eltern manchmal auch, behandelten sie schlecht, würden sie demütigen, herabsetzen. Und das ist nicht real. Es gibt keine Hinweise auf Mobbing oder schlechte Behandlung oder gar Demütigungen und Zufügen von Unrecht. Die Täter nehmen das so wahr, weil sie eine solche Persönlichkeit haben.

Nicht jeder, der ein bisschen sonderbar ist, wird gleich zum Amokläufer - was macht den Unterschied aus? Liegen Persönlichkeitsstörungen vor?

Ja, das bedeutet, die sind egoistisch, nicht empathisch, empfinden kein Mitgefühl, die sehen nur sich selbst und sich immer wieder gekränkt von allen. Nicht genügend beachtet, nicht genügend anerkannt, sie kommunizieren aber fast nicht mit anderen. Sie setzen eher die anderen herab und fühlen sich dabei aber ständig schlecht behandelt und dann entsteht daraus natürlich eine Unzufriedenheit, Wut auch, die sie aber nicht zeigen. Sie brüten also im Stillen über ihre vermeintliche Rache und inszenieren dann teilweise auch ihre Taten als medienwirksam großen Abgang mit Suizid. Das heißt, sie begehen dann den Mord und bringen sich dann am Ende um, das ist zumindest das Ideal, das sie verfolgen.

Wieso schlägt das Umfeld des Täters, vor allem die Familie nicht früher Alarm - merken die wirklich nichts?

Die Familie merkt sehr viel, aber Familienangehörige sind schwierig bei der Aufdeckung dieser problematischen Entwicklungen, weil sie häufig denken, es wächst sich aus oder sie wollen ihre Kinder schützen. Sie rechnen ja auch nicht unbedingt mit dem Allerschlimmsten. Aber die Mitschüler merken natürlich, dass ihr Mitschüler anders ist, dass von ihm möglicherweise auch eine Bedrohung ausgeht.

Das muss nicht unbedingt die konkrete Amokdrohung sein, die ein solcher Junge dann ausstößt, in der Regel sind es junge Männer, sondern es kann auch eine Andeutung sein, dass man sich sehr mit Amok und Tötungsfantasien oder der Tat an der Columbine High School beispielsweise beschäftigt oder jetzt auch mit Terrorakten und es toll findet, wenn da Menschen "draufgehen". Mitschüler merken so etwas viel häufiger und viel eher und die Täter haben Vorfeld auch extrem häufig Andeutungen gemacht. Das ging teilweise über ein halbes Jahr und das müssen Erwachsene dann doch ernstnehmen.

Trauer um britische Abgeordnete Cox

Menschen nehmen Abschied von der ermodeten britischen Politikerin Jo Cox

Was ist mit der gesellschaftspolitischen Motivation? Beispielsweise der Täter von Orlando schien homophob zu sein, der Mörder von Jo Cox in Großbritannien offenbar ein Brexit-Anhänger - welche Rolle spielen diese Motive tatsächlich?

Es ist bei den Erwachsenen vor allem so, dass die eigentlich schon einen Hass auf die gesamte Menschheit entwickelt haben, manche Gruppen von ihnen aber nochmal ganz besonders verabscheut werden. Die nehmen durchaus Zeitströmungen auf, das heißt beim einen ist es mehr rechtsextremistisch, beim anderen islamistisch oder eben diese typischen vorurteilsbegründeten Gruppenablehnungen, also ob man jetzt Frauen hasst, oder Homosexuelle oder "die Linken" oder "die Liberalen" oder sonstwen, das ist im Grunde Zufall.

Das heißt, diese Tat speziell ist dann eigentlich nur Mittel zum Zweck?

Ja, sie ist Ausdruck eines individuellen Hasses, der nicht rational ist und deshalb ist auch die Suche nach politischen Motiven im Fall Orlando wahrscheinlich vergebens.

Beim Germanwings-Absturz mit über 100 Toten haben alle immer nach den depressiven Vorerkrankungen des Co-Piloten geforscht, führt das Ihrer Ansicht in die falsche Richtung?

Ja, das scheint mir eine falsche Wertung zu sein, weil interessanterweise von den Medien die Deutung kam, dass Suizid=Depression. Wir sehen aber, dass sich etwa die Hälfte der jungen Amoktäter im Anschluss an die Tat getötet haben oder auch mehr als ein Drittel der erwachsenen Täter Mord plus Suizid planen. Ein Depressiver plant seinen Suizid, aber nicht die Ermordung anderer Menschen. Der Amoktäter plant Mord plus Suizid. Und damit haben Sie die Antwort auf den Germanwings-Fall.

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