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SWR-Koproduktion: "Die Summe meiner einzelnen Teile" Neu im Kino: Ein Leben ohne Angst?

Wie ist ein Leben ohne Angst möglich? Wofür lohnt es sich zu kämpfen? Das sind die großen Fragen im neuen Film von Hans Weingartner. "Die Summe meiner einzelnen Teile" changiert zwischen Sozialkritik und Utopie und trifft damit denselben Nerv wie Weingartners Kultfilm "Die fetten Jahre sind vorbei". Der vom SWR koproduzierte Film war einer der Höhepunkte des Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken.

"Schön, dass Sie da sind!", frohlockt die Aufschrift auf der Schiebetür des Supermarkts, in dem der obdachlose Martin und Viktor, das Straßenkind, ihre aus dem Müll geholten Pfandflaschen zu Geld machen wollen. Die fröhliche Werbebotschaft macht das Bild noch kälter und trostloser, als es ohnehin ist. Denn natürlich freut sich kein Mensch über diese beiden abgewrackten Gestalten, niemand möchte sie sehen.

Eigentlich möchte auch niemand unbedingt einen Film sehen, der zeigt, was passiert, wenn jemand aus dem bürgerlichen Leben herausfällt und dann die Treppe abwärts bis ganz nach unten stürzt. Doch dieser Film ist anders: Hans Weingartner begnügt sich nicht mit der Schilderung schlimmer Zustände, sondern sucht einen Weg hinaus. "Meine Figuren kämpfen immer, sie versuchen, etwas zu ändern, sie versuchen, sich zu ändern", sagt er im Gespräch mit SWR.de. "Reine Situationsbeschreibungen langweilen mich zu Tode. Für mich ist ein Film wie eine Forschungsreise - ich versuche, etwas herauszufinden".

Vom Anzugträger zum Penner

Am Beginn der Reise steht die Geschichte von Martin Blunt (Peter Schneider), einem begabten Mathematiker. Er wird von einer psychischen Erkrankung aus der Bahn geworfen, nach einem halben Jahr in der Psychiatrie sind Freundin und Arbeitsplatz weg. Alkoholsucht, Räumungsbescheid, Obdachlosigkeit - es geht schnell bergab. Doch dann trifft der kranke Mathematiker auf Viktor, vielleicht zehn Jahre alt, der nur ukrainisch spricht und nach dem Tod seiner Mutter auf der Straße lebt. Beinahe wortlos freunden die beiden sich an. Unter Ästen und geklauter Plastikplane kampieren sie im Wald, weil sie keinen anderen Schlafplatz finden.

Es ist kalt, es regnet, es ist hoffnungslos - und doch beginnt sich das Leben der beiden Außenseiter zu verändern. Sie bauen sich eine besser, größere Hütte. Sie klauen einen Ofen, Teller und Löffel, kaufen von dem Pfandflaschengeld Dosen-Eintopf und Brot. Martin schüttet den letzten Schnaps weg und braucht auch keine Psycho-Pillen mehr. Die Blätter werden grün und der Frühling kommt.

Leben in den Wäldern

An dieser Stelle könnte der Film ohne weiteres in Kitsch ausufern. Doch die Waldhütte ist kein Ort für Sozialromantik. Es ist kein gemütliches Leben hier und man ahnt auch, dass es so nicht weitergehen wird. Aber die Hütte ist ein Ort außerhalb der Gesellschaft, und das ist wichtig. Seit der Philosoph Henry David Thoreau sich 1845 in genau so eine Waldhütte zurückzog, um seine legendäre Gesellschaftskritik "Walden oder Das Leben in den Wäldern" zu schreiben, ist das selbst gebaute Haus im Wald ein Platz, von dem aus man die Welt aus den Angeln heben kann.

Für Martin wird in der Waldhütte eine Wendung möglich: Er ist kein Opfer mehr. Er übernimmt Verantwortung für Viktor und bekommt sein Leben wieder in die Hand. Man sieht es an seinem Gesicht: Das nervöse Zucken ist verschwunden, der verstörte Blick wird ruhig, die Angst ist auf einmal nicht mehr da.

Spätestens an dieser Stelle verändert sich auch der Blick des Zuschauers. Statt einer Sozialreportage über das Elend der Welt zu folgen, werden wir zu Sympathisanten eines gesellschaftlichen Experiments. Von der Waldhütte aus gesehen, sind plötzlich andere Dinge wichtig als sozialer Status und saubere Wäsche - Mitgefühl und Freundschaft zum Beispiel. Ein Leben ohne warmes Wasser und Strom, aber auch ohne Angst, in Freiheit: Das ist die Utopie dieses Films.

Dabei geht es Weingartner um mehr als eine nur individuelle Veränderung. Die ganze Gesellschaft ist gemeint: "Wir leben in einer Welt, wo Empathie nicht mehr möglich ist", sagt er. "Das finde ich schlimm, denn die Empathie ist das, was die Menschen zu Menschen macht. Wir sind im Kern soziale Wesen, aber die moderne Gesellschaft trennt uns immer mehr davon."

Widerstand gegen die Staatsgewalt

Sehr bald räumen Waldarbeiter, Polizei und Ärzte den illegalen Wildwuchs auf und stellen die "richtige" Ordnung wieder her. Sie behaupten sogar, es habe nie einen Jungen namens Viktor gegeben, er sei nur eine Halluzination von Martins krankem Kopf gewesen.

Was bleibt? Trotz der enttäuschten Hoffnung ist es nicht Hoffnungslosigkeit, sondern Wut - eine kämpferische Energie, eine Wille zum Widerstand, der dafür sorgen wird, dass Martin seinen eigenen Weg weitergeht. "Letzthin hat mir jemand über den Film gesagt: 'Man kommt raus und hat Lust auf Veränderung'", erzählt Hans Weingartner. "Das hat mich sehr froh gemacht."


Kinofilm

Titel der Reihe:
Die Summe meiner einzelnen Teile
Produktion:
Deutschland 2011
Regie:
Hans Weingartner
Darsteller:
Peter Schneider, Timur Massold, Henrike von Kuick, Julia Jentsch u.a.
Drehbuch:
Hans Weingartner und Cüneyt Kaya
Genre:
Drama
Länge:
120 Min.
Veröffentlichung:
Kinostart am 2.2.2012

Autorin: Sophie von Glinski

Quelle: SWR.de - Kultur

Letzte Änderung am: 03.02.2012, 14.11 Uhr

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