SWR1 LeuteUlrich Tilgner
Korrespondent in Teheran
"Das ganze System bebt"
"Wenn die Opposition im Iran Fehler macht und weiter auf die Straße geht, dann wird sie verlieren, dann gibt es ein Blutbad und es herrscht Ruhe, und zwar Friedhofsruhe", sagte Iran-Korrespondent Ulrich Tilgner 25. Juni 2009 in "SWR1 Leute".

Ulrich Tilgner
Tilgner gilt als exzellenter Kenner des Nahen und Mittleren Ostens und berichtet derzeit für das Schweizer Fernsehen. Weiter führte er aus: "Die Demonstranten wollen keine islamische Herrschaft, die autoritär ist. Das ist ihre Botschaft vor allem für die ländlichen Regionen. Doch das ganze System bebt. Die Frage ist nur, wer gewinnt." Es gebe Vorbereitungen seitens der Regierung, die ganz eindeutig seien "und man weiß, wie man weiter vorgehen will, wenn es zur großen Auseinandersetzung kommt. Mussawi sagt ja immer wieder: 'Lasst euch nicht provozieren'. Die Bewegung müsse friedlich bleiben. Mussawi möchte gern der Ghandi Irans werden."
Tilgner über die Gradwanderung aus Teheran zu berichten
"Ich wurde bisher nicht zensiert. Doch: Was ich nicht sage, ist, was die Opposition plant. Ich möchte nicht, wie es oft der Fall ist, dass die Situation vom Ausland aus noch angeheizt wird. Wenn man immer losheizt und sagt, das und das wird passieren, dann werden Hoffnungen geweckt und hinterher gibt es die Enttäuschung. Die Gegner der Regierung sind in einer schwierigen Lage und das muss man von außen nicht noch anheizen."
Kommunikationsweg Internet
Er und seine Kollegen hätten außerordentlich schwierige Arbeitsbedingen vor Ort. Einzig das Internet sei ein – allerdings nur halbwegs – verlässlicher Kommunikationsweg: "Facebook zum Beispiel spielt im Iran eine unglaubliche Rolle. Es ist das erste Mal, dass sich eine oppositionelle Bewegung auf solche Kommunikationsmittel stützt. Der Wahlerfolg von Mussawi lag auch daran. Im Iran gibt es keine wirkliche Möglichkeit, seine Freizeit zu verbringen. Das heißt, man sitzt am Computer und surft im Netz. Und jeder Iraner, der etwas auf sich hält, hat einen Eintrag in Facebook. Selbst die großen, alten Ayatollahs haben eine Website. Deshalb tut sich die Regierung so schwer, weil das jetzt wieder zurück gedreht werden soll."
Ohne Internet kollabiert das öffentliche Leben im Iran
Tilgner erklärte zum Hintergrund: "Der Versuch, das Internet so wie das Mobilfunknetz abzustellen, wird dazu führen, dass das öffentliche Leben im Iran kollabiert, weil das Internet Bestandteil des Wirtschaftslebens der Verwaltung ist. Ohne das Internet können Sie den Iran gar nicht mehr richtig steuern und verwalten. Im Büro in Teheran laden wir zum Beispiel jeden Morgen aus China die Software neu, mit der man die Filterung knacken kann. Auch die Jugend im Iran kann das, dort ist das Knacken der Filter im Netz geradezu ein Volkssport der Jugend geworden."
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- Alle Sendetermine:
- 25.06.2009, 10.00 Uhr, Leute, SWR1 Baden-Württemberg
Letzte Änderung am: 25.06.2009, 10.00 Uhr
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