TV-Journalistin
Sendung vom Freitag, 10.10.2008 | 10.00 Uhr | SWR1 Baden-Württemberg
"Ich arbeite viel, ich hab's auch verdient"
Eine Bestsellerliste ohne Elke Heidenreich? Gibt es nicht. Entweder ihre eigenen Werke oder eines der Bücher, die in ihrer Sendung "Lesen!" empfohlen wurden, stehen praktisch immer vorn. Jetzt hat sie den Hans Bausch Mediapreis des SWR verliehen bekommen. SWR1-Moderator Stefan Siller hat mit ihr gesprochen.
Stefan Siller (SWR1): Wird mit dem Bausch Mediapreis die Zuschauerquote für Ihre ZDF-Sendung "Lesen!" noch höher?
Elke Heidenreich: Nein, aber vielleicht hilft es mir bei meinem endlosen Kampf um bessere Sendeplätze für die Kultur. Die Kultur wird gerne abgeschoben auf nachts um 23 Uhr. Wenn wir mit Preisen überhäuft werden und sehr präsent sind in den Medien, können wir sagen: Schaut her, wir werden beachtet, wir werden gelobt, nun bringt uns weiter nach vorne. Ich finde, eine Sendung wie "Lesen!" muss es geben, und sie muss liebevoll behandelt werden, und das wird sie derzeit nicht.
Der Preis ist sicher eine große Ehre, aber die soundsovielte Auszeichnung. Wissen Sie, wie viele es waren?
Nein, man zählt die Preise nicht wie beim Biertrinken mit Strichen auf dem Deckel. Ich bin jetzt über 30 Jahre im Fernsehen und 40 Jahre im Radio, da sammelt sich natürlich einiges an. Das ist schön, das freut mich, aber ich bin ja auch fleißig, ich arbeite viel, ich hab's auch verdient. Punkt.
Elke Heidenreich
Radio-Ikone, TV-Moderatorin, Schriftstellerin - die Karriere der heute 65-jährigen Elke Heidenreich birgt viele Facetten. In den vergangenen Jahren ist verstärkt die Musik dazu gekommen. Sie ist Förderin der Kölner Kinderoper und erstellte zahlreiche kindgerechte Textfassungen für Inszenierungen. Mit ihrem neuesten Projekt, dem auf Musik spezialisierten "Verlag Elke Heidenreich", verbindet sie ihre Leidenschaften für Literatur und Musik.
Was wollten Sie ursprünglich mal werden?
Theaterkritikerin. Ich habe Theaterwissenschaften studiert und wollte nicht auf sondern vor die Bühne und darüber schreiben. So was ähnliches ist es dann auch geworden.
Ist irgendein Buch, das Sie in "Lesen!" vorgestellt haben, mal nicht in die Bestsellerlisten gekommen?
Oh ja, viele. Wir haben manchmal sehr komplizierte Bücher, die nicht alle Menschen erreichen. Aber in jeder Sendung ist eins, das den Sprung wieder schafft. Denken Sie an Daniel Kehlmann, da waren wir die ersten. Jetzt gerade ist es uns mit "Die souveräne Leserin" von Alan Bennett aus dem kleinen, wunderbaren Wagenbachverlag gelungen. So etwas auf den dritten Platz zu katapultieren macht natürlich Spaß.
Gibt es viele Fans von Ihnen, die alles kaufen, was sie empfehlen?
Vielleicht gibt es solche Leute. Aber erstens kann sich nicht jeder alle diese Bücher auch leisten. Zweitens kann ich mich natürlich irren. Manchmal sprechen mich Leute an und sagen: Da haben Sie was empfohlen, das hab ich gelesen und es hat mir überhaupt nicht gefallen. Manchmal liege ich völlig daneben und habe nur meinen eigenen Geschmack vorgestellt. Ich mache Buchempfehlungen, keine Kritiken.
Wie viele Bücher müssen Sie lesen, um in Ihrer Sendung eines zu empfehlen?
Interessante Frage, meine Redakteurin und ich haben das mal durchgerechnet. So ungefähr ist das Verhältnis eins zu acht. Also pro Sendung etwa 40-50 Bücher.
Woran macht sich ein guter Stil fest?
Marcel Reich-Ranicki sagt, er merkt es beim ersten Satz. Ich lese immer eine Stunde. Aber manchmal man merkt wirklich auf der ersten Seite, es ist einfach Schrott, dann kann man es lassen.
Von 1.000 Büchern, die jemand veröffentlichen möchte, wird eines verlegt, und trotzdem ist noch so viel Schrott dabei?
Es werden jedes Jahr 90.000 deutsche Neuerscheinungen veröffentlicht, das ist schon reichlich. Und da ist natürlich auch Schrott bei: Nicht jeder, der veröffentlicht, kann auch schreiben. Ich finde, dass sehr, sehr viel verlegt wird, manchmal ein bisschen zu viel. Und der Markt ist so hochmütig geworden. Was nicht in den ersten drei, vier Wochen in den großen Zeitungen besprochen wird, fällt durchs Raster. Und das sind oft sehr gute Bücher.
Zum Beispiel halte ich auch für völligen übertriebenen Schwachsinn, diesen Corinne Buchpreis, auch den Deutschen Buchpreis. Da werden Longlists gemacht, dann werden Shortlists gemacht. Ist das ein Wettrennen, die Literatur? Ein Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel, wer am Ende gewinnt und wer rausgekickt wird? Ich finde das unmöglich.
Wenn Sie die Zeitung aufschlagen, wo fangen Sie an zu lesen?
Immer auf Seite Eins. Ich lese den politischen Teil, soweit er mich interessiert. Dann schau ich in die Wirtschaft und gucke mir an, was wieder mit der Telekom los ist. Danach kommt der Finanzteil, den schmeiß ich weg, weil ich ihn nicht verstehe. Dann kommt das Feuilleton, das ich abends im Bett lese und mir deshalb herauslege.
Wenn Sie den Finanzteil wegschmeißen, dann haben sie auch keine Aktien...
Nein.
Was machen Sie mit Ihrem vielen Geld?
Ich hab nicht sooo viel Geld und zudem Freunde, denen es nicht so gut geht wie mir. Wir leben zu mehreren von meinem Geld. Ich bin wohlhabend, aber nicht reich. Es ist genug und ich lege mein Geld nicht an, damit es noch mehr wird.
Für das, was Ihnen am wichtigsten ist, müssen Sie ja nicht viel Geld ausgeben...
... stimmt, die Bücher krieg ich geschenkt. Und ich fahre einen Smart und habe weder Interesse an Schmuck noch an Klamotten.
Der Beitrag ist die gekürzte Fassung eines Gesprächs, das Stefan Siller am 10.10.2008 mit Elke Heidenreich in der Sendung "SWR1 Baden-Württemberg Leute" führte. Das vollständige Gespräch können Sie im Real Audio nachhören. Webversion: Katja Klein
Letzte Änderung am: 02.10.2008, 14.43 Uhr
