Navigation

Volltextsuche

Die schrecklichen Folgen menschlicher Abgründe Richard Oetker

Unternehmer und Verbrechensopfer. Überlebte seine Geiselnahme schwerstverletzt.

Sendung vom Dienstag, 15.4.2008 | 10.00 Uhr | SWR1 Baden-Württemberg

"Ich kann mich noch an jede Minute genau erinnern"

"Der Entführer wurde auf mich aufmerksam durch einen Beitrag in einem Wirtschaftsmagazin, in dem über meine Familie geschrieben wurde. Er hatte zuerst eine Entführung geplant, sein Opfer aber erst später ausgesucht. Insofern bin ich auch Opfer geworden durch die Berichterstattung," erklärte Richard Oetker, der seine Entführung 1976 schwerverletzt überlebte.

Über sein 48-stündiges Martyrium sagte der 57-Jährige: "Ich kann mich beinahe noch an jede Minute genau erinnern." Oetker ist überzeugt, dass ihm die Stromschläge, die ihn schwer verletzten, letztendlich das Leben gerettet haben: "Die Lungenbläschen starben durch die beengte Atmung in der Kiste peu à peu ab. Durch die Stromschläge konnte ich erreichen, dass die Kiste geöffnet wurde. Und zweitens konnte ich erreichen, dass die geplante Freilassung um einen Tag vorverlegt wurde."

Auf die Frage wie er durch die erste Nacht gekommen sei, meinte er: "Ich habe mich sehr darauf konzentriert, meinen Bewacher in so intensive Gespräche wie nur möglich zu verwickeln." Unter anderem ging es dabei auch um die geforderten 21 Millionen DM Lösegeld: "Ich habe versucht, diese Lösegeldsumme noch herunter zu handeln, aber es gelang mir natürlich nicht."

Über seinen Entführer Dieter Zlof, der inzwischen in München in einer Imbissbude arbeiten soll: "Nach dem Gerichtsverfahren hat es nie irgendeine Form von Kontakt zu dem Entführer gegeben. So viel ich weiß, bereut er diese Tat nicht und damit habe ich auch kein Interesse, mit einem Menschen in irgendeiner Form Kontakt aufzunehmen, der mir das angetan hat und seine Tat nicht bereut. Ich empfinde keine Rache und keinen Hass. Irgendwo tut mir jeder Mensch leid, der in seinem Leben auf einen falschen Pfad gekommen ist, denn er reißt ja viele andere mit." Die Frage, ob Zlof der einzige Täter war, beschäftigt ihn bis heute: "Über 20 Jahre hindurch wurde nach weiteren Mittätern gesucht – aber leider ohne Erfolg. Ich bin der Meinung, dass es mindestens noch eine zweite Person gegeben habe müsste. Ich habe eine Vorstellung, wer diese zweite Person sein könnte."

Oetker, der sich 30 Jahre lang geweigert hatte, über seine Entführung öffentlich zu sprechen, überlegt, eines Tages für seine Kinder alles aufzuschreiben, was er erlebt hat. Seit Ende der achtziger Jahre engagiert sich der sympathische Familienvater für den "Weißen Ring": "Opfer einer Gewalttat kann jeder von uns werden. Wir Menschen können mit Opfern nicht umgehen. Also wenden wir uns tendenziell vom Opfer ab. So wird das Opfer das zweite Mal bestraft."

Seit 1996 ist Oetker Geschäftsführer der Nahrungsmittelsparte der Dr. August Oetker KG. Wie das Unternehmen im März 2008 mitteilte, wird Richard Oetker zum 1. Januar 2010 persönlich haftender Gesellschafter der Dr. August Oetker KG.

Letzte Änderung am: 11.04.2008, 03.16 Uhr