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"Meine Stimme macht weiter" Joan Baez

Amerikanische Liedermacherin

Sendung vom Donnerstag, 8.3.2007 | 10.00 Uhr | SWR1 Baden-Württemberg

"We Shall Overcome!" ist ihr Lebensmotto: Auch mit inzwischen 66 Jahren erhebt Joan Baez immer wieder ihre Stimme, um gegen Krieg und Unterdrückung zu protestieren. Mit ihrem neuen Live-Album "Ring Them Bells" (1995/2007) ist sie jetzt auf Deutschland-Tournee. SWR1-Moderator Günther Schneidewind hat mit der Ikone der Folksong-Bewegung gesprochen.

Günther Schneidewind: Joan, sind Sie jetzt eigentlich noch mehr unterwegs als früher?

Joan Baez: Nicht unbedingt. Im letzten Jahr habe ich mir sieben Monate frei genommen. Vielleicht mache ich ein bisschen mehr Lärm um meine Konzerte!

Ist es eine Sucht, immer wieder auf Tour zu gehen?

Nein - "my voice continues", meine Stimme macht weiter. Da ist es schwer aufzuhören.

Und dann gibt es ja auch ein neues Album: die Wiederveröffentlichung von "Ring Them Bells" aus dem Jahre 1995 als Doppel-CD mit zusätzlichen, nie gehörten Livesongs. Viele fragen: Warum hat sie diese schönen Lieder die ganze Zeit zurückgehalten?

Wenn man ein Album veröffentlicht, wählt man eine bestimmte Anzahl an Songs aus. Da gibt es die erste und die zweite Wahl. Und nun ist die zweite Wahl der besseren Songs dazugekommen.

Was davon singen Sie denn bei der aktuellen Deutschland-Tour?

Das, was ich auf der Bühne spiele, ist mehr an das vorige Album "The Bowery Songs" angelehnt. Inzwischen hat sich ja einiges verändert in der Welt, vor allen Dingen die politische Lage, und da singe ich Lieder, die ich seit 30 Jahren nicht mehr gesungen habe. Ein Song wie "With God On Our Side" (Bob Dylan) ist wieder brandaktuell. Vor ein paar Jahren wäre er eher nostalgisch gewesen, aber jetzt ist es wieder an der Zeit, solche Lieder zu singen.

Die Zeiten haben sich verändert - vor allen Dingen die politischen Verhältnisse?

Ja, angefangen mit den USA. Das ist so schlimm, dass man es kaum beschreiben kann. Viele Menschen in Amerika und der ganzen Welt sind entsetzt, wie sehr die Dinge aus dem Ruder gelaufen sind.

Harry Belafonte hat George Bush als den "größten Terroristen der Welt" bezeichnet. Darf ein Künstler so etwas sagen?

Im Moment ist Bush der größte Terrorist der Welt. Das darf man so sagen. Er hat die größere Macht, das macht ihn zum größten Terroristen. Er mag nicht das Böse in Person sein, aber es ist viel Böses um ihn. Aber es wäre falsch, die ganze Wut auf diesen einen Mann zu richten. Wir alle sind gefordert, dem eine vernünftige Alternative entgegen zu setzen.

Ist es für Sie nicht enttäuschend - nach jahrzehntelangem Kampf für fortschrittliche Ideale -, mit ansehen zu müssen, wie die Welt eigentlich immer schlimmer geworden ist? Oder ist sie doch nur anders geworden?

Nun, wenn man sich die Entwicklung des Klimas anschaut, ist es sogar gefährlich schlimm geworden. Ich werde oft gefragt, ob ich nicht manchmal den Mut verlieren würde. Mein Glück ist, dass ich nie große Erwartungen gehabt habe. Man darf aber auch nicht ungeduldig sein. Die internationalen Proteste gegen den Vietnamkrieg haben über 15 Jahre gedauert!

Nicht nur die Zeiten haben sich geändert. Auch wir alle, auch Sie, Joan, haben sich verändert. Wir haben, im Gegensatz zu unserer Sturm-und-Drang-Zeit, jetzt Familien, Kinder und auch Enkelkinder. Sieht man die Welt da nicht auch mit anderen Augen?

Absolut. Ich habe eine 93-jährige Mutter, mein Vater ist 94. Meine Mutter ist eine gute Köchin, aber sie braucht auch Fürsorge. Dann ist da noch mein Sohn, der einen Großteil seiner Kindheit ohne mich verbrachte, weil ich immer unterwegs war. Inzwischen ist auch die Enkeltochter schon drei Jahre alt. Ich möchte nicht, dass von mir ein Image entsteht, ich würde gar nicht existieren oder immer singend und kämpfend unterwegs sein.

Das hört sich so an, als ob Ihnen die Familie jetzt doch viel wichtiger ist als früher?

So ist es auch. Viele Menschen haben Probleme mit ihren Eltern und bekommen die nie in den Griff, weil sie nicht vergeben können. Ich hatte auch Ärger mit meinen Eltern, über viele Jahre. Und nun möchte ich einiges zurückgeben, was sie mir gegeben haben. Und so hoffe ich auch, dass mein Sohn mir das vergibt, was auch immer ich ihm angetan habe.

Ich nutze die Gelegenheit dieses persönlichen Gespräches, um Ihnen zur Verleihung des Grammys für Ihr Lebenswerk zu gratulieren. Wie wichtig ist Ihnen eine solche Ehrung?

Das ist ganz nett. Aber mit der Verleihung von Preisen und Auszeichnungen habe ich mich immer etwas schwer getan. Ich könnte mein ganzes Haus damit dekorieren, aber meistens bekommt diese Sachen meine Mutter. Ich freue mich aber über die Anerkennung als Sängerin durch die Unterhaltungsindustrie. Viele definieren mich ja lediglich über meine Rolle als politische Aktivistin und nicht als Sängerin. Aber meine Stimme ist nun mal meine größte Gabe!

Welche Anerkennung ist Ihnen denn nun wichtiger - die als Sängerin oder die als politische Kämpferin?

Die als Kämpferin. Vor 20 Jahren, als ich nicht mehr im Zentrum des öffentlichen Interesses stand, sagte man: "Sie ist eine Legende". Ich wies das zurück. Ich war ja nicht tot oder ein Stück Vergangenheit! Aber wenn man mich jetzt eine Legende nennt, wo ich mich als Sängerin erfolgreich zurückgemeldet habe, dann ist das das Sahnehäubchen auf der Torte.

Es ist kein Geheimnis, dass Sie jetzt 66 Jahre alt sind, was man Ihnen - mit Verlaub - nicht ansieht! Was sind Ihre Pläne für dieses und die nächsten Jahre?

Dieses Jahr gehört Europa. Und dann ... Vor 50 Jahren habe ich mit dem Singen angefangen. Das gilt es im nächsten Jahr zu feiern.

(gekürzte Fassung der Sendung)

Letzte Änderung am: 02.03.2007, 12.39 Uhr