Steinzeit schärft die Sinne
Ohne Fernseher und Radio werden wir aufmerksamer
SWR.de: Die "Steinzeit"-Gruppe hat ja versucht, hierarchiefrei durch das Experiment zu kommen. Brauchen Gruppen eine Hierarchie? Ist Struktur wichtig für die Bewältigung des Alltags?

Prof. Dr. Dieter Riemann Klinische Psychophysiologie, Psychatrische Klinik Uni Freiburg
Dieter Riemann: Die Dorfgemeinschaft war ja keine große Gruppe. Mit den Kindern waren es dreizehn Personen. So eine Gruppe kann ohne Hierarchie auskommen. Hierarchie meint, es müsste einen Leiter geben, der alles bestimmt. Ich glaube, das braucht so eine kleine Gruppe nicht. Bei großen Gruppen ist das schwieriger. Wenn sie hundert, zweihundert Leute haben, muss es jemanden geben, der koordiniert.
Trotzdem gibt es auch bei kleinen Gruppen ein System. Auch wenn es keinen Leiter gibt und keine Hierarchie. Die Menschen haben unterschiedliche Fähigkeiten. Es finden sich immer schnell Experten und Spezialisten, die dann einen Bereich besetzen. Es wird jemanden geben, der kocht, der erntet, der jagt. Da sind die Fähigkeiten einfach unterschiedlich - und das ist akzeptabel.
Bilden sich diese Hierarchien von Fall zu Fall?
Das wäre eigentlich das Sinnvollste. Je nachdem, was für ein Problem bewältigt werden muss. Derjenige, der die meiste Kompetenz hat, übernimmt die Führung und sagt: so und so machen wir das. Natürlich wird es dann immer wieder Konflikte geben. Nicht jeder in der Gruppe akzeptiert das gleich. Im Steinzeitdorf wurden solche Situationen gut gelöst, auch wenn es Konflikte gab.
Es wurde prognostiziert: Die Bewohner brauchen erst mal drei Wochen, bis sie überhaupt "angekommen" sind. Und das war tatsächlich auch so. Tag 21 war wie ein Wendepunkt. Sich neu zurechtfinden zu müssen, ist ja auch eine Stresssituation. Ist so etwas für einen Wissenschaftler messbar?
Das ist sicherlich messbar. Wir haben jetzt das Schlaf-Wach-Verhältnis gemessen. Wir wollten den Versuch nicht stören. Aber ich könnte mir vorstellen, dass man da sehr viel mehr biologische Messungen macht: Stresshormone misst, zum Beispiel im Speichel oder im Urin. Man könnte auch die Leute permanent filmen und dann Analysen vom Verhalten machen. Der Stress ist sicherlich feststellbar. Es war auch zu erwarten, dass sich erst so ein Findungsprozess ergeben muss. Es hätte sogar sein können, dass jemand komplett aussteigt.
Psyche auf dem Prüfstand
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