"Ötzis" Garderobe
Steinzeit-Mode möchte heute niemand mehr tragen
SWR.de: "Ötzi" und die Bekleidungsphysiologie. Was sagen die Ergebnisse? Wie war damals die Situation in der er sich bewegt hat?

Prof. Dr. Karl-Heinz Umbach Bekleidungsphysiologe, Hohensteiner Forschungsinstitute in Bönningheim
Karl-Heinz Umbach: Durch die Kleidung, die man bei "Ötzi" fand, ist anzunehmen, dass der Temperaturbereich in dem er sich bewegt hat zwischen 0 Grad Celsius und 5 Grad Celsius lag. Dafür war seine Kleidung richtig ausgelegt. Er trug unterschiedliche Lagen übereinander, und so war ihm wohl ausreichend warm bei diesen Temperaturen. Die Daten der gemessenen Wärmeisolation sagen, dass Ötzi wahrscheinlich nicht sehr viel körperlich aktiv war. Er ist wahrscheinlich am Tag höchstens zehn Kilometer gewandert. Er hat sich auch vielfach im Sitzen oder im Stehen aufgehalten - denn dazu war die Kleidung ausgelegt.
Hätte er sich mehr körperlich angestrengt, wäre er beispielsweise weitere Strecken gelaufen, wäre die Kleidung laut unseren Messdaten zu warm gewesen. Unsere Messungen haben auch gezeigt, dass seine Kleidung eigentlich nicht für die Jagd ausgelegt war, wie man vielleicht durch den Bogen vermuten könnte, den er mitführte. Die Atmungsaktivität war so beschränkt, dass er höchstens 45 Minuten jagen konnte. Dann war er einfach erschöpft. Bei längeren Strecken hätte er einen Hitzestau erlitten. Es ist eigentlich erstaunlich, dass seine Kleidung nicht für das Jagen optimiert war - für mich ein interessantes Ergebnis. Ich glaube daher, dass "Ötzi" auf der Wanderung war und diese Kleidung als Wanderkleidung getragen hat.
Was war an "Ötzis" Kleidung besonders? Er hatte auch eine Grasmatte dabei, doch man weiß nicht genau, welchen Zweck sie hatte. Was ist Ihre Hypothese?
Wahrscheinlich hat er die Matte als Mantel getragen. Von der Form her war sie eigentlich nicht als Unterlage geeignet. Die Fransen sprechen dagegen. Er konnte sie so tragen, dass die Matte vorne vor dem Körper war. Durch die Fransen erhielt er Beinfreiheit. Die Matte hat ihm so eine höhere Wärmeisolation gegeben. Man kennt solche Kleidung aus Südamerika. Die Indianer oder Mexikaner tragen Ponchos, die ganz ähnlich aussehen. Bei den Schuhen fällt auf, dass sie sehr voluminös sind. Das hatte aber einen guten Grund: Damit hat man die Wärmeisolation durch viel Luft am Fuß erhöht. Ich bin sicher, dass "Ötzi" das ganz bewusst so hergestellt hat. Auch seine Mütze war sicherlich nicht nur Schmuck. Er hat sie getragen, um die notwendige Wärmeisolation am Kopf zu erhalten. Außerdem schützt sie vor Sonneneinstrahlung und Sonnenbrand.
"Ötzis" Kleidung im Testlabor
Wie funktionell ist "Ötzis" Kleidung nach heutigen Maßstäben
Steinzeitkleidung versus Hightech
Ötzi musste Regen meiden
Kunstfaser statt Bärenfell
Ausrüstungsvergleich




