Wie es Ötzis Zeitgenossen wirklich erging...
Das "Steinzeit"-Projekt kommt in manchen Bereichen den Realitäten der Jungsteinzeit erstaunlich nahe. Die Belastungen und die Anforderungen, denen unsere Sippe ausgesetzt war, stellten auch für die damaligen Menschen eine Herausforderung dar. Die LIVING SCIENCE-Gruppe aus Anthropologen um Prof. Dr. Ursula Wittwer-Backofen von der Universität Freiburg hat die Erfahrungen aus dem Projekt mit dem aktuellen Forschungsstand zum Neolithikum verglichen.

Prof. Dr. Ursula Wittwe-Backofen
Ein direkter Vergleich des Gesundheitszustandes der STEINZEIT-Probanden mit den bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen über Gesundheit und Leben in der Jungsteinzeit ist allein schon deswegen problematisch, weil unsere Gruppe mit einem vergleichsweise deutlich besseren körperlichen Allgemeinzustand in das Projekt ging. Zudem war die ungewohnte Lebensweise im Experiment für die Akteure mit einem hohen Stressfaktor verbunden, was allgemeine Rückschlüsse zusätzlich erschwert. Die ungewohnte Nahrung und Nahrungszubereitung, die mangelnde Erfahrung mit den steinzeitlichen Techniken und das ungewohnte Umfeld haben bewirkt, dass sich diese Simulation des Steinzeitlebens nicht problemlos auf eine typische Lebensphase der frühen Ackerbauern übertragen lässt. Doch trotz des extrem vereinfachten Modellcharakters unseres Projektes ergeben sich nach Ansicht der Wissenschaftler interessante Aspekte für die Forschung.
So haben die 13 Probanden quasi im Zeitraffer einen ähnlichen "Kulturschock" erlebt, wie er sich vor rund 5000 Jahren über Generationen durch die ‚neolithische Revolution’ vollzogen hat, also den Übergang von einer Jäger- und Sammlergesellschaft der Mittelsteinzeit zu den Ackerbauern des Neolithikums. Natürlich kam unsere Sippe nicht aus der Mittelsteinzeit, sondern aus der heutigen Industriegesellschaft. Und was sich einst über Jahrhunderte vollzog, die Anpassung an das Leben im Neolithikum, erlebten die STEINZEITLER in wenigen Wochen. Dennoch zeigt sich, dass durch den Wechsel der Lebensbedingungen hier wie dort Stress, Hunger und vergleichbare Einschränkungen entstanden.
Frauen hatten mehr Karies
Eine Untersuchung jungsteinzeitlicher Zahnbefunde aus dem Mittelelbe-Saale-Gebiet erbrachte außerdem den Hinweis: Frauen hatten damals deutlich mehr Karies als Männer. Die Forscher schlussfolgern daraus, dass Frauen nicht in gleichem Maße Zugang zu Fleischnahrung hatten wie Männer. Sie haben sich noch stärker von Getreide ernährt und hatten folglich mehr Probleme mit den Zahnbelägen. Ein Befund, der sich durch die gleichberechtigte Ernährung beider Geschlechter in unserem Pfahlbaudorf nicht bestätigte.
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