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Hornhaut unter den Füßen

Was unsere "Steinzeit"-Sippe mit den Menschen des Neolithikums verbindet

SWR.de: Was war das interessanteste Ergebnis für Sie in diesem Projekt?

Professor Dr. Ursula Wittwer-Backofen (Quelle: Universitätsklinikum Freiburg)
Prof. Ursula Wittwer-Backofen

Prof. Ursula Wittwer-Backofen: Das interessanteste Ergebnis für uns war die Verschlechterung der Mundgesundheit. Diese Erfahrung deckt sich mit den Ergebnissen unserer Forschung: Wir konnten ebenfalls eine Verschlechterung der Mundgesundheit im Übergang von der Jäger-Sammler-Bevölkerung zur frühen Steinzeit hin beobachten.

Stichwort Kinder. Auch in unserem Dorf hatten sie am Anfang Hunger und wären wohl lieber in die "Jetztzeit" zurückgekehrt. Wie erging es den Kindern damals?

Kinder haben einen hohen Bedarf an Nahrungsstoffen während der Wachstumsphase. Ist nicht genügend Nahrung vorhanden, reagieren Kinder besonders empfindlich mit Mangelerscheinungen. Für uns sind diese Erscheinungen, die sich heute noch an den Skelettfunden ablesen lassen, ein Indikator: Gesundheit der Kinder spiegelt regelrecht die allgemeinen Lebensbedingungen wieder. Eine starke Erkrankungsfrequenz der Kinder, wie wir sie bei den frühen Ackerbauern beobachten, zeigt uns, dass hier die Nahrungszusammensetzung und die Nahrungsmenge in der Übergangsphase sehr problematisch gewesen sein müssen. Dieses Ergebnis deckt sich auch mit den Beobachtungen, die wir jetzt im Steinzeitdorf machen konnten. Insbesondere die Kinder haben unter Hunger sehr gelitten und schnell gemerkt, dass ihre Kräfte erschöpft sind.

Wie sehen Sie das: Gab es in der Jungsteinzeit durch die Krankheitsbelastungen wohl auch mehr Stress in der Dorfgemeinschaft in dem Sinne, dass die Menschen damals soziale Konflikte zu lösen hatten, die es vorher nicht gab?

Das enge Zusammenleben in der dörflichen Situation bedeutet auch, dass hier ganz andere soziale Strukturen aufgetreten sind und auch ganz neue Probleme. Man kann sich beispielsweise vorstellen, dass Jäger-Sammler zunächst einmal von der Hand in den Mund gelebt haben und damit innerhalb ihrer Sippe das verfügbare Nahrungsgut geteilt haben. In den dörflichen Siedlungen wurde nun mit der Vorratshaltung auch die Möglichkeit geschaffen persönlichen Besitz und persönliche Ressourcen zu speichern und aufzubewahren. Das hat sicherlich auch dazu geführt, dass es Konkurrenz innerhalb einer Siedlung gab. Man hat nicht mehr so leicht geteilt. Die Menschen haben selber eigene Nahrungsressourcen und Vorräte angelegt, um sich eben für schlechte Zeiten etwas zu verwahren. Damit hat auch die familiäre Struktur eine ganz neue Bedeutung erhalten.

Welche Probleme kamen da auf die Menschen zu? Mussten sie Rollen neu finden und "erfinden"?

Wir stellen uns vor, dass bei der Jäger-Sammler-Bevölkerung eine recht egalitäre Gruppenstruktur vorgeherrscht hat. Es kam drauf an ein gutes Jagdergebnis zu erzielen und die Beute innerhalb der Sippe aufzuteilen. Sie lebten damit von einem Tag auf den nächsten.  Das Überleben der Sippe war davon abhängig, wie die Gesamtsippe sich bei der Jagd und auch beim Sammeln verhielt.

In den Siedlungen sieht es nun etwas anders aus. Hier kann durch die Sesshaftigkeit eine Arbeitsteilung stattfinden, die so spezialisiert sein kann, dass bestimmte Aufgaben nur von einzelnen Personen übernommen werden. Hier kann man sich jetzt vorstellen, dass Arbeitsteilungen, einmal saisonal, aber auch im Bezug auf die Geschlechter aufgetreten sind: Dass beispielsweise Frauen nun deutlich mehr in die Betreuung der Kinder aufwenden konnten, was einen Anstieg der Geburtenraten nach sich zog. Wir sehen, dass die Bevölkerungszahlen deutlich zunehmen. Frauen sind dadurch ganz anders belastet. Die Ackerbautätigkeit bei den Männern war eine wiederkehrende Tätigkeit, die einerseits gesundheitliche Belastungen bedeutet und zum anderen eine Anpassung an die jahreszeitlichen Arbeitsabläufe erforderte wie beispielsweise das Einbringen der Getreide in den Wintermonaten, rechtzeitige Reparaturen an den Häusern oder auch Neubauten der Häuser.

Man muss sich sicherlich vorstellen, dass diese Art von Arbeitsteilung im nächsten Schritt zur Hierarchisierung der Gesellschaft geführt hat. Bestimmte Arbeitsabläufe mussten geplant, strukturiert und auf einander abgestimmt werden. Jemand musste diese Organisation im Griff haben. Die Position des Siedlungschefs war erfunden.

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