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Paralympisches High-Tech | Experte "Die Vergleichbarkeit fehlt"

Der Biomechaniker Dr. Steffen Willwacher von der Sporthochschule Köln beschäftigt sich intensiv mit Prothesen für paralympische Spitzenathleten. Im Gespräch mit Tobias Altehenger erläutert er den aktuellen Stand der Technik und erklärt, ob sich die Leistungen von olympischen und paralympischen Sportlern vergleichen lassen.

Biomechaniker, Sportwissenschaftler, DSHS Köln

Der Biomechaniker Dr. Steffen Willwacher

SWR.de: Wie viel Hightech steckt in den Prothesen der paralympischen Spitzensportler?

Dr. Steffen Willwacher: Inzwischen jede Menge, wenngleich man sagen muss, dass in den Prothesen keinerlei Elektronik verbaut ist. Hightech finden wir vor allem beim Material. Seit etwa 20 Jahren wird viel aus Carbon hergestellt. Carbon ist zum einen sehr leicht, zum anderen aber auch sehr elastisch, was vor allem zum Laufen gut geeignet ist.

Viele Athleten sitzen im Rollstuhl, wie sieht das in diesem Bereich aus?

Bei den Rollstühlen gibt es einen Trend, der ein bisschen an die Entwicklung von Rennrädern erinnert. Hier ist das Ziel, Geräte zu entwickeln, die einerseits ebenfalls sehr leicht sind, andererseits aber auch sehr steif. Wenn sich der Rollstuhl verbiegen würde, ginge Energie verloren, die der Athlet dafür braucht, Tempo aufzunehmen.

Wie schwierig ist es für die Sportler, mit ihrer Prothese umzugehen?

Das erfordert sehr viel Übung, weil eine Prothese kein sensorisches Feedback gibt. Man muss sich das so vorstellen: In unseren Beinen und Füßen sind überall Sensoren, die unserer Bewegungskontrolle Rückmeldungen geben. Das ist bei Prothesen nicht der Fall. Auf den Spezial-Prothesen für Läufer kann man zudem gar nicht ruhig stehen, weil die Prothesen dafür zu elastisch sind. Beidseitig amputierte Athleten müssen deshalb immer von einem Bein auf das andere tippeln. Auch wenn sie damit laufen stellt die Prothese eine höhere Anforderung an das Gleichgewicht.

Wie sehr muss man als Sportler seinem Gerät vertrauen, wie sehr muss man womöglich mit seiner Prothese verschmelzen wollen?

Auch das spielt eine sehr wichtige Rolle. Ich muss lernen, meinem Gerät zu vertrauen und keine Angst davor zu haben, dass die Prothese bricht – was aber bei hohen Belastungen passieren kann. Beim Laufen und insbesondere auch beim Weitsprung wirken enorme Kräfte auf die Prothese.

Im Fall des Weitspringers Markus Rehm hat es vor zwei Jahren Diskussionen darüber gegeben, ob seine Prothese womöglich einen Wettbewerbsvorteil darstellt. Wie sehen Sie das?

Wir haben im Frühjahr eine groß angelegte Studie durchgeführt, die zeigt, dass Sportler wie Markus Rehm beim Anlauf erhebliche Nachteile haben, weil sie nicht so schnell Tempo aufnehmen können. Beim Absprung gibt es dagegen Vorteile: Wenn Markus Rehm abspringt, verliert sein Körper fast keine Energie. Das ist anders als bei Sportlern, die von ihrem biologischen Bein abspringen. Im Gesamtbild sind wir der Meinung, dass sich diese Vor- und Nachteile aufheben.

Also sollten Sportler wie Markus Rehm auch bei den Olympischen Spielen antreten dürfen?

Um den paralympischen Sport bekannter zu machen, fände ich es sehr wichtig, wenn auch Athleten mit Prothesen bei den Olympischen Spielen antreten würden. Man muss allerdings sehen, dass die Absprungtechnik, die Markus Rehm benutzt, mit einem biologischen Bein nicht möglich wäre. Eine gemeinsame Wertung wäre deswegen aus meiner Sicht nicht fair.

Also kein klarer Vorteil, kein klarer Nachteil, aber es fehlt die Vergleichbarkeit?

Ganz genau.

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