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Fußball | International Beck am Bosporus - Gemischte Gefühle

Sportlich läuft es für Andreas Beck hervorragend bei Besiktas Istanbul. Der Ex-Hoffenheim-Kapitän fühlt sich wohl in der Türkei - auch wenn die jüngsten Terroranschläge ihm zu denken geben.

Andreas Beck von Besiktas im Europa-League-Spiel gegen Sporting Lissabon

Andreas Beck fühlt sich in Istanbul noch wohl

Natürlich hat es Andreas Beck vor Ort sofort mitbekommen. Am Donnerstag hat Deutschland wegen akuter Terrorgefahr seine Botschaft und die Konsulate geschlossen. Auch die deutschen Schulen in Ankara und Istanbul haben vorerst ihren Betrieb eingestellt. Am Sonntag gab es wieder einen Anschalg. Es sind unruhige Zeiten - insbesondere in Istanbul, der türkischen Metropole am Bosporus. Das spürt auch Andreas Beck.

Der ehemalige Profi des VfB Stuttgart und von 1899 Hoffenheim spielt seit vergangenen Sommer bei Besiktas Istanbul, gemeinsam mit Nationalstürmer Mario Gomez. Beim Stadtrivalen Galatasaray steht mit Lukas Podolski ein weiterer deutscher Spieler unter Vertrag. Der hat den Terror beinahe hautnah miterlebt. Am 13. März hatte Podolski mit seiner Mannschaft in Ankara gespielt, bevor in der türkischen Hauptstadt eine Autobombe 37 Menschen tötete. Darunter war auch der Vaters eines Teamkollegen. Daraufhin hat Podolski seine Zukunft bei Galatasaray Istanbul in Frage gestellt. Auch Andreas Beck macht sich im SWR-Interview intensiv Gedanken über seine Situation in Istanbul.

Wie sicher fühlen Sie sich momentan in Istanbul?

Das sind natürlich alles schreckliche Bilder, die ich da gesehen habe. Aber ich fühle mich eigentlich sicher, wenn ich den Alltag hier verbringe. Trotzdem stimmt es mich nachdenklich. Ich wünsche mir natürlich Frieden. Aber derzeit sind es leider unruhige Zeiten.

Gibt es bei Ihnen - ähnlich wie bei Lukas Podolski - Gedankenspiele, Istanbul zu verlassen?

Vordergründig noch nicht. Denn im Alltag spüre ich von dieser Gefahr noch nichts. Ich habe auch kein ungutes Gefühl, wenn ich unter Leuten oder auf der Straße bin. Aber wer weiß, wie sich das alles entwickeln wird. Ich hoffe natürlich, dass es sich alles zum Positiven wenden wird und dass sich die Taktzahl der Anschläge nicht erhöht. Trotzdem passieren diese Dinge nicht nur hier in Istanbul oder in der Türkei, sondern in ganz Europa. Da kann ich nur hoffen, dass sich das bald wieder legen wird.

Ankara'da sevdiklerini kaybedenlere taziyelerimi bildirmek istiyorum. Galatasaraylı dostum Umut'a da güçlü olmasını...

Posted by Andreas Beck - die offizielle Seite on Montag, 14. März 2016

Ihr Vertrag läuft noch bis 2018. Denken Sie, Sie werden Ihren Vertrag erfüllen?

Ich hoffe sehr, sonst hätte ich ja nicht für drei Jahre unterschrieben. Das Sportliche kann ich persönlich beeinflussen, da gebe ich alles. Bisher läuft es ja auch hervorragend. Was darüber hinaus passiert, das weiß ich nicht. Man muss wirklich von Saison zu Saison denken oder sogar von Tag zu Tag. Dann wird sich zeigen, wie lange man mich hier in der Türkei sehen wird.

Sie haben es selbst gesagt: Sportlich läuft es gut für Sie. Besiktas ist aktuell Tabellenführer. Ist die Zeit reif für den ersten Meistertitel seit 2009?

Das wäre natürlich ein Riesentraum für den Verein und für die Besiktas-Fans. Die sind schon was ganz Besonderes. Die lechzen natürlich nach diesem Titel nach so langer Zeit. Und wir sind gut im Rennen. Wir hatten grade eine schwere Phase, in der wir sechs Punkte gegenüber dem härtesten Rivalen Fenerbahce aufholen mussten. Aber das haben wir gut gemeistert. Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Sie selbst haben alle 25 Ligaspiele durchgespielt für Besiktas. Hatten Sie das genauso erwartet, als Sie aus Hoffenheim nach Istanbul kamen?

Erwarten kann man sowas natürlich nie. Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich um den Titel mitspielen will und dass ich dabei helfen will. Dass es dann so gut klappt, dass ich bisher jede Minute gespielt habe, das freut mich natürlich. Und es kann gern so weitergehen - auch wenn ich mich persönlich immer weiter verbessern will.

Bundestrainer Joachim Löw hat sich kürzlich vor Ort ein Spiel von Besiktas angeschaut. Hat er Sie zuletzt persönlich kontaktiert?

Direkten Kontakt gab es nicht. Es gab einen Kontakt zu Hansi Flick (DFB-Sportdirektor), der mir am Sonntag zum Geburtstag gratuliert hat. Aber da ging es um das Persönliche. Dadurch, dass Mario Gomez und Lukas Podolski hier auch spielen, steht man natürlich im Fokus. Ob das dann mal wieder reicht für eine Nominierung, das weiß ich nicht. Aber vielleicht gefällt dem Bundestrainer ja auch, was ich hier spiele.

Das letzte Ihrer bisher neun Länderspiele haben Sie im November 2010 gegen Schweden absolviert. Wie groß sind Ihre Hoffnungen, noch einmal für den DFB-Kader nominiert zu werden?

Ich spiele bei einem sehr guten Verein. Eventuell holen wir die Meisterschaft, spielen nächstes Jahr die Champions League. Wenn man auf dieser Plattform spielt, wäre es fahrlässig zu sagen, ich habe die Hoffnung aufgegeben oder habe dieses Ziel Nationalmannschaft nicht mehr. Ganz im Gegenteil. Ich habe diesen Schritt hierher gemacht, um mich weiter zu entwickeln. Ob das dann reicht für eine Nominierung, habe ich nicht in der Hand. Aber es ist sicher ein Ziel für mich.

Auch bei Mario Gomez läuft es richtig gut. Mit 19 Toren ist er aktuell Torschützenkönig der Liga. Wie erklären Sie sich seine Leistungskurve nach oben, nachdem es in Florenz gar nicht gut lief für ihn?

Er wollte zu einem Verein, der um Titel mitspielt. Er hatte eine komplette Vorbereitung, ist verletzungsfrei geblieben und hat genügend Mitspieler, die ihn im Zentrum gut bedienen. Er ist unsere Speerspitze, die das verwerten muss, was wir anderen Spieler ihm anbieten. Da ist er natürlich eine echte Tormaschine.

Mario Gomez und Sie sind extrem beliebt bei den Besiktas-Fans. Wie ungestört können Sie sich in der Öffentlichkeit bewegen?

Andreas Beck und Mario Gomez bejubeln das 3:2 im Derby gegen Fenerbahce

Andreas Beck und Mario Gomez bejubeln das 3:2 im Derby gegen Fenerbahce

Mittlerweile habe ich meine Plätze in der Nähe unsere Apartments, wo ich hingehen kann. Aber es ist definitiv schwieriger als in Deutschland. Dort erkennen einen die Leute zwar, aber lassen einen in Ruhe. Hier erkennt einen jede Putzfrau und jeder Jugendliche, weil alle mit dem Fußball verbunden sind. Man muss also schon wissen, wann man nach draußen geht, um die Stadt zu genießen. Ich wäge das immer sehr gut ab.

Sie haben acht Jahre bei 1899 Hoffenheim gespielt, ehe Sie nach Istanbul gingen. Wie beurteilen Sie die jüngste Entwicklung ihres ehemaligen Klubs unter dem erst 28-jährigen Julian Nagelsmann, der sogar ein Jahr jünger ist als Sie?

Das Alter spielt keine Rolle, finde ich. Ich kenne Julian Nagelsmann. Er war damals anderthalb Jahre bei uns Profis als Co-Trainer. Da hat man schon gesehen, welche Fähigkeiten er hat. Was er uns bei der Trainingssteuerung mit an die Hand gegeben hat, das war schon sehr, sehr gut. Natürlich ist es immer eine andere Sache, wenn man als Cheftrainer tätig ist. Aber aus der Ferne betrachtet scheint das sehr gut zu funktionieren. Das Momentum ist im Vergleich zu den anderen Teams im Tabellenkeller auf Hoffenheimer Seite. Ich drücke natürlich die Daumen, dass sie sich noch ganz befreien können von dort unten.

Ihr anderer ehemaliger Klub, der VfB Stuttgart, ist so gut wie gerettet. Das liegt sicherlich auch am Trainerwechsel hin zu Jürgen Kramny. Sie sind gut befreundet mit Kapitän Christian Gentner. Wie beurteilen Sie die Entwicklung dort?

Seit dem Trainerwechsel läuft es tatsächlich richtig gut. Der VfB konnte sogar eine kleine Serie starten. Das war natürlich Balsam für's Punktekonto. Und hätten sie das Heimspiel gegen Hannover gewonnen, hätten sie jetzt an der Europa League geschnuppert. So schnell geht's manchmal. Aber das freut mich natürlich. Am Besten wäre es, wenn Hoffenheim drinbleibt und der VfB sogar noch die Europa League attackieren könnte.

Das Gespräch führte Johannes Seemüller

Aktuell im SWR