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Venedig und seine Lagune, Italien, Folge 53

Auf Wasser gebaut

Die Lage inmitten der Lagune verleiht Venedig den Reiz eines einzigartigen, zauberhaften Wasserschlosses. Zum Kulturdenkmal zählt u. a. der Markusplatz mit Piazzetta, die Basilica San Marco, die Kirche San Cassiano, die Kirche San Francesco della Vigna,der Palazzo Ducale (Dogenpalast), die Rialto-Brücke (Seufzerbrücke).

Schätze der Welt - Erbe der Menschheit Italien,  3.11.1996 | 14:19 min

Filmtext

Venezia, Venice, Venise, Venedig. Symbol gewordener Name für die Stadt der tausend Brücken und Kanäle.

Venedig. Stadt des Karnevals und der Flitterwochen. Von je her galt sie als "La Serenissima": Die Stolze und die Heitere. Die Brücke am Rialto passierten die Reichtümer der Welt, und hinter den Fassaden der Paläste wurden die rauschendsten Feste Europas gefeiert. Doch höfischer Glanz und Gloria waren nur eine Seite der Wassermetropole. Hinter der heiteren Maske Venedigs verbarg sich schon von jeher ein räuberischer Zug.

Die Geschichte der Stadt beginnt mit einer Vertreibung. Im 5. Jahrhundert mussten viele Römer vor den einfallenden Hunnen nach Norden fliehen. Bis zu den adriatinischen Inseln wurden sie verfolgt. In der Lagune von Venedig fanden sie schließlich Schutz. Die Sümpfe und die Malaria hielten ihnen fortan die Invasoren vom Leibe.

Doch nun galt es, mit einer besonderen Schwierigkeit fertig zu werden. Wie ließen sich mitten in den Sümpfen und dem flachen Wasser Häuser bauen? Die Venezianer wußten sich zu helfen. Sie trieben Baumstämme in den Meeresboden und bauten darauf ihre Fundamente. Ganz ohne Pannen lief das freilich nicht ab. Rund 60 Kirchen und zahllose Häuser stürzten ins Meer. Dann aber war die Kunst perfekt und eine ganze Stadt auf Pfählen konnte entstehen. Venedig nutzte schnell seine günstige Stellung zum Meer. Barken und Gondeln wurden gebaut, eine Handelsflotte entstand, und bald waren die Venezianer kühn genug, bis in den damals noch fernen Orient zu segeln. Später sollten die Handelswege bis in den Norden und den Westen reichen. Expeditionen stießen zu den Kanarischen Inseln und in den Senegal vor. Der berühmteste unter den Entdeckern wurde Marco Polo, der Mitte des 13. Jahrhunderts zu seiner Abenteuerreise nach China aufbrach.

So erschlossen sich neue Märkte, und Venedig wurde mehr und mehr zur Drehscheibe des europäischen Großhandels. Vor S. Giacometto am Rialto wurden die Geschäfte gemacht:

Die Obst- und Gemüsehändler waren schon bald nicht mehr unter sich. Heimisches Salz aus der Lagune wurde angeboten. Dazu kamen dann Pfeffer aus Indien, Pelze aus Rußland und Seide aus dem Orient. In den Arkadengängen waren die Boutiquen der Geldwechsler und Ateliers der Goldschmiede untergebracht. Venezianisches Kunsthandwerk für die ganze Welt.

Und auch Venedigs Fischmarkt war schon damals einzigartig. Alle Sorten von Meeresfrüchten wurden hier angeboten. Die Pescheria quoll über von Fischen der Lagune. Hier gab es alles was die Adria zu bieten hat.

Wer etwas auf sich hielt, musste hier eine Niederlassung haben. Handelshäuser großer Nationen machten am Canale Grande auf: Kontore mit klingendem Namen wie der Fondaco dei Turchi, das Haus der Türken .....

Auf Murano begann im 13. Jahrhundert eine Hand voll Handwerker mit der Glasbläserei. Aus den Werkstätten wurden nach und nach Großbetriebe. Venedig entwickelte sich zu einem Zentrum des Kunsthandwerks. Die ganze Stadt war nun zum "Schmuckkästchen der damaligen Welt" geworden, wie ein Historiker bemerkt. Doch nicht alle wertvollen Stücke hatte man aus eigenem Fleiß hervorgebracht.

Was sich nicht kaufen ließ, wurde gestohlen.

Als Napoleon auf seinem ersten großen Beutezug den Markusplatz betrat, hatte er seine wichtigste Kriegsbeute schon in den Augen: die vier Rosse von San Marco. Dabei wußte er wohl, daß fast 600 Jahre vor ihm bereits ein anderer die Bronzepferde zum Paradestück eines Beutezugs gemacht hatte. Sein Name: Doge Enrico Dandolo. Bonaparte war gerade 27, als er in Venedig einmarschierte. Dandolo war 95, als er ausrückte - und dabei war er auf beiden Augen schon fast völlig blind ....

Was hatte er den Venezianern nicht versprochen. In der Kirche von San Marco im Zeichen des Kreuzes erklärte er, er wolle ins Heilige Land ziehen und dort zusammen mit den Franzosen gegen die Heiden kämpfen. Doch der Kreuzzug sollte zum Raubzug werden. Auf dem Weg nach Jerusalem änderte Dandolo den Kurs. Seine Truppen gingen nun nach Norden. Sein neues Ziel: die Hauptstadt Ostroms: Konstantinopel ....

1204 kam es am Bosporus zur entscheidenden Schlacht. Trotz starker Wehranlagen kann sich die Stadt nicht lange halten. Was dann folgt, beschreiben die Chronisten als eine Orgie von Gewalt und Plünderungen. Christen metzeln Christen nieder. Die Kreuzfahrer hatten ihre eigenen Glaubensbrüder besiegt....

Doch Venedig war von nun an das, wofür es sich schon zuvor gehalten hatte: Eine echte Serenissima, die ehrwürdigste unter allen ehrwürdigen Städten. Denn aus einer Großmacht war eine Weltmacht geworden.

Zu einem triumphalen Empfang des siegreichen Dogen mit seiner Flotte sollte es nicht mehr kommen. Nun fast 100jährig hatte Dandolo sein Pferd zu scharf geritten und sich dabei die Hüfte gebrochen. Wenig später war er gestorben.

Dafür kam aber die Kriegsbeute wohlbehalten in Venedig an. Was die Kreuzritter an wertvollen Kunstschätzen geraubt und geplündert hatten, findet man hier, in der Kirche von San Marco wieder.

Porphyr-Skulpturen aus dem 4. Jahrhundert nach Christus wurden an der Ecke gegenüber dem Dogenpalast eingemauert. Im Volksmund heißen sie die vier Diebe, die versteinert wurden, als sie versuchten, die Kirche auszurauben. Auch der Innenraum der Kirche bekam seinen Teil der Beute ab. Die Kuppelmosaiken wurden erweitert. Mehr als 4.000 Quadratmeter sind heute mit golden glänzenden Steinchen ausgelegt. Das Prunkstück der Kirche, die Pala d'Oro, wurde mit feinem byzantinischem Email verziert. Dreieinhalb Meter in der Länge und mehr als eineinhalb Meter in der Breite mißt die Altarplatte aus reinem Gold. Auf ihr kann man auch sehen, daß Dandolos Erbe nicht das erste Diebesstück in der Kirche des Dogen war.

Im 9. Jahrhundert hatten sich zwei Kaufleute nach Alexandria aufgemacht. Sie sollten die Gebeine des heiligen Markus aus einem Sarkophag stehlen. Die Reliquie kam in ein Faß mit Schweinespeck und damit anstandslos durch den Zoll, da die mohammedanischen Zöllner Schweinefleisch nicht berühren durften. Gleich nach der Ankunft des Apostels wurde mit dem Bau einer Kirche begonnen. Sie erhielt seinen Namen: San Marco. Vor dem Zeitalter der Eisenbahn kam man nur übers Meer nach Venedig. Wer damals an den beiden Säulen vorbeikam, der wußte, wer ihn empfangen hatte. Denn der Markuslöwe und der heilige Theodor standen nicht zuletzt für den Willen, mit Abweichlern kurzen Prozeß zu machen. Sogar ein Doge musste dies schmerzlich erfahren.

Marino Falier hatte bereits mehr als einen politischen Rückschlag hinnehmen müssen. Nun wurden ihm Gerüchte zugetragen, ein junger Patrizier mache seiner Frau den Hof. Und er brüste sich auch noch damit .....

Falier verlangte Genugtuung. Der Adel aber hielt zusammen, und der Galan kam so gut wie ungestraft davon. Daraufhin schmiedete der Doge ein Komplott. Er wollte die Noblen der Stadt ein für allemal entmachten.

Doch der Staatsstreich schlug fehl, und Falier bekam einen besonderen Platz in der Ahnengalerie der Dogen: "Hier ist der Ort von Marino Falier, der wegen seiner Verbrechen enthauptet wurde".

Genau an der Stelle, an der er die Stadt ein Jahr zuvor zu seinem Amtsantritt betreten hatte, verlor der Doge nun Amt, Würde und Leben. "Hüte dich vor dem Platz zwischen den Säulen" heißt es seitdem in einem venezianischen Sprichwort.

All dies geschah Mitte des 14. Jahrhunderts. Für die Adelskaste war es der Auftakt zu einer neuen Ära. Während man im übrigen Europa noch Trutzburgen baute, wollte man hier nun Zeichen setzen: Leichtigkeit sollte der neue Dogenpalast ausstrahlen und einen ganz selbstverständlichen Reichtum. Fast mag es scheinen, als sei er damit zu einem Abbild der Stadt geworden. Wie der Oberstock des Palastes auf Säulen ruht, so ganz Venedig auf Pfählen.

Dem Dogen hatte man dabei eine "Straße des Triumphes" zu seinem Amtssitz gebaut. Ausgehend vom Campanile führt sie zur Porta della Carta, dem Hauptportal des Palastes. Der Weg endet an der Treppe der Giganten. Sie bekam ihren Namen nicht wegen ihrer Größe, sondern wegen der beiden Kolossalstatuen Sansovinos. Mars und Neptun stehen für Herrschaft Venedigs zu Lande und auf dem Wasser.

Hier wurden jetzt die neuen Dogen vereidigt. Und allen sollte Falieros Schicksal eine Lektion sein. "Mit Ehren ausgestattete Sklaven", so hatte sie Petrarca nun spöttisch genannt. Ein Blick auf den knieenden Dogen Foscari sollte für dies Einsicht genügen.

Die Adligen Venedigs hatten es also geschafft: von nun an feierten sie vor allem sich selbst. Fast den gesamten Südflügel besetzten sie für ihr höchstes Gremium, den Großen Rat. Wände und Decken ließ man vollständig ausmalen, und dazu waren die besten Künstler Europas gerade gut genug. Hier entstand das größte Ölgemälde, das je gemalt wurde: Tintorettos Paradiesbild.

Doch im Zentrum der Macht war die Politik alles andere als paradiesisch. "In erster Linie sind wir Venezianer, dann auch Christen", sagte man hier.

Auf welch dunklen Kanälen die Denunziationen ihr Ziel erreichten, das wussten oft nicht einmal die Mächtigen im Staat. An einem trüben Julimorgen im Jahr 1755 war es, als den Inquisitoren ihr berühmtestes Opfer ins Netz ging. Ein junger Lebemann wurde des Verrats beschuldigt. Es war kein anderer als Giacomo Casanova, dem man schon lange nachgesagt hatte, er würde die Jugend verführen. 5 Jahre Haft lautete das Urteil, und das Gefängnis, das auf ihn wartete, gehörte schon damals zu den berüchtigsten der Welt: Es waren die Bleikammern des Dogenpalastes.

Wer erst einmal hinter diesen Gittern saß, hatte meist nur wenig Hoffnung, jemals wieder freie Luft zu atmen. Und so war der Gang über die Brücke, die zu den Zellen führt, manchem wohl wirklich einen Seufzer wert.

Casanova sollte aber von der Seufzerbrücke nicht zum letzten Mal in die Freiheit blicken. Mit einem selbstgemachten Werkzeug war es ihm gelungen, ein Loch durch die Wand seiner Zelle zu stoßen. Durch seine Flucht wurde er über Nacht berühmt. Ganz Europa applaudierte dem Bravourstück. Venedigs Stern war schon gesunken.

Als dann am 12. Mai 1797 die beiden Mohren des Uhrturms die Glocken läuten, hat der Republik Venedig endgültig die Stunde geschlagen. Vor den Toren der Stadt stehen Napoleons Truppen. Ludovico Manin weiß, dass ihm nun nur noch eines bleibt: Die Herrschaft ohne großes Aufsehen aus der Hand zu geben. Der letzte Doge tritt ab. Der Mythos Venedig lebt.

Buch und Regie: Martin Gessmann

Letzte Änderung am: 12.02.2010, 12.27 Uhr

Europa: Italien

Filmmusik & Stab

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Schätze der Welt I
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La Wally aus "Berühmte Opernarien"
Orchestra delle Teatro del Fenice
Buch und Regie:
Martin Gessmann
Kamera:
Vangelis Kalambakas

Sendezeit

3sat
Sonntags:
19.40 Uhr

SWR Fernsehen
Samstags:
6.00 Uhr

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