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Filmtext
"Hier ist nun zu berichten, wie einst die Welt in tiefem Schweigen schwebte, in tiefer Ruhe sanft sich wiegte und einsam da lag. Einzig und allein der Himmel war da. Nur Ruhe und Stille in der Dunkelheit und Nacht. In diese Leere wollten sich die Götter Wesen schaffen, Wesen, von denen sie angebetet würden. Also ließen sie im Morgengrauen Bäume wachsen und das Leben wurde geboren. Nach zwei Fehlversuchen erschufen sie den Menschen aus Mais. Diese Menschen waren so schön und klug, dass die Götter befürchteten, sie könnten ihnen ebenbürtig sein.
So beschlossen sie ihren Verstand zu trüben. Nur angeatmet wurden ihre Augen vom Herzen des Himmels, da trübten sie sich. Nur das in der Nähe sahen sie noch, nur das allein war, was ihnen sichtbar blieb."
Diese Schöpfungsgeschichte ist das beeindruckende Zeugnis einer sagenumwobenen Kultur. Er entstammt dem heiligen Buch der Maya, dem Popol Vuh, übersetzt Buch des Rates. Es berichtet über menschliche und übermenschliche Wesen und erklärt den Sinn des Lebens. Die Maya tauchten vor fast 3000 Jahren aus dem Nebel der Geschichte auf. Sie schufen eine Kultur die sechs mal länger bestand als das Römische Reich. Eines ihrer wichtigsten Zeremonialzentren war Tikal - eine versunkene Stadt im Urwald von Péten. Geschichte ist bei den Maya vor allem Geschichte von Göttern und Menschen. Es gab drei Welten: die Ober-, die Mittel-, und die Unterwelt.
Die Herrscher der Unterwelt gelangten in die Mittelwelt der Menschen nur in Form von Fäulnis, Krankheit und Tod. Die Menschen lebten in ständiger Angst vor den Mächten des Verderbens - den Herrschern der Unterwelt. Deshalb versuchten sie durch den Bau großer Tempelanlagen deren Gunst für sich zu gewinnen, um so dem Tod zu entrinnen. Die Götter lebten im Himmel - der Oberwelt. Auf die Erde, die Mittelwelt, konnten sie nur in menschlicher Gestalt gelangen - als Ahau, als Gottkönig.
Die Herrscher der Maya haben sich den Volksglauben an die Gottkönige zu Nutzen gemacht, und sich bald selbst zum Gottkönig erklärt. Sie beanspruchten auch den Machtbereich der Schamanen, die bisher das alleinige Recht hatten, mit den Göttern in Verbindung zu treten. Denn durch den Gottkönig, so glaubte man, flossen heilige Energien. Er verband das Diesseits mit dem Jenseits und überwand so die Barrieren zwischen den drei Welten. So entstand eine streng hierarchische Gesellschaft, an deren Spitze die magische Person des Königs stand. Sein Weg zur absoluten Macht wurde durch eine besondere Errungenschaft der Menschheit geebnet, die fast gleichzeitig mit dem Gottkönig auftaucht: die Schrift. Durch das Niederschreiben seiner Taten erlangte der Gottkönig Unsterblichkeit. Es war das Geheimnis der Macht, mehr zu wissen als das Volk. So konnten die Gottkönige ihre Allmächtigkeit unter Beweis stellen. Zu Hilfe kam noch ein Kalender - der Ritualkalender. In ihrem Forschungseifer konnten die Maya bald die Bewegungen der Gestirne auf den Tag genau voraussagen, z.B. wussten sie, dass acht Sonnenjahre genau fünf Venusumläufen entsprechen. Sie entdeckten als erstes Volk der Welt die Zahl Null. 13 Götter beherrschten die 13 Himmelsebenen. Die Zehen und die Finger eines Menschen ergeben die Zahl 20. Die menschliche Zahl 20 mal die göttliche Zahl 13 ergibt die Zahl der Tage eines rituellen Jahres - 260. Der Kalender der Maya ist eine Mischung aus Zahlenmystik und astronomischer Berechnung. Die Mathematik und damit die Zeit zu beherrschen, bedeutete über Macht zu verfügen. Doch Zugang zu diesem Wissen hatten nur Wenige. Immer prunkvoller wurden die Bauwerke. Tempel und Pyramiden für die Götter und pompöse Paläste für die Gottkönige. Das Geheimnis des Wissens und damit der Macht ließ sich jedoch nicht lange hüten. Erfolgreiche Architekten oder Geschäftsleute arbeiteten sich über Generationen in der Maya-Gesellschaftspyramide nach oben. Bald durchschauten sie das System der Macht. Doch mit höherer Bildung wurde auch ihr Leben gefährlicher. Die Gottkönige mussten sich zum Erhalt ihrer Macht etwas einfallen lassen. So ließen sie an religiösen Festtagen vor dem Volk Ritualspiele abhalten - volksfestartige Zeremonien. Vor allem Gefangene hohen Ranges wurden dabei gezwungen, vor der Bevölkerung um ihr Leben zu kämpfen. Die Verlierer wurden geopfert. Die Entscheidung für dieses Opfer fiel auf dem Ballspielplatz. Das war die Kulisse für ein göttlich legitimiertes Spiel, mit dem der König seinen Herrschaftsanspruch untermauerte und sich seiner Konkurrenten entledigte. Ein Gummiball entschied über Leben und Tod. Das bei den Maya gebräuchliche Wort für Gummi - Kick - bedeutet Blut. Wie das Blut der Lebenssaft des Menschen ist, ist Gummi der Lebenssaft des Baumes.
Diente das Ballspiel, das im ganzen indianischen Kulturkreis verbreitet war, bei den Maya lediglich als Mittel zur Einschüchterung politischer Gegner? Einiges spricht dafür. Die menschlichen Weiheopfer wurden nicht selten zu einem riesigen Ball zusammengeschnürt und die Stufen einer Tempelpyramide hinuntergerollt. Um das Jahr 500 nach Christus erlangte Tikal die größte Ausdehnung seiner Macht - es sind die letzten 200 Jahre vor seinem Untergang.
Immer gewaltiger wurden die Tempel und Paläste - von mächtigen Königen in Auftrag gegeben, deren Namen und Taten in steinernen Monumenten festgehalten wurden. Immer höher wurden die Pyramiden gebaut. Architekten und Bildhauer schufen Meisterwerke für die Begräbnisstätten der Mächtigen. Stuck überzog die Tempel und Paläste von Tikal. Zum Brennen des Stuckkalks brauchte man jedoch Unmengen von Holz. Die Folge war Raubbau des Urwalds, vergleichbar nur mit dem Abholzen der Edelhölzer im 20. Jahrhundert. Zwei Millionen Menschen lebten damals in einem Gebiet, das heute fast menschenleer ist. Wo vorher Wald gewesen war, erstreckte sich eine Stadt, so weit das Auge reichte. 130 Quadratkilometer umfasste Tikal in seiner weitesten Ausdehnung. In der Mitte von Tikal stand das zeremonielle Zentrum - Heiligtum und Handelszentrum gleichermaßen. Hierher zog es Kaufleute, Priester, Handwerker und Gläubige. Die verschiedenen Tempel und Hallen waren durch breite Prachtstraßen, sogenannte Dammstraßen, miteinander verbunden. Das Land war dicht bevölkert. Um die Ernährung so vieler Menschen zu sichern, waren die Maya gezwungen, ihre landwirtschaftliche Produktion zu steigern. Immer mehr Urwald musste riesigen Maisfeldern weichen.
Die Erde wurde vom Regen fortgewaschen, das ökologische Gleichgewicht brach zusammen. Um eine Revolution zu verhindern, blieb der Oberschicht nichts anderes übrig, als durch Krieg Tribut in Form von Waren und Arbeitsleistungen besiegter Feinde zu beziehen. Ein verzweifeltes Mittel, ihre Vorherrschaft zu retten. Der Untergang von Tikal war nicht mehr aufzuhalten. Die Stadt verfiel und mit ihr verfiel eine sagenhafte Kultur. Die Könige bauten nichts mehr. Verfassten keine Schriftdokumente mehr. Sie verließen die Stadt. Tikal stand am Ende nahezu leer und der Urwald überwucherte Tempel und Paläste. "Unser Vater der Himmel stürzt über der Erde zusammen und die Götter gelangen an das Ziel ihrer Tage. Der große Weltuntergang bricht an. Das ist die allgemeine Trunkenheit. Der Weltuntergang, durch den die Zählung der Zeitperiode ein Ende finden wird. An diesem Tag schwärzen sich die duftenden Blumen. Sonne und Mond fallen auf ihr Antlitz. Die blutige Strafe kommt auf sie herab. Himmel und Erde brennen und ein allgemeines Gericht findet statt über die Lebenden und die Toten."
Sieben Weltuntergänge prophezeien die Maya im Buch des Rates, dem Popol Vuh. Drei davon seien, so steht es dort geschrieben, über die Welt bereits hereingebrochen.
Buch und Regie: Markus Vetter
Letzte Änderung am: 12.07.2011, 09.01 Uhr