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Asien: Pakistan Taxila

Buddhas erstes Gesicht

Sendung vom Samstag, 22.6.2013 | 6.00 Uhr | SWR Fernsehen

Als Alexander der Große 326 v. Chr. Taxila erreicht, ist er nicht nur der große Stratege, sondern ein Bote griechischer Kultur. Er erobert die älteste Siedlung Bhir Mound, die heute - unweit von Islamabad, der Hauptstadt Pakistans, gelegen - nur noch aus unregelmäßigen Mauerfundamenten besteht.

Die Siedlung Sirkap

Dies ist die Ruine der Siedlung Sirkap. Das berühmteste Bauwerk Sirkaps...

Ganz anders die Nachfolgesiedlung Sirkap, die mit ihren geraden Straßenachsen, ihrem rasterhaften Aufbau eindrucksvoll von der damaligen Modernität erzählt.

Im Gebiet um Taxila erreicht die Vermählung griechischer und indischer Einflüsse ihren Höhepunkt: Hier entsteht die Gandhara-Kultur. Sie gibt dem Buddhismus ein griechisches Gesicht. Das überlieferte Bilderverbot, das auch der Buddhismus kennt, gerät ins Wanken, aus den traditionellen Buddhasymbolen Rad, Lotosblüte, Thron, Fuß oder Stupa erwächst der Gott Buddha mit menschlichem Antlitz. Der Faltenwurf seiner Gewänder ist leicht, schwebend und erinnert an griechische Statuen.

Unter dem Herrscher Kanisha wird Gandhara zum Heiligen Land des Buddhismus erklärt. In den abgelegenen Tälern entstehen Klöster. Heute spielt der Buddhismus im islamischen Pakistan keine Rolle mehr. Aber die Klöster werden gepflegt.

Ihre Ruinen atmen immer noch die Ruhe der einstigen Bewohnern, man spürt bis heute die Gelassenheit einer Lehre, der das Nichts näher steht als die Welt.

Daten & Fakten

Kulturdenkmal: wichtigste nordpakistanische archäologische Stätte mit drei Stadtanlagen aus verschiedenen Epochen
UNESCO-Ernennung: 1980
518 v. Chr.
Einzug des Perserkönigs Darius I. in Bhir Mound
327 v. Chr.
Eroberung durch das Heer Alexander des Großen
2. Jh. v. Chr.
Gründung der mit einer 5 km langen Mauer umgebenen Stadt Sirkap durch baktrische Griechen
30 n. Chr.
Zerstörung von Sirkap durch Erdbeben, Wiederaufbau unter dem Partherkönig Gondophares
1./2. Jh.
auf Befehl des Kuschana-Herrschers Wima Kadphises Gründung von Sirsukh
2. Jh.
Zentrum des Mahayana-Buddhismus
5. Jh.
Einfall der Hunnen

Copyrightvermerk für Daten & Fakten
© Chronik Verlag im Bertelsmann Lexikon Verlag GmbH Gütersloh/München 2000 - 2010

Ein Film von Frank Hertweck

Letzte Änderung am: 23.06.2010, 16.38 Uhr



Filmtext & Video

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Ruinenstadt Taxila, Pakistan, Folge 237

Buddhas erstes Gesicht

Schätze der Welt - Erbe der Menschheit,  22.6.2013 | 14:38 min

Filmtext

Der gordische Knoten ist zerschlagen. Alexander der Große nimmt, wie er selbst sagt, Asien von den Göttern entgegen. 326 vor unserer Zeit erreicht er Taxila, den ältesten Siedlungskern Bhir Mound.

"Nach dem Übergang über den Indus" erzählt eine historische Quelle, "opferte Alexander auch dort wieder gemäß dem Brauch. Dann verließ er den Fluss und gelangte nach Taxila, einer großen und wohlhabenden Stadt, der größten zwischen Indus und Hydaspes. Taxiles, der Herrscher der Stadt und ebenso die Inder in diesem Gebiet nahmen in freundlich auf."

Bhir Mound ist eine gewachsene Stadt, ihre Grundmauern sind unregelmäßig, wahllos. Hier liegt einer der ersten Zentren des Buddhismus. Ashoka, der Kaiser des Maurya-Reichs, erklärt um 250 vor unserer Zeit den Buddhismus zur Staatsreligion. Da ist der historische Buddha, der Königssohn Gautama Siddharta, so nimmt man an, knapp 230 Jahre tot. Buddha wird damals nicht dargestellt. Auch der Buddhismus kennt ein Bilderverbot. Buddha ist ein Symbol: ein Rad, wenn es um die Lehre geht, eine Lotosblüte stellt die Reinheit, ein Fuß den Weg der Erleuchtung dar, das mächtigste Symbol ist der Stupa, der Weltberg mit der Weltachse und der kosmischen Krone.

Ashoka lässt den Dharmaradjika-Stupa bauen. Bis heute der größte seiner Art. Sein Sockel ist noch rund, später wird sich der Stupa auf einem Quadrat erheben. Buddha ist noch ein Mensch. Der frühe Buddhismus eine Erlösungsweg, eine Meditationstechnik. Buddha vollzieht gewaltlose und unkriegerische Gesten. Lehrend, meditierend, Schutz gewährend, die Erde anrufend. Anfang des zweiten Jahrhunderts vor unserer Zeit entsteht unweit von Bhir Mound eine zweite Siedlung von Taxila: Sirkap, übersetzt der "abgetrennte Kopf". Eine Stadt wie auf dem Reißbrett entworfen, von regelmäßiger Ausrichtung. Entlang der geraden Straßenachse befanden sich Läden, unterbrochen von einigen Pagoden. Es waren kleine Räume, die Häuser einstöckig. Hinter den Läden lagen an schmalen Nebenstraßen die Wohnhäuser, schöner und solider als die einfachen Ladenhäuser. Der Sockel bestand aus festem Mauerwerk. Auf dieses Fundament wurde ein Lehmschottergemisch geschichtet, von dem heute nichts mehr zu sehen ist. Die Außenwände der Häuser waren bunt gestrichen. Die Regelmäßigkeit der nackten Grundmauern täuscht über das optische Durcheinander weg, das in der antiken Stadt herrschte.

Vom religiösen Leben der Stadt sind einige Stupa-Fundamente übrig geblieben.. Die Grundmauern eines Apsistempels ziehen sich über einen ganzen Block hin. Das berühmteste Bauwerk Sirkaps: die Pagode mit dem doppelköpfigen Adler. Erhalten ist nur noch die Basis, die in kleine säulenartig begrenzte Nischen eingeteilt ist. Im mittleren Feld der rechten Hälfte der doppelköpfige Adler, der heute der Pagode ihren Namen gegeben hat.

Unweit hinter der Pagode, wie alle religiösen Bauten ebenfalls direkt an der Hauptstraße gelegen, der Sockel einer weiteren Stupa mit den Resten einiger Stützpfeilern. Um 100 wird nur zwei Kilometer entfernt eine neue Stadt errichtet. Sirsukh. Die Gründe für die Neuanlage sind historisch unklar. Mangelnde Ausdehnungsmöglichkeiten, radikale Modernisierung? Oder suchten einfach die Kushaner, als neues Herrschergeschlecht, ihren eigenen besonderen städtebaulichen Ausdruck. Sirkap bleibt erhalten. Erst vierhundert Jahre später wird die Stadt von den weißen Hunnen zerstört. Von der neuen Stadt Sirsukh ist heute nicht viel zu sehen. Es gibt kaum Ausgrabungen. Ein Bauer verweigert seit Jahren hartnäckig den Verkauf seiner Felder. Alleine die Ausdehnung Sirkaps erzählt von der historischen Bedeutung Taxilas. Kanishka, der wichtigste Kushanerherrscher erklärt das Gebiet um Taxila zum Heiligen Land des Buddhismus. Fortan existieren zwei Glaubenswege des Buddhismus: im ursprünglichen, der Lehre der Alten, dem Therawada- Buddhismus, ist Buddha ein Vorbild, aber kein Gott, der Buddhismus mehr eine Lebensweise als eine Religion, eine gott- und heimatlose Suche.

Im Mahayana-Buddhismus, der um 100 kanonisiert wird, wird Buddha als Gott verehrt, dieser Buddhismus verwandelt sich in eine Religion.

Buddha wird paradoxerweise sichtbar in dem Augenblick, in dem er ins Jenseits aufsteigt. Als erleuchteter Buddha. Der Heilsweg jedes einzelnen führt jetzt nicht mehr nur nach Innen, sondern gleichzeitig zu Buddha hin. Darum erhält der ein Gesicht. Und dieses Gesicht trägt griechische Züge. Unter Kanischka entsteht in Taxila die eigentliche Gandhara-Kultur. Eine Kultur, in der sich indische und griechische Elemente vermischen, typisierende und individualistische, eine Kultur in der Buddha zur individuellen Person, zum einzelnen Menschen wird.

Die menschliche Darstellung des Buddha erhöht seine Attraktivität. Der Buddhismus wird zum missionarischen Erfolgsprogramm. Vielerorts werden Klöster gegründet. In den Bergen um Taxila entstehen Moha Moradu und Jaulian. In Moha Moradu steht der letzte erhaltene Originalstupa der Ghandhara-Kultur. Ansonsten ist vieles zerstört. Einiges im Museum aufbewahrt. Auch die Klöster selbst sind zerfallen, Mauern eingebrochen, Stupen abgetragen.

Wie schon in Sirkap haben die weißen Hunnen auch hier im fünften Jahrhundert gewütet.

Taxila ist ein Weltkulturerbe aus nacktem Stein. Aus Mauerfundamenten. Taxila, das ist heute nur noch der Grundriss einer vergangenen Kultur. Aber noch atmen die Steine, sie haben den Geist, der in ihnen herrschte, nicht verloren. Die Buddha-Statuen sind fast alle beschädigt. Nicht nur mutwillig. Die Gips und Lehmmischung gibt den Buddhaköpfen keinen Halt. Ein bedauerlicher Zustand, der eigentümlich zur Lehre des Buddhas passt. Zu einer Philosophie, für die die Welt voller Leid ist, einer Philosophie des Rückzugs, der Leere. Eine Leere, in dem das höchste Erwachen gleichzeitig ein Erlöschen ist. Eine Suche, die ihr Ziel gefunden hat, wenn sie nichts findet.

Das Kloster Jaulian versammelt die meisten Buddhastatuen. Um ein Hauptstupa herum lagern wie Metastasen weitere Stupen, deren Sockel immer wiederkehrend die Geschichte Buddhas erzählen. Immer gleich, immer kleiner werdend. Immer aufeinander verweisend. Ohne Kontakt zur Außenwelt.

Eine Ästhetik des Verschwindens. Ganz im Sinne Buddhas. "Wer hundert liebe Dinge hat," heißt es in einem Text, "hat hundert Leiden, wer neunzig zehn, fünf, zwei liebe Dinge hat, hat neunzig, zehn, fünf. zwei Leiden, wer nichts Liebes hat, der hat kein Leiden. Trauerlos, ohne Leidenschaft und frei von Verzweiflung sind sie, so sage ich. Welche vielfältige Trauer, welche Kümmernisse, welchen Leiden in der Welt es auch gibt: Durch Liebe bedingt entstehn sie; sie entstehen nicht, gibt es nichts Liebes."

Die Basis des Stupa zeigt noch einmal, was die Gandhara-Kultur auszeichnet, die Verbindung von hinduistischer und griechischer Kultur, der Rundbogen aus dem Osten und der eckige Bogen aus dem Westen überwölben abwechselnd die Geschichte Buddhas. Die ins Nirwana führt:

"Ohnegleichen ist das Bewusstsein, grenzenlos, rundherum strahlend, hier haben nicht Wasser und Erde noch Feuer und Luft einen Halt, hier wird Langes und Kurzes, Feines, Grobes, Schönes, Unschönes, hier werden Name und Körper restlos vernichtet: Durch des Bewusstseins Vernichtung wird dieses hier alles zerstört."


Ein Film von Frank Hertweck

Letzte Änderung am: 23.06.2010, 16.38 Uhr