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Afrika: Tunesien Sousse

Die Festung der Aghlabiden

Sendung vom Samstag, 7.5.2011 | 6.00 Uhr | SWR Fernsehen

Ein jeder, der in dieser Region einst nach Macht strebte, buhlte um sie: die tunesische Hafenstadt Sousse im Sahel. In ihrer fast dreitausendjährigen Geschichte gehörte sie allen einmal - Phöniziern, Römern, Byzantiniern, Arabern, Türken und Europäern.

Stadtmauer

Der Bauherr der Stadtmauer war der Aghlabidenprinz Abou Ziyadet...

Ihr jetziges Gesicht erhielt sie im 9. Jahrhundert, als sie im Auftrag des Herrschers von Bagdad zum Islam bekehrt wurde. Die dazu abgesandte Dynastie der Aghlabiden baute eine prächtige Moschee, eine befestigte Zitadelle und ein imposantes Wehrkloster, in dem sich Rittermönche auf den Märtyrertod vorbereiteten.

Heute ist die arabische Altstadt tadellos restauriert. Neben der Stadtmauer sind auch die islamischen Wehrbauten fast vollständig erhalten.

Daten & Fakten

Kulturdenkmal: Altstadt (Medina) mit der im 9. Jh. angelegten und heute noch 2,5 km langen Stadtmauer, die im 2. Weltkrieg schwer beschädigt wurde, den Souks zwischen der 40 m hoch gelegenen Kasbah und der Klosterburg (Ksar er-Ribat) sowie der Großen Moschee
UNESCO-Ernennung: 1988
9. Jh. v. Chr.
Handelsplatz der Phönizier
2.- 4. Jh.
Anlage von Katakomben, 240 unterirdischen Gängen, als Begräbnisplatz für rund 15000 Menschen, einziges verbliebenes Zeugnis der römischen Epoche
800 - 909
wirtschaftliches Zentrum der Aghlabiden
um 821
Bau der Klosterburg (Ksar er-Ribat)
850/51
Bau der Großen Moschee
859
Bau der Stadtmauer
874
Erneuerung der Stadtmauer
1205
Verstärkung der Stadtmauer
1881
französische Besetzung
1942
im Verlauf des Afrika-Feldzuges Besetzung durch deutsche und italienische Truppen
1943
Rückeroberung durch alliierte Verbände der Briten und Franzosen

Copyrightvermerk für Daten & Fakten
© Chronik Verlag im Bertelsmann Lexikon Verlag GmbH Gütersloh/München 2000 - 2010

Ein Film von Ulrike Becker

Letzte Änderung am: 23.06.2010, 16.38 Uhr



Filmtext & Video

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Sousse, Tunesien, Folge 120

Die Festung der Aghlabiden

Schätze der Welt - Erbe der Menschheit,  7.5.2011 | 14:49 min

Filmtext

Ihr arabischer Name 'Soussa' heißt übersetzt: Seidenraupe.

Soussa ist diejenige, die sich verpuppt, die sich einspinnt in einen Kokon, so kostbar, dass man sie tötet, um ihn zu besitzen.

Sousse ist eine Stadt am Meer, strategisch so günstig, dass jeder, der in dieser Region nach Macht strebte, um sie buhlte und sie sich nahm - mit Gewalt.

In ihrer fast 3000-jährigen Geschichte gehörte sie allen: Phöniziern, Römern, Byzantinern, Arabern, Türken, Europäern ...

Sousse ist eine Hure. Oder Sklavin? Jedenfalls eine Dienerin wechselnder Herren.

Die Bewohner von Sousse waren ursprünglich Berber. Sie vermischten sich mit den Arabern aus dem Orient, die im 7. Jahrhundert ganz Nordafrika eroberten und islamisierten. Die gelehrten Reisenden des Mittelalters waren beeindruckt vom Reichtum dieser Stadt, von der Vielzahl ihrer Geschäfte, ihren ausgedehnten Märkten und ihrer Handwerkskunst. Neben Öl und Getreide wurden vor allem kostbare Kleiderstoffe, Seide und Turbane exportiert - nicht nur in die Länder des Orients, sondern auch nach Europa. Seine wirtschaftliche und kulturelle Blüte erlebte Sousse unter der Dynastie der Aghlabiden. Sie gaben der Medina ihr heutiges Gesicht. Die Aghlabiden bauten zu Ehren des Islam. Und doch waren ihre Architekten Christen, freigelassene Sklaven zumeist, Männer, die auf Grund ihrer Bildung in der Gunst der arabischen Eroberer standen. Ein Freigelassener namens Moudam baute um 850 die Große Moschee von Sousse. Ein Ort, dessen Schönheit und Perfektion sich in Schlichtheit ausdrückt. In der vollendeten Steinquaderarchitektur, für die Sousse so berühmt ist. Vor allem aber im konsequenten Verzicht auf Schmuck.

Der Gebetssaal. Harmonische Proportionen auch hier. Unter einem Tonnengewölbe sechs mal dreizehn Bögen. Ein eindrucksvolles Spiel von Licht und Perspektive. Die Aghlabiden bauten für den Krieg. Ihre Moscheen waren Waffenlager. Angelegt wie eine Festung hatte die Große Moschee von Sousse vor allem der Sicherung des Hafens zu dienen.

Die Moschee war der militärische Zugang zur Stadt. Wer sie erobert hatte, war Herr über die Medina, an deren höchster Stelle sich eine Zitadelle erhebt, die Kasbah. Von hier aus hatten die Wächter eine weite Sicht über das Meer und konnten christliche Flotten und Piratenschiffe frühzeitig erkennen. Zu den eindrucksvollsten Bauwerken der Medina gehört ein alter Palast mit einem Kuppelbau. Lange war er Herberge und Warendepot für durchreisende Händler. Seine ursprüngliche Funktion liegt jedoch im Dunkeln. Vielleicht befand sich in dem Gebäude einmal ein Hammam, ein maurisches Bad, dessen heiße Dämpfe einst an den Nischenschächten der Kuppel emporstiegen. Oder es beherbergte einen Marabout, einen Schutzheiligen. Hier mag sich seine Anhängerschaft getroffen haben, um die durch den Glauben auferlegte Entsagung in der Trance sufistischer Gesänge zu sublimieren. Keiner der arabischen Geschichtsschreiber ließ die Stadtmauer von Sousse unerwähnt. Ihr Bauherr, der Aghlabidenprinz Abou Ziyadet, war ein ergebener Kämpfer im Namen Allahs.

"Ich ließ die Stadtmauer von Soussa für diejenigen bauen, die Achtung erlangt haben, weil sie den Krieg gegen die Ungläubigen führten." Prinz Abou Ziyadet gab auch den Bau des Ribats in Auftrag, eines Wehrklosters, dessen Mönche das eroberte Gebiet gegen christliche Angreifer zu schützen hatten. Der Gebetssaal des Ribat von Sousse ist der älteste Afrikas. Mourabitun nannten sich die Männer, die in den Zellen dieses Klosters lebten. Sie waren die Elitesoldaten des Heiligen Krieges. Rittermönche, die sich durch fromme Übungen und Gebete auf den Märtyrertod vorbereiteten. Solche Wehrklöster gab es die ganze tunesische Künste entlang. Sie bildeten die Verteidigungslinie des Islam. Heilige Festungen. Nachschublager für den Vorstoß nach Europa. Gebaut von ehemaligen Sklaven und schutzbefohlenen Christen. Auch die zweieinhalb Kilometer lange Stadtmauer wurde von einem Freigelassenen gebaut. Sein Name ist verbürgt: Khalef-el-Fata.

Drei in die Stadtmauer eingelassene Tore gewähren Zugang zur Medina, deren großzügigste Straßen an der Innenseite der Mauer verlaufen.

Je weiter man den Hügel, auf dem Sousse erbaut wurde, ansteigt und in das Labyrinth seiner Gassen eintaucht, desto unüberschaubarer wird der Plan, der dieser Medina zugrunde liegt. Einst mag sie weniger verschachtelt gewesen sein. Ihr Mauergürtel sorgt jedoch dafür, dass sie sich nur nach innen ausdehnen kann, dass sie sich aus Platzmangel geradezu selbst überwuchern muss. Nicht selten verbirgt sich hinter abgeblätterten Außenmauern ein großzügiger Patio wie hier im einstigen Hause des Marabout Sidi Bouraroui, einem der wichtigsten Schutzheiligen der Stadt. Die kostbare Fassade stammt aus türkischer Zeit. Der Patio - in den Palästen der Medina ist er das Reich der Frauen, der Ort wo sie vor den Blicken der Außenwelt geschützt sind. Wo sie sich an ihrem Schmuck und ihrer Schönheit erfreuen.

(O fille aux paupières teintes de kohol

Kohol de Bédouine,

Les larmes de mes yeux ont coulé

Aie pitié de moi,

O fille aux paupières teintes de kohol.)

"O Jungfrau, deine Augenlider sind geschwärzt von Kajal

dem Kajal der Bedouinen,

In meinen Augen sammeln sich die Tränen;

Erhöre mich,

O Jungfrau, mit den Augen schwarz vom Kajal."

In den Patios der arabischen Häuser findet auch heute noch die traditionelle Hadra statt, ein Fest, bei dem die You-You-Rufe der Frauen laut über die Dächer der Medina schallen. Mit der Hadra verabschiedet sich die junge Braut von ihrem früheren Leben.

(O parure des Arabes,

Jolie, ta beauté est merveilleuse,

Ton visage est une lune d'avril

Brillant sure les deux mondes.

O ta taille séduisante

Se balacant sur les deux hanches

Semblable à la branche de saule.)

"O du Zierde der Araber,

Du Schöne, deine Anmut ist überwältigend,

Dein Angesicht wie der Mond im April,

der über das Gute und das Böse scheint.

Dein Körper, der gleich einem Weidenzweig

auf deinen Hüften wiegt, ist Verführung."

Die Lieder der Hadra stammen aus der Zeit, als die Araber in Nordafrika Städte gründeten. In ihnen vermischen sich die Volksweisen der einheimischen Berber mit der Dichtung, die in den Palästen der arabischen Prinzen entstand.

(O gens, qu'apparaisse la parure des vierges.

Et apportez les encensours et conduisez la mariée à la maison.

Et apportez les chandeliers et les lumières.

Son époux est l'astre, et elle, l'étoile de beauté.

Regardez, gens, la marraine, se cheveux sont précieux.

Elle vaut les rois des Arabes avec sa couronne précieuse.

Un collier d'or brille sur sa poitrine.

Et de humer sa salive, gens, cela me plairait.)

O Leute, lasst uns die Geschmeide der Jungfrauen sehen,

Bringt Weihrauchkessel und führt die Braut in ihr neues Haus.

Bringt Leuchter und Lichter.

Ihr Gatte wird das Gestirn sein, an dem der Stern ihrer Schönheit erstrahlt.

Das Mausoleum von Sidi Mosber. Ein schmaler Gang, eingelassen in die Stadtmauer von Sousse. Sidi Mosber ist Marabout der Frauen. Fruchtbarkeit, Familienglück, Treue des Gatten, Schutz vor dem bösen Blick - für jeden Wunsch eine Kerze. Weiße Magie, Religion als Voodoo. Erst in der Nacht entfaltet die Medina ihren ganzen Zauber.

Wenn in den Gassen die Laternen angehen und über der arabischen Stadt der Lichtstrahl des Leuchtturms kreist.

Wenn die Geschichtenerzähler in den Teestuben jenen Dichter zitieren, der schrieb: "Durch wiederholte Angriffe fiel die Stadt Sousse und musste Unrecht erleiden. Gott war jedoch ihr Verbündeter. Wann immer die Lage sich zuspitzte, hat der Allmächtige jedes Geschöpf, das in dieser Stadt lebte, unterstützt. Der Name von Sousse wird sich überall auf der Erde verbreiten, womit ihre Bewohner niemals gerechnet haben."

Buch und Regie: Ulrike Becker

Letzte Änderung am: 23.06.2010, 16.38 Uhr