Ein Tempel für die Seide
Sendung vom Samstag, 16.4.2011 | 13.50 Uhr | SWR Fernsehen
Auf den ersten Blick erscheint sie mit ihrem wuchtigen Turm wie eine zinnengekrönte Burg inmitten der Altstadt von Valencia: Die Seidenbörse, La Lonja de la Seda.

Die Seidenbörse von Valencia
Doch wer den Fuß über die Schwelle eines der drei riesigen Portale mit den reich verzierten, gotischen Spitzbögen setzt, glaubt eine Kathedrale zu betreten. Mächtige, spiralförmig gewundene Säulen ragen in der dreischiffigen Basilika über siebzehn Meter hoch auf. Die aus dem Stein gearbeiteten Rippen spannen sich wie Palmzweige zu einem Gewölbe. Einen Altar allerdings sucht man vergeblich, man steht in keinem Gotteshaus, sondern in dem ehemaligen Geschäftstempel der Seidenhändler, dem wohl bedeutendsten gotischen Profanbau Spaniens.
Erbaut wurde die Lonja am Ende des 15. Jahrhunderts, als die Kaufleute durch den Seidenhandel reich geworden waren, und die Stadt ihren Wohlstadt architektonisch demonstrieren wollte. Fünfundzwanzigtausend Menschen webten damals an diesem Reichtum. Die Hafenstadt Valencia war zu einer Hochburg der Seidenproduktion herangewachsen, und exportierte den begehrten glänzenden Stoff über das Mittelmeer in alle Welt.
Die Verträge schlossen die Händler der Säulenhalle der Lonja, im ‚sala de la Contratacion’. Sie konnten sich bei ihren Verhandlungen im Patio, einem kleinen Hofgarten, im Schatten der Orangenbäume erholen. Vom Patio aus gelangt man über eine mächtige Treppe hinauf zum ‚Consular del Mar’, einer Halle, in der alle Fragen und Streitigkeiten, die den Seehandel betrafen, geregelt wurden. Ein Saal mit einer pompösen, vergoldeten Holzdecke.
Unehrliche Kaufleute konnten im Turm der Lonja festgesetzt werden. Dorthinauf gelangt der Besucher heute nur ausnahmsweise. Die Wendeltreppe des Turms zählt zu den Meisterwerken der gotischen Steinmetzkunst. Ohne Mittelstütze schrauben sich 142 Stufen in die Höhe.
Und oben kann man durch die Zinnen des Turms die gesamte Altstadt überblicken, und wenn man an einem Festtag, hinunterblickt, kann man eine Prozession von Frauen in farbenprächtigen Seidenkleidern an der Lonja vorüberziehen sehen, denn auf ihr traditionelles Festkleid aus Seide will in der drittgrößten spanischen Stadt keine Frau, die es sich leisten kann, verzichten.
Kamera: Gerd Bleichert
Kulturdenkmal: Seidenbörse "La Lonja de la Seda"
Unesco-Ernennung: 1996
1238
Gründung des Königreichs Valencia nach dem endgültigen Sieg von Jakob I. von Aragonien über die Mauren
1482-1533
Bau der Seidenbörse mit ihrem mit Zinnen versehenen Turm und der gotischen Vertragshalle. Die Architekten waren Pere Compte, Juan Yvarra, Domingo Urtiaga und Johan Corbera
bis Ende des 16. Jahrhunderts
Die Seidenbörse ist der Haupthandelsplatz der Mittelmeerregion
1707
Das Königreich Valencia wird im Zuge des Spanischen Erbfolgekriegs aufgelöst
1982
Gründung der autonomen Valencianischen Gemeinschaft, Comunitat Valenciana
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Letzte Änderung am: 23.09.2011, 10.10 Uhr