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Donaudelta - Wildnis zwischen Steppe und Meer
Warme Tage im Frühling. Milde Luft schiebt sich bis in die Hochlagen der Berge und nagt an den letzten Resten der winterlichen Pracht. Alles ist in Bewegung, aus Rinnsalen werden Bäche und Flüsse, vereinigen sich zu einem großen Strom, der gurgelnd südostwärts zieht. Fast 3000 km geht die Reise.
Kurz vor der Mündung in das Schwarze Meer fächert sich die Donau auf und bildet ein riesiges Delta, eine schier endlose Wildnis aus Wasser und Land.
Kaum der Nässe entronnen wächst schon Schilf. Nirgendwo sonst auf der Erde gibt es so viel wie hier. Mehr als 4 Meter ragt das Röhricht aus dem Wasser, ein Wald aus filigranen Halmen. Nur Akrobaten behalten dort die Übersicht, markieren aus schwankenden Wipfeln lautstark ihr Revier, Drosselrohrsänger. Weiter unten balancieren Zwergrohrdommeln mit aufmerksamem Blick. Das Wasser zwischen den Halmen wärmt sich rasch auf und wird so zur Kinderstube der Fische. Nahrung gibt es im Überfluss - auch für den Bisam. Zarte Laichkräuter stehen hoch oben in seiner Gunst und er liegt - mittendrin.
Früh am Morgen sind die ersten Fischer unterwegs, tauchen ein in das Labyrinth einer geheimnisvollen Welt.Tausende kleiner Wasserläufe durchziehen das sumpfige Land. Wo das Schilf weicht und die Ufer fester werden, gewinnen bald knorrige Silberweiden Raum. Jedes Frühjahr werden sie monatelang überflutet. Kaum ein anderer Baum kann so lange im Wasser stehen.
Wenn sich das Wasser staut, öffnet sich der Dschungel zu großen, flachen Seen. Überall ist Leben. In stillen Buchten bedecken Seerosen die Oberfläche. Ihre Blüten, ein zartes Kunstwerk, dessen ganze Pracht sich erst mit der Morgensonne entfaltet.
Gut getarnt im Grün ihrer Blätter, Wasserfrösche. Wohl nirgendwo sonst ist ihr Konzert so lautstark wie hier. Aufmerksam führen Moorenten ihre Jungen durch das Gewirr der Wasserpflanzen. Die Kleinen sind erst wenige Tage alt, können sich aber schon sehr selbstständig ernähren. Emsig sammeln sie Plankton an der Oberfläche auf.
Auch Rosapelikane locken die Seen zur Jagd. Geschickt treiben sie ganze Schwärme von Fischen ins Schilf. So gefangen werden sie zur leichten Beute. Vor gut einhundert Jahren lebten noch Millionen Pelikane in den Sümpfen Rumäniens. Als Nahrungskonkurrenten wurden sie erbarmungslos verfolgt, ganze Kolonien waren bald niedergebrannt. Nur 5000 Paare sind geblieben.
Nicht weit von den Pelikanen entfernt hat der Fischer seine Reusen gesetzt. Wie so oft ist es ein guter Tag, denn das Donaudelta ist eine der fischreichsten Landschaften Europas. Brachsen, Barsche, Welse, vor allem aber Hechte bestimmen den täglichen Speiseplan.
Viele Fischer gehören zur Volksgruppe der Lippowaner, Altgläubige, die im 18. Jahrhundert - aus Russland vertrieben - eingewandert sind. In den unzugänglichen Weiten des Donaudeltas fanden sie, neben anderen, eine neue Heimat. Es es nicht leicht im Sumpfland zu siedeln. Nur wenige Stellen werden vom Hochwasser verschont. Allein Dünen bieten sicheren Platz für die kleinen Dörfer, ein wahrlich amphibischer Lebensraum. Verstreut zwischen sandigen Äckern liegen ihre Höfe, der karge Boden gibt nicht viel her, etwas Getreide, ein wenig Gemüse und Futter für das Vieh. Doch wo Überfluss herrscht, wissen ihn die Bewohner des Deltas geschickt zu nutzen. Schilf wird zu kunstvollen Zäunen geflochten, lässt sogar ganze Gebäude entstehen.
Die Wände der Wohnhäuser sind aus Lehm oder dem Holz der kleinen Wälder. Es ist eine bescheidene Idylle, weit entfernt von einer modernen Welt. Jahrhunderte lang haben sich einige Dörfer fast unverändert erhalten. Keine Straße erlöst sie aus ihrer Abgeschiedenheit. Als wäre Zeit stehengeblieben. Neigt sich die Sonne dem Horizont, legt sich ein ganz besonderer Zauber über das Land. Nur die wenigen größeren Orte des Deltas sind durch Fähren mit dem Hinterland verbunden. Gemächlich schleppen sie sich über einen der drei Donauarme.
Stunden lang gleitet eine urwüchsige Landschaft vorbei. Silberweiden und Schilf säumen die Ufer, bis das Schiff schließlich die Mündung erreicht. Die Strömung wird träge und so verliert sich die Donau fast unmerklich im Schwarzen Meer. Fähren sind die einzige regelmäßige Verbindung nach außen. Das halbe Dorf hat sich am Ufer zu versammelt. Menschen und Waren strömen hin und her, ein Ereignis, es lässt die Einsamkeit für eine Weile vergessen. Dann geht bald wieder alles seinen ruhigen Gang.
Das Donaudelta ist weit mehr als nur nass, es ist ein Mosaik aus ganz unterschiedlichen Landschaften. Am Rand erheben sich kleine Hügel. Sie gehören zu den westlichsten Ausläufern der asiatischen Steppe, im Frühling nicht selten ein buntes Blumenmeer.
Neben wildem Lein prägen immer wieder Pfingstrosen das Bild, weitläufig bedecken sie ganze Hänge. Steppe trägt eine die Sommerwärme liebende Vegetation. Kleine Nager, Ziesel teilen sich das Grasland mit skurrilen Gestalten, Panzer bewehrten Wesen, wie aus einer anderen Welt. Erst die Frühlingssonne verlockt die Ziesel wieder zu quirligem Treiben, den Winter haben sie schlafend, tief unten in der Erde verbracht. Wird es zu heiß, ziehen sich die Steppenbewohner in ihre Bauten zurück, so hält es auch die maurische Landschildkröte.
Zwischen Steppe und Kulturland liegen weitläufige Lagunen, Meeresbuchten, lange schon vom Schwarzen Meer abgeschnürt. Von der Donau aus werden sie mit Wasser versorgt. Wind und Wellen formen ihre Ufer, lassen steile Kanten, Lebensraum für Zehntausende Uferschwalben entstehen. Hoch oben in den Wänden haben sie ihre Nisthöhlen gegraben, gut geschützt vor den Elementen. Nur wenige Monate verbringen Uferschwalben in Europa, dann ziehen sie, wie die Rosapelikane, wieder in die Weiten Afrikas.
Nach einem Fischzug sammeln sich die Pelikane gern in großen Gruppen an den Lagunen, bevor es zurück in den Dschungel des Deltas geht. Das Donaudelta, eine Wildnis voller Leben, die ihres gleichen sucht.
Buch und Regie: Thomas Willers & Heidi Engelhardt
Letzte Änderung am: 21.03.2011, 12.08 Uhr