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SENDETERMIN Mi, 1.3.2017 | 7:35 Uhr | SWR Fernsehen

Europa: Italien Palermo ist ein Mosaik

Das arabisch-normannische Palermo und die Kathedralen von Cefalù und Monreale

Die Sizilianer erinnern sich gerne an die ferne, zwei Jahrhundert währende, arabische Episode ihrer Insel. Überall finden sich arabische Reminiszenzen: in der Architektur, in der Sprache, in Küche, Bräuchen, Grabmalen und auch im Prunk der Kathedralen.

Doch vieles was arabisch scheint, ist in Wahrheit normannisch, so auch der Palast von Maredolca. Ein Beispiel für das Normannisch-Arabische Erbe, das die UNESCO als Weltkulturerbe ausgezeichnet hat. Die Kulturgeschichte Siziliens ist labyrinthisch. Wie die unterirdischen Bewässerungssysteme.

Der Palast befindet sich in Restauration, er wird auch Palast La Favara genannt und liegt in Brancaccio, einem der Viertel Palermos, die dem Besucher nicht ganz geheuer sind. Palazzo d´Emiro ist ein weiterer Name für dieses Gebäude, und als Emirspalast galt er auch in der wissenschaftlichen Literatur. Denkt man sich die abenteuerlichen Ein- und Anbauten weg, in denen bis vor einigen Jahren arme Familien, mit Genehmigung der zuständigen Paten und ohne Kenntnis der Behörden, ihre karge Bleibe hatten, so könnte man sich nichts leichter an diesem Ort vorstellen als einen arabischen Potentaten und seinen Hofstaat. Vor allem des riesigen Bassins wegen, heute bestenfalls ein Sumpf.

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Palermo ist ein Mosaik, Italien

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Die mächtige Kathedrale von Palermo war einst einmal Moschee. Denn im 9. Jahrhundert eroberten Araber Sizilien und beendeten die byzantinische Herrschaft auf der Insel.

Die mächtige Kathedrale von Palermo war einst einmal Moschee. Denn im 9. Jahrhundert eroberten Araber Sizilien und beendeten die byzantinische Herrschaft auf der Insel.

"La Zisa", ein Schloss des Normannenkönigs Wilhelm des Bösen. Arabo-Normannisch wird der Baustil genannt, für den byzantinische und arabische Handwerker verantwortlich waren.

Roger II. empfängt die Königskrone aus der Hand Jesu Christi. Mosaik in S. Maria dell'Ammiraglio (Martorana) in Palermo.

Der Palazzo Reale wird auch Normannenpalast genannt. Der im normannischen Stil erbaute Palast wurde später im Renaissancestil erweitert. Er steht auf dem höchsten Punkt des mittelalterlichen Stadtgebiets.

Einer der Türme der Kathedrale von Palermo, aufgenommen vom Dach des Langhauses.

S. Giovanni degli Eremiti ist ein Kirchengebäude aus dem 12. Jahrhundert, das Nahe des Normannenpalastes steht.

Das Kloster S. Giovanni degli Eremiti. Mit seinem Garten, seinen spitzen Bögen und runden Kuppeln mutet es morgenländisch an. Es entstand jedoch erst in der nächsten Lebensphase Siziliens, der normannischen, im 11. Jahrhundert.

Il Ponte dell'Ammiraglio ist eine Brücke aus dem 12. Jahrhundert. Sie wurde in der Zeit der Herrschaft von Roger II erbaut. Der Fluss Oreto floss bis 1938 unter der Brücke hindurch.

Im Mosaik der Vierungskuppel ist Jesus Christus als Pantokrator dargestellt. Ihm zu Füßen liegen vier Engel in anbetender Stellung.

Der Qanat, ein Netz von Bewässerungskanälen unter der Stadt. Ob ihn die Araber anlegten oder vorfanden und ausbauten, weiß man nicht sicher.

Damals ragte der Palast wie eine Halbinsel in das Bassin und spiegelte sich in seinem Wasser. Jüngste Ausgrabungen jedoch bewiesen: Sowohl der Palast als auch das Bassin wurden von Normannen gebaut, auf einem Fundament aus der Römerzeit. Normannische Ritter hatten Sizilien den Arabern im 11. Jahrhundert entrissen und ein eigenes Königreich begründet. Trotz aller über Jahrzehnte andauernden kriegerischen Auseinandersetzungen waren sie es vermutlich, die als erste die arabische Epoche „mit einem gewissen Behagen“ sahen. Denn sie zerstörten nicht, was sie vorfanden, sondern übernahmen, was ihnen gefiel.

Die Eroberer, in der klugen Erkenntnis, dass sie keinen eigenen Stil zu bieten hatten, außer auf dem Schlachtfeld, passten sich den Eroberten an. Darin ein Miteinander der Kulturen zu sehen bedeutet wohl, heutige Wunschvorstellungen in die Vergangenheit zu projizieren. Aber zu Recht spricht man von einem arabisch-normannischen Stil, wenngleich dieser Begriff außer acht lässt, daß dieser Stil auch durch byzantinische Einflüsse geprägt ist. Wie anders? Den Arabern vorangegangen war eine lange byzantinische Phase, und die meisten Bewohner der Insel sprachen Griechisch.


Die Kulturgeschichte Siziliens ist labyrinthisch. Wie die unterirdischen Bewässerungssysteme. Sie heißen Qanat; das Wort scheint arabisch, hat aber viel ältere Wurzeln. Dennoch haben die Araber die unterirdischen Kanäle gebaut, nimmt man an. Oder ihre Nachfahren. Oder ihre Vorgänger. Das Bild ist verwirrend, oder, mit den Worten von Palermos Bürgermeister, Leoluca Orlando: „Palermo ist kein Bild. Palermo ist ein Mosaik.“

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