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Sanssouci, Deutschland, Folge 39

Die Schlösser und Gärten von Potsdam

Inmitten eines kriegerischen Staates schuf sich Friedrich der Große mit den Schlössern von Sanssouci ein intellektuelles Zentrum, in dem er Europas geistige Elite um sich versammeln konnte. Die Schlösser in den eindrucksvollen Gartenanlagen sind Refugium in all den Kriegsgeschehnissen und Musentempel. Hier musizierte er, hier musste er nicht regieren, hier konnte er einfach nur Mensch sein. Und so sind die Gebäude nicht prunkvoll und majestätisch, ihre Schönheit liegt vielmehr im Detail. Dem großen europäischen Geist war an der Harmonie von Kunst und Natur gelegen. Allein das Neue Palais bezeichnete er bewusst als Prahlerei, als Demonstration seiner Siege. Nicht nur die Bauten ziehen die Bewunderung der Besucher auf sich. Eine Parkanlage von erlesener Ruhe lädt zum Verweilen ein. An diesem Ort fühlte er sich ohne Sorge: "Quand je serai là, je serai sans souci."

Schätze der Welt - Erbe der Menschheit,  22.12.2012 | 15:05 min

Filmtext

Im Herzen eines Staates, in dem der Krieg das höchste Ideal ist, schafft ein kriegerischer König den Freuden und Vergnügungen des Geistes eine Heimstatt. Er schart um sich Europas geistige Elite. Um hier ein Fundament zu legen für ein neues, aufgeklärtes Zeitalter. Vor den Toren Berlins, der preußischen Hauptstadt, nahe bei Potsdam, liegen die Schlösser und Gärten von Sanssouci. Hier hat einer der bedeutendsten Geister der europäischen Geschichte sich selbst der Landschaft aufgeprägt: Friedrich der Große - ein Mann von seltenem Format: fürs Kriegshandwerk begabt wie kaum ein Zweiter, ist er doch auch ein Mann des Geistes.

Sans souci - Ohne Sorge.

Das klingt nach leichtem Leben, Sinnenfreuden, nach einem Reich der Lust. Doch diesem Lustschloss in dem Zauberpark fällt mehr als diese eine Rolle zu. Geplant als ein Refugium, in das er von den Staats- und Kriegsgeschäften sich zurückzieht, macht Friedrich Sanssouci zum intellektuellen Zentrum seines Reiches. Friedrichs Krone ist kaum älter als er selbst. Sein Großvater war 1701 auf die Idee gekommen, sich König von Preußen zu nennen. Elf Jahre vor Friedrichs Geburt. Preußen war nicht mehr als eine Ansammlung verstreuter Marken auf einer kargen Ebene. Der Staat war so zerfasert und zerfranst, dass er fast nur aus Grenzen zu bestehen schien. Die ganze Liebe galt entsprechend der Armee. Und Drill, Gehorsam, Disziplin - das war in diesem Staat das Ein und Alles. Als Friedrich 18 ist und sich für andres interessiert, sieht er für sich nur einen Ausweg: Flucht! Nach England will er und sich eine Zuflucht suchen. Er wird bestraft, erbarmungslos. Vor seinen Augen wird sein Freund, der ihm zur Flucht verhelfen wollte, den er liebt, für seine Hilfe hingerichtet, und Friedrich sieht, wie Kattes Haupt vom Rumpf getrennt zu Boden fällt. Das ist das Ende seiner Rebellion. Das ist, vielleicht, das Ende seines wahren Ichs. Wie diese Statue, ein strahlender Jüngling, der in einem Käfig steht und nach den Sternen greift. So ist, vielleicht sein wahres Ich in einen Käfig eingesperrt seit jenem Schreckenstag. Und dies, vielleicht, hilft Sanssouci verstehen. Hätten die Umstände ihn nicht zum König gemacht, meint Friedrich einmal, so wäre er wohl Philosoph geworden. Aber dann erbt er die fünftgrößte Armee Europas und muss mit seinem Erbe schließlich etwas anfangen. Kaum zum König gekrönt, überfällt er daher Schlesien. Wenn er denn schon Soldat sein muss, dann einer, den man nicht vergisst. Im Herzen seines eigenen Staates lässt er Wälder roden, um einen Ort zu schaffen, wo er Mensch sein kann. Das Schloss auf einem Hügel nahe Potsdam ist nicht gedacht, um in barockem Überschwang die Macht und Größe Friedrichs protzig auszustellen. Stattdessen schmiegt ein flacher Pavillon bescheiden und harmonisch sich der Landschaft an. Ein fast verschwörerischer Ort ist dies. Nicht das Gesehenwerden - was man sieht, ist wichtig. Und was man sieht, wenn man die Gärten überschaut, lädt ein zum ruhigen Verweilen. Zu allererst legt Friedrich einen Weinberg an, mit großer Sorgfalt lässt er die Terrassen bauen, damit die Trauben so viel Sonne tanken können wie nur möglich. Der Wein und Sanssouci. Schon die Fassade preist, was aus dem Wein entsteht, Geselligkeit, und singt dem Gott des Weines, Bacchus, Lieder. Soldaten trinken Bier und das gemeine Volk und beide suchen in dem Trank Vergessen. Im Wein liegt Wahrheit. Und der Wein beflügelt. Beflügelt Geist und Witz und Phantasie. Beflügelt auch die glänzend geistvollen Bankette, die Friedrich hier, in dieser Marmorhalle, gibt. Da fließt ja nicht nur Wein. Da sitzt am Tisch, was in Europa Rang und Namen hat in Kunst und Wissenschaft. Jedoch nur Männer. Ausnahmslos. Denn alle Frauen, auch die eigne, schließt Friedrich aus, aus seiner Welt. Wie Artus schafft er eine Tafelrunde.

Unglaublich, wie in Sanssouci Natur und Kunst einander sich vermählen. Die Landschaft selbst wird hier zum Innenraum. In Rokoko-Manier entstehen in den Gärten Räume, in denen Friedrich denken kann und träumen. Und lebensprall schaun ihm dabei die Musen zu, die Göttinnen der Kunst, der Weisheit und des Wissens. Nichts ist hier echt, nichts ist hier so gemeint. Alles ist Spiel. Und schöner Schein. Die Karyatiden an der Gartenseite tun nur so, als würden sie da etwas stützen. Die steinernen Riesen, die scheinbar ächzen unter der Last des Daches, sie haben Besseres zu tun. Sie sind Akteure eines wilden Bacchanals. Was Friedrich hier veranstaltet, wird so mit ihm verknüpft, dass man den Stil nach ihm benennt: "friderizianisches Rokoko". Dagegen steht die strenge Nüchternheit Berlins, mehr Truppenübungsplatz als Stadt, die krasse nackte Nützlichkeit von Potsdam, wo jedes Haus nur eine Schlafstatt für Soldaten ist. Sanssouci ist die Oase in einem durch und durch von der Armee bestimmten Staat. Was ist das aber für ein Mensch, der hier sein Leben lebt und in Berlin regiert? Ein Mann vielleicht, der die Idee des Lebens mehr als dieses liebt.

So wie er Frauen liebt, solang sie ihm als Bild und als Skulptur begegnen, aus Fleisch und Blut sind Frauen ihm zuwider. Das Leben wird ersetzt durch Marmor wie der Tod durch künstliche Ruinen. Auch der Ruinenberg ist nur ein Schein. Kaschiert wird hier das Reservoir, aus dem die Springbrunnen des Parks sich speisen. Tatsächlich kommt der Schein der Wahrheit ziemlich nah. Denn diese inszenierte Unvollkommenheit ist doch ein eindrucksvolles Bild des ungewollten Scheidens. Denn mehr als einen dünnen Strahl kann man zu Friedrichs Zeit den Brunnen nicht entlocken. Es gibt noch keine Pumpen, um das hochgelegene Reservoir mit Wasser aufzufüllen. Erst nach Friedrichs Tod erwachen die Fontänen zum Leben. Nach einem strengen Morgen voller Staatsgeschäfte, verschanzt sich Friedrich hinten seinen Büchern und liest und schreibt, bis in die späte Nacht. Sein "Antimachiavell" erregt Europa, so aufgeklärt aufklärerisch sind die politischen Ideen, die das Buch enthält.

In seinem Allerheiligsten, allein mit sich, studiert er jene Werke, die die Zeit bewegen. Der ihm der liebste Autor ist, den er am meisten schätzt, kommt gar, von Friedrich überredet, an den Hof und bleibt drei Jahre - Voltaire. Voltaire, nach einem köstlichen Souper, nennt Friedrich einen "Philosophenkönig". Dass der Aufklärung predigt und dennoch nicht die Leibeigenschaft abschaffen will, zudem die besten Jahre seines Lebens dafür hergibt, Krieg zu führen und Tausende von Menschen in den Tod zu schicken, das will und kann Voltaire nicht verstehen. Und also hat Voltaire zu gehen. Despoten, seien sie auch noch so aufgeschlossen, ertragen spöttische Satiriker auf Dauer nicht. Schlesien war Friedrichs erste Beute. Mit diesem Überfall beginnt er seine Herrschaft. Jahrzehnte voller Krieg und Chaos in Europa folgen. 1756 hat Friedrich es geschafft: alle großen europäischen Armeen kämpfen gegen ihn. Am Ende des Siebenjährigen Kriegs, zwanzig Jahre nach dem Bau von Sanssouci, lässt Friedrich im Park ein neues, ein ganz anderes Gebäude bauen. Er nennt es eine kleine Prahlerei.

Das Neue Palais ist ein Ausdruck des Triumphs am Ende gewaltiger Schlachten. Und Ausdruck trotziger Selbstbehauptung angesichts der Kosten dieses Kriegs. Allgemeines Elend herrscht in Preußen. Der Adel ist verarmt, die Bauern ruiniert, zahlreiche Dörfer sind dem Boden gleichgemacht und viele Städte ganz zerstört. Preußen jedoch hat überlebt. Und mehr als das. Der Staat ist sogar angewachsen, auf Kosten Habsburgs. Und so wie Preußen hat auch Friedrich überlebt. Man nennt ihn jetzt den Alten Fritz. Von Krankheiten geplagt zieht er sich immer mehr in seine Zauberwelt nach Sanssouci zurück. Das Chinesische Haus wird ihm im Alter immer lieber. Da jetzt ein jeder König in Europa einen solchen Pavillon haben zu müssen meint, legt Friedrich Wert darauf, dass seiner alle andern übertrifft, durch eine märchenhafte Liebe zum Detail. Ein wunderlicher Ort ist das, wo Rokoko verschmilzt mit der Exotik aus Fernost, ein Ort der Ruhe und Besinnung. Nur selten noch verlässt er Sanssouci. Vermehrt Privatem wendet er sich zu. Noch immer lässt er junge Denker zu sich kommen. Auch mit Voltaire verkehrt er wieder, wenn auch nur brieflich. Er will, schreibt Friedrich, jetzt im Alter sein Leben endlich mal genießen. Aber sein Leben ist das eines alten, einsam verbitterten, ob seiner Schroffheit von Allen gemiedenen Mannes. Nach seinem Tod ergänzten und veränderten Friedrichs Nachfolger den Park nach ihrer Vorstellung, so wie sie Preußens Macht nach ihrer Vorstellung veränderten und mehrten. Sie alle aber gingen aus von dem, was Friedrich grundgelegt hatte und was die Basis des modernen Deutschlands ist. In diesem Licht ist Sanssouci weit mehr als nur ein Park mit reizenden Gebäuden. Es ist ein Brennpunkt der Geschichte.

Buch und Regie: Mark Verkerk

Letzte Änderung am: 12.02.2010, 12.27 Uhr

Europa: Deutschland

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Buch und Regie: Mark Verkerk
Kamera: Remco Bakker
Produktionsjahr: 1995

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19.40 Uhr

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Samstags:
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