Navigation

Volltextsuche

Seite vorlesen:

Filmtext & Video

Pisa, Italien, Folge 215

Der Platz der Wunder. Auf grünem Rasen schweben weiße Monumente aus Marmor, ein einzigartiges Architekturensemble. Die mächtige Kathedrale, der Turm, das riesige Baptisterium und der Monumentalfriedhof wurden vom 11.bis zum 14. Jahrhundert errichtet, als Zeichen der Macht, zu der Pisa seit dem 10. Jahrhundert aufgestiegen war. Sie alle sind Kulturdenkmäler: Die Piazzadel Duomo (Domplatz) mit dem Campanile, dem auf der Südseite55,65 m und auf derNordseite 55,8 m hohen, etwa4 m von der Vertikalenabweichenden "Schiefen Turm vonPisa", der Kathedrale SantaMaria Assunta, dem Baptisterium(Taufhaus) und dem Friedhof (Camposanto).

Schätze der Welt,  24.2.2002 | 14:45 min

Filmtext

Es ist das Jahr 1589. Galilei führt in Pisa sein Experiment zum freien Fall durch. Zu dieser Zeit ist er Dozent für Mathematik an der Universität seiner Heimatstadt. Besonders fasziniert ist Galilei vom sogenannten schiefen Turm, dem Glockenturm der mächtigen Kathedrale. Der Turm, die Kathedrale und das Baptisterium werden vom 11. - zum 14. Jahrhundert ganz aus Marmor errichtet. Ein Sinnbild der Macht, zu der Pisa zu dieser Zeit aufgestiegen ist.

Er trägt Kugeln bei sich, große und kleine. Er will die Fallgeschwindigkeit messen. Das ist der richtige Ort für ihn, die Piazza dei miracoli, der sogenannte Platz der Wunder. Gebaut auf einst sumpfigem Gebiet, kippt der Glockenturm bald nach Baubeginn in seine Schräglage. Und wie der Turm zu rebellieren scheint, so rebelliert Galilei gegen die akademischen Regeln seiner Zeit. Und er rebelliert auch gegen die Macht der katholischen Kirche, die seit der Gegenreformation die freien Wissenschaften einschränkt. Praxis statt Theorie lautet sein Credo. Damals eine Revolution.

Im 10. Jahrhundert beginnt die ruhmreiche Zeit der Stadt Pisa. Sie liegt damals direkt am Meer und wird bald zu einer bedeutenden Seemacht. Die Pisaner kämpfen erfolgreich gegen die Sarazenen in Sizilien, sie vertreiben die Genuesen aus Sardinien, erobern Korsika und Teile von Byzanz. Die Stadt wird Weltmacht. Mit dem Gold der Sarazenen kann der Bau der großen Kathedrale beginnen. Zu dieser Zeit fühlen sich die Pisaner als die wahren Erben der Antike. Ein neues Rom wollen sie errichten. Die Baumeister verwenden Reste römischer Ruinen, und sie schmücken das Gotteshaus nach byzantinischen Vorbildern. Der pisanische Baustil wird bald an anderen orten der Toskana nachgeahmt werden, so in Siena und Florenz.

Viele Maler des Hochmittelalters kommen nach Pisa, um das prächtige Mosaik in der Domapsis zu bewundern und nachzuahmen. Die Baumeister gestalten den Raum nach römischen Vorbildern. Sie teilen das Gotteshaus in fünf Schiffe, das ist neu zu dieser Zeit. So strahlt die mächtige Kathedrale Leichtigkeit aus. Hier ist man willkommen, fühlt sich frei und geborgen zugleich. Die antiken Säulen haben die Pisaner aus Süditalien und Sizilien mitgebracht. Giovanni Pisano ist Spross einer berühmten Bildhauer und Architektenfamilie. Er gestaltet die Marmorkanzel der Kathedrale. Seine Figuren erinnern an antike Göttinnen.

Auch er ist begeistert von den Skulpturen und Reliefs der Griechen und Römer. Er studiert sie zusammen mit seinem Vater Niccolo an Ruinen und Sarkophagen, die überall in der Stadt zu sehen sind. Seine Figuren aus dem bethlehemischen Kindermord wirken natürlich und lebendig, was zu dieser Zeit ungewöhnlich ist. Neun Jahre soll er daran gearbeitet haben. Niccolo Pisano, der Vater von Giovanni, ist beteiligt am Bau des riesigen Baptisteriums. Der imposante Rundbau gilt als die größte Taufkapelle der Welt. Wie die anderen Monumente soll auch sie die Grandezza der Stadt symbolisieren. Niccolo gestaltet die Marmorkanzel für das Baptisterium und stellt sie frei in den Raum auf Säulen und Löwen. Er ist besessen von den Wunsch Neues zu schaffen, ganz im Zeichen der humanistischen Erneuerung. Niccolo Pisano weist so Architekten und Künstlern den Weg in Renaissance. Michelangelos David ist nicht denkbar ohne das Vorbild: die Figur des Herkules.

Auch die eindrucksvoll gestalteten Bibelszenen der Christi Geburt und der Anbetung der Könige dienen vielen Bildhauern als Inspiration und Vorbild.

Die Frührenaissance in der Bildhauerei hat ihre Geburtsstätte in Pisa. Die Pisaner lassen einen Monumentalfriedhof errichten. Auf heiliger Erde aus Golgatha soll er gebaut sein. Ein Ort mit einer einzigartigen, eindringlichen Ausstrahlung. In den antiken Sarkophagen ließen sich wohlhabende Familien bestatten. Die Bildhauer bewundern diese Sarkophage und studieren sie bis ins letzte Detail. Der Kunstgeschichtler Giorgio Vasari schreibt:

"Unter den antiken Marmortrümmern, welche das Kriegsheer der Pisaner erbeutet hatte, waren Marmorsärge, darunter vor allem einer köstlich." Niccolo beachtete die Schönheit dieses Werkes, er wandte großes Studium und viel Fleiß auf, die Skulpturen nachzuahmen, wodurch er bald als der beste Bildhauer seiner Zeit gerühmt wurde.

Die Figuren erzählen die Geschichte einer tragischen Gestalt der antiken Welt. Phädra verliebt sich in ihren attraktiven Stiefsohn Hippollytos. Dieser jedoch weist sie schroff ab. Sie ist daraufhin enttäuscht und beschuldigt ihn der Vergewaltigung. Hippollytos wird zum Tode verurteilt, Phädra erhängt sich. Eine klassische Tragödie, die ganze Generationen von Künstlern bewegt und inspiriert. Bomben des zweiten Weltkrieges treffen den berühmten Camposanto und zerstören den größten mittelalterlichen Freskenzyklus. Er schmückte bis dahin die Wände der Friedhofsgalerie. Was zu retten ist, wird abgelöst und restauriert. Nun sind die Wände schmucklos, doch bald sollen die eindrucksvollen Malereien wieder dort angebracht werden.

Die Szenen aus dem "Triumph des Todes" und der "Hölle", von unbekannten Meistern gemalt, zeigen den dramatischen Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Dämonen und Engeln. Platz der Wunder: mächtige Monumente, die schweben, fast unwirklich, weltentrückt. Sein Sinnbild ist der schiefe Turm. Seit Jahrhunderten ist er ein Menschheitsrätsel, eine Herausforderung. Kippt er?

Vorerst ist er gerettet. Er wird stabil in seiner Schräglage gehalten und ist um fast 40 cm aufgerichtet mit einem komplizierten System aus Bohrlöchern und Gewichten. Auch zu Galileis Zeiten ist das wankelmütige Bauwerk schon weltbekannt.

Der berühmte Sohn der Stadt Pisa wird mit seinen Experimenten, Schriften und astronomischen Forschungen das christliche, mittelalterliche Weltbild erschüttern. Der Platz der Wunder. Eine einzigartige Geburtsstätte. Hier fühlt man die Brüche der Zeiten, hier spürt man die Umbrüche in den Künsten. Und man ahnt etwas von der Unzulänglichkeit der Menschen auf dieser Welt.

Buch und Regie: Ursula Böhm

Letzte Änderung am: 12.02.2010, 12.28 Uhr

Europa: Italien

Filmmusik & Stab

Kraft, Oliver
Schätze der Welt II
Maus, Harald; Dähn, Christian
Pisa

Buch und Regie: Ursula Böhm
Kamera: Gerd Bleichert

Sendezeit

3sat
Sonntags:
19.40 Uhr

SWR Fernsehen
Samstags:
6.00 Uhr

Filmrolle SWR Fernsehen | Service Mitschnittdienst

Sie haben einen Film im SWR Fernsehen verpasst? Kein Problem! Zu den meisten Sendungen gibt es Mitschnitte. [mehr zu: Mitschnittdienst]