Filmtext & Video

Um das Video abspielen zu können, benötigen Sie Javascript. Bitte aktivieren Sie dies in Ihrem Browser.

14:48 min | Mo, 25.2.2013 | 12.45 Uhr | 3sat

Filmtext

Der hämmernde Ton der Toaca ruft die Gläubigen zum Gottesdienst. So soll Noah Menschen und Tiere in seine Arche eingeladen haben, damit sie der drohenden Sintflut entkommen. Für den orthodoxen Glauben ist die Kirche die Arche schlechthin. Aus diesem Glauben wurden Humor und die anderen Klöster Nordmoldawiens geschaffen. Sie sollten Land und Leute retten vor dem Ansturm der Türken, Tartaren und Sarazenen. Das war vor 500 Jahren.

Wer die Kirche betritt, begibt sich in die Welt der Ikonen. Kein Winkel, der nicht ausgemalt ist. Versammelt sind hier Heilige, Mönche, Märtyrer, fromme Frauen, Engel und natürlich Maria und Christus. Der Himmel ist tröstend anwesend. Denn die Ikonen vergegenwärtigen, was sie darstellen.

Seit dem Tod Ceausescus darf in Rumänien die Göttliche Liturgie wieder ungestört gefeiert werden. Die zahlreichen Klöster des Landes blühten wieder auf. Allein in Nordmoldawien befinden sich über 100 Klöster. Wie eine Inselgruppe lagern die schönsten von ihnen im Umkreis von 60 Kilometern um Suceava, dem ehemaligen Sitz der rumänischen Herrscher. Darunter sind sieben, die zum Weltkulturerbe zählen.

Moldawien ist ein Land, wo die Zeit still zu stehen scheint. Die Menschen hier reden und feiern gern. Und zäh haben sie ihre Freiheit verteidigt gegen die Mächtigen ringsum, gegen die Ungarn, Polen und Türken. Vertraut haben sie dabei auf den Himmel. Um seines Schutzes sicher zu sein, haben sie Klöster gebaut wie das von Sucevita, quadratisch angelegt gleich dem himmlische Jerusalem, glänzend im Rot-Grün seiner Fresken.

Das Herz eines jeden Klosters ist die Kirche. In Sucevita liegt sie daher genau in der Mitte des Innenhofs. Ihr Ostchor gleicht einem dreiblättrigen Kleeblatt und symbolisiert die Dreifaltigkeit. Die Fresken außen machen die Wand durchscheinend für das, was in der Kirche geschieht: Jesus wird geopfert, und zugleich ist er der Hohepriester, der Himmel und Erde versöhnt. Innen und Außen sind eins. Zeugen dieses Geschehens sind die Heiligen. An der Nordwand der Kirche feiern die Fresken die Erschaffung der Welt. Dunkel beherrscht die ersten Bilder. Es wandelt sich zum hellen Licht des Paradieses, als Gott den Menschen ins Leben ruft als Mann und Frau. Die Farbgebung kommentiert das Geschehen der Schöpfungsgeschichte. Als der Engel Adam und Eva aus dem Paradies vertreibt, erlischt das Licht hinter ihnen. Das eintönige Grau eines mühsamen Alltags begleitet sie ab jetzt. Nur hier an der Nordwand von Sucevita ist die berühmte Leiter des Mönches Johannes Klimax zu sehen. 30 Sprossen zählt sie, denn so viele Tugenden muss nach ihm ein Mönch üben, um in den Himmel zu kommen. Engel helfen den Mönchen bei ihrem mühsamen Aufstieg. Denn der Teufel hat es auf die frommen Männer abgesehen. Selbst ganz oben droht ihnen noch der Sturz in die Hölle.

1/1

Europa: Rumänien

Klöster Nordmoldawiens - Bilderwelt des Glaubens

In Detailansicht öffnen

Dass ihre Fresken trotz Hitze und Kälte, Wind und Regen den Glanz ihrer Farben nicht verloren haben, liegt daran, dass diese - wie auch bei den anderen Klöstern - mit Kasein angemischt wurden. Das hat sie wetterfest gemacht.

Dass ihre Fresken trotz Hitze und Kälte, Wind und Regen den Glanz ihrer Farben nicht verloren haben, liegt daran, dass diese - wie auch bei den anderen Klöstern - mit Kasein angemischt wurden. Das hat sie wetterfest gemacht.

Kloster Humor

Der hämmernde Ton der Toaca ruft die Gläubigen zum Gottesdienst.

Bukovina, Buchenland ist ein anderer Name für Moldawien. Seine endlosen Wälder wechseln mit Feldern und Äckern, die bis zum Horizont reichen. Die Sommer sind heiß, die Winter eiskalt. Wer hier lebt, ist zäh und weiß, was Händearbeit bedeutet.

Das wiedererbaute Kloster Humor. Seine Kirche stammt aus dem 16. Jahrhundert. Dass ihre Fresken trotz Hitze und Kälte, Wind und Regen den Glanz ihrer Farben nicht verloren haben, liegt daran, dass diese - wie auch bei den anderen Klöstern - mit Kasein angemischt wurden. Das hat sie wetterfest gemacht. Auf der Südseite der Kirche sind die Fresken ein Hymnus auf Maria und die Geburt Jesu. Da reiten die Heiligen Drei Könige nach Bethlehem, während gleichzeitig der Engel Gabriel Maria verkündet, dass sie den Messias zur Welt bringen wird.

Rot herrscht hier vor: die Farbe des Geistes. Josef, vom Engel aufgeklärt, nimmt Maria, seine schwangere Braut zu sich. Jesus wird in einer Höhle geboren, Symbol dafür, dass die Erde den Messias hervorbringt. Auf den Ikonen sitzt Josef bei der Geburt Jesu stets nachdenklich daneben, als habe er immer noch Zweifel. Dass Jesus wirklich auch Mensch ist, zeigt diese Badeszene.

Mit schwungvoller Gebärde befiehlt der Engel den drei Königen, Herodes zu meiden und direkt nach Haus zu reiten. Eingebettet in eine sanfte Hügellandschaft, liegt, versteckt hinter hohen Mauern, die Kirche des Klosters Moldovita. Wie die Kirche von Humor wurde sie Mitte des 16. Jahrhunderts vom Fürsten Petru Rares erbaut. Jede Kirche hat ihre eigene Farbe. Sie wurden aus Pflanzen und Mineralien gewonnen. In Moldovita sind es Gelb und Blau. Vor dem Blau der Ewigkeit wächst an ihrer Südseite weitverzweigt die Wurzel Jesse empor, der Stammbaum Jesu. Über Königen und Propheten thront hoch oben Maria und über ihr Christus - der neue Adam. Die Fresken sind flächig gemalt, denn nach orthodoxer Tradition ermöglicht nur das zweidimensionale Bild den Blick in die Ewigkeit. Eine Statue dagegen kreise um sich selbst und binde den Blick des Betrachters an die Erde.

1453 fällt Konstantinopel an die Türken. Weder Maria noch das wunderbare Mandylion, ein Tuch mit dem Antlitz Christi, hatten die byzantinische Hauptstadt gerettet. 80 Jahre später hält dieses Fresko an der neu erbauten Kirche von Moldovita den Fall Konstantinopels fest, gemalt wie ein Schrei der Hoffnung, dass Maria dennoch Moldawien retten möge. Denn nach dem Untergang des Byzantinischen Reiches sah es sich wie das christliche Abendland vom Islam bedroht. Wie alle Kirchen ist auch die von Moldovita nach Osten ausgerichtet. Dort ging der Stern des Messias auf. Diese kosmische Bewegung von West nach Ost, aus dem Dunkel ins Licht, findet sich wieder in der großen Prozession der Propheten, Apostel, Hierarchen, Märtyrer und Mönche am östlichen Chor. Orthodoxer Glaube prägt das Leben in Moldawien. Da die Menschen hier um seine gemeinsame Wurzel mit dem Christentum wissen, sind sie bis heute offen für die religiösen und kulturellen Impulse des westlichen Abendlands.

In den Fresken der Kirche von Voronet ist etwas von dieser Offenheit zu spüren. Ihre Westwand wird die Sixtina des Ostens genannt. Dort entfaltet sich auf dem berühmten Blau von Voronet das Drama des Jüngsten Gerichts. Noch herrscht die byzantinische Strenge der Komposition vor. Aber westliche Erzählfreudigkeit lockert diese Strenge auf. Ganz oben rollen Engel die Tierkreiszeichen ein, denn der alte Himmel wird vergehen, sagt die Bibel voraus. In der Mitte erscheint Gott selbst, gekrönt mit dem achteckigen Stern Rumäniens. Darunter Christus der Allherrscher, der die Welt richtet. Als seine Mitrichter sitzen rechts und links die Apostel auf moldawischen Bänken. Zu Füßen Christi entspringt der Höllenstrom und ergießt sich feuerrot in die Tiefe. Rechts von ihm blasen Engel zum Jüngsten Gericht und die Erde und das Meer geben ihre Toten frei, Menschen und auch Tiere. Mit ruhiger Gebärde entlässt die hoheitsvolle Göttin Erde einen Menschen aus ihrem Innern. Ganz unten in der Mitte des Bildes spielt König David weltvergessen die Cobza, ein rumänisches Saiteninstrument. Wie bei allen Ikonen kommt sein Blick von weit her wie aus der Ewigkeit. Er ist Zeuge, wie zu seiner Rechten ein Engel die Seele eines guten Menschen rettend in die Hand nimmt. Zu seiner Linken dagegen stößt ein Engel einen Verdammten in die Hölle.

Wohin der Mensch kommt, ob in den Himmel, ob in die Hölle, entscheidet sich vorher auf der Gerichtswaage, wo Engel und Teufel seine Taten gegeneinander aufwiegen. Die Heiligen brauchen sich nicht mehr zu fürchten. Im Goldglanz ihrer Freude ziehen sie zum Paradies. Hinter seiner Tür erglänzt wieder das weiße Licht des unberührten Anfangs. Orthodoxer Glaube, lateinischer Geist und rumänische Herzenskraft haben diese Bilder und Kirchen geschaffen und halten sie bis heute lebendig.

Buch und Regie: Georgeta Vladi und Raimund Ulbrich

Stand: 22.07.2011, 10.25 Uhr

Filmmusik & Stab

Kraft, Oliver
Schaetze der Welt II
Büchele, Armin
Glauben

Buch und Regie: Georgeta Vladi und Raimund Ulbrich
Kamera: Peter Vogel

Zurück zur Startseite von:

Sendezeit

3sat
Sonntags:
19.40 Uhr

SWR Fernsehen
Samstags:
7.15 Uhr