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Filmtext & Video

Die Kupfermine Falun, Schweden, Folge 397

Schätze der Welt,  22.1.2012 | 14:59 min

Filmtext

Es war Bergfriedensbruch im großen Stil. Jahrhundertelang lang sind sie rücksichtslos immer tiefer in ihn eingedrungen, haben ihn ausgeraubt und ausgeplündert, wühlten respektlos in jedem Winkel seines unterirdischen Reiches herum, bis sie ihm alles entrissen hatten. Auch seine Geheimnisse. Immer neue Gänge und Schächte hackten sie wie besessen kreuz und quer in ihn hinein, bemaßen vor lauter Gier die Stützwände immer dünner, weil sie nicht genug kriegen konnten von seinen Schätzen. Kupfererz war das Objekt ihrer Begierde, die keinen Stein auf dem anderen ließ.


Am 25. Juni 1689 war der einst gewaltige Kupferberg am Ende seiner Kräfte. Unter Grollen und Ächzen sackte er wie ein Kartenhaus in sich zusammen und verwandelte sich in ein gigantisches Loch. Man hätte verstehen können, wenn
der Berg aus Rache seine unersättlichen Einbrecher mit in den Abgrund gerissen hätte. Aber nein, er zerstörte sich mutterseelenallein, suchte sich für einen Mittsommertag aus, an dem seine Peiniger feierten und ihn ausnahmsweise in Ruhe ließen. In diese Ruhe krachte dann sein einsames Ende. Dass dabei kein einziges Menschenleben zu beklagen war,
grenzt an ein kleines Wunder.


Weil der Tod hier so alltäglich war wie das Läuten der Glocke aus einem der Pumptürme. Sie klingt wie eine Totenglocke, meint aber das Gegenteil. So lange sie bimmelte, war alles in Ordnung. Verstummte sie, drohten lebensgefährliche Wassereinbrüche.

Als Herzstück des Weltkulturerbes klafft diese bizarre Grube wie eine riesige Wunde mitten in dieser einzigartigen Industrielandschaft, die sich um die schwedische Stadt Falun zieht. Sie verdankt ihren damals märchenhaften Reichtum der Kupfermine. Vor rund tausend Jahren entdeckte man die Jahrhunderte lang nicht versiegende Erzquelle, die sich als eine Art Goldesel entpuppte. Der Schatz aus der Unterwelt machte aus Falun einen bedeutenden Industriestandort, der den damaligen Bauernstaat in eine Kupfergroßmacht verwandelte. Was den schwedischen Königen sehr gelegen kam.

Wie so oft in der Geschichte war der wirtschaftliche Aufschwung vor allem die Leistung der Machtlosen, die unter wahnwitzigen Arbeitsbedingungen Kopf und Kragen riskierten. Es waren die Grubenarbeiter, die den Reichtum zu Tage förderten.

Er weckte prompt auch politische Machtgelüste. Ohne die Geldquelle aus der Erzquelle hätten sich die expansionsfreudigen, schwedischen Könige im 17. Jahrhundert ihre vielen Feldzüge wohl schlichtweg nicht leisten können. Und Europa wäre so manches Gemetzel erspart geblieben.


Die Gefechte auf dem unterirdischen Schlachtfeld waren nicht minder martialisch. Hier musste der Mensch den Berg bezwingen, die Steine waren seine Feinde. Mit dem Vorschlaghammer bewaffnet droschen die Grubenarbeiter Tag für Tag auf den Berg ein, provozierten dabei sogar kleinere Einstürze, weil sich dadurch die Steine von selbst zerkleinerten. Es war ein waghalsiges Spiel mit dem Tod, das viele verloren. Hinzu kamen Wassereinbrüche, Sauerstoffmangel, Knochenbrüche. Die Drecksarbeit, die sie hier unten im Auftrag für die da oben machten, soll allerdings gut bezahlt worden sein. Aber ist eine Fron wie diese tatsächlich mit Geld aufzuwiegen?


„Die Arbeiter sind nass von Schweiß. Hals, Mund und Augen sind voll Staub und Ruß, und der Durst quält sie. Alle Beschreibungen der Hölle hat man hier vor Augen. Ätzendes Vitriol, Rauch, Qualm und Hitze waren überall“, schreibt der berühmte Botaniker und Arzt Carl von Linné, der 1734 auf einer Reise durch die Provinz Dalarna auch das Bergwerk besuchte – und es fluchtartig wieder verließ: „Die Angst vor einer so großen Tiefe, vor der Finsternis und der Gefahr ließen mir die Haare zu Berge stehen“.


Am schlimmsten waren die sogenannten Qualmtage. Um das Gestein mürbe zu machen, wurden abends Scheiterhaufen errichtet, die die ganze Nacht brannten. Am nächsten Morgen war dann im Schacht die Hölle los. Es war teuflisch heiß, es dampfte und qualmte. Immerhin ließen sich jetzt die Steine in handlichen Brocken abschlagen. Die wurden dann kilometerlang zu den Transportkörben geschleppt. Wer auf dem Weg dahin nicht zusammenbrach, galt als ganzer Kerl und wurde von den Kumpels akzeptiert. Wer schlapp machte, hatte in der rauen Bergarbeiter- Macho-Welt keinen leichten Stand.

„Auf dem Weg nach Falun wird der Reisende schon in großer Entfernung von Schrecken ergriffen, wenn er den dunklen und dicken Rauch sieht, den die Stadt in solcher Menge ausspeit, dass der Fremde glauben kann, er nähere sich der Höhle der Zyklopen und nicht einer Stadt“, schreibt ein früher Tourist im Jahr 1708. Angesichts dieses Idylls kann man sich schwer vorstellen, dass die Stadt und ihr Umland noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts eine einzige Räucherkammer war, in der die Vegetation gänzlich erstickte.


„Der Rauch kommt von den Hütten, die an den Seen Varpan und Runn verstreut liegen. Bei Westwind verdunkelt dieser Rauch die Stadt in dem Maße, dass mitten am Tag Dämmerung herrscht und die Einwohner Fackeln anzünden müssen“, so der Reisende weiter, der wohl zum letzten Mal
seine Ferien in Falun verbracht hatte. Die dicke Luft war der Preis für die Verwandlung des Erzes in Kupfer. Dabei blieben als Abfall ganze Berge von Schlacken übrig, die aus dieser Gegend eine Art Mondlandschaft mit kleinen
Überraschungen machen.


Wochenlang wurde das Gestein in solchen Mulden im Freien geröstet. „Rostrauch“ hieß diese Prozedur. Was wie eine harmlose Mode-Herbstfarbe klingt, war ein wahres Teufelszeug aus Schwefeldioxyd, das sich mit dem Qualm aus den unzähligen Hütten vermischte, in denen solange weiter geschmolzen wurde, bis man Rohkupfer gewonnen hatte. Die Endprodukte waren nicht selten Kanonen, aber auch Glocken und Kessel. Schließlich zierte Kupfer die Dächer der Reichen und machte aus ihren Badewannen Luxus-Güter.


Ein Waschzuber aus Holz wäre für die sieben köpfige Familie des Grubenarbeiters Karl-Erik Hellström schon das Größte gewesen. Von einer Badewanne aus Kupfer konnten sie allenfalls träumen. Wenn sie aufwachten, schrumpfte ihre Wirklichkeit auf ganze 10 Quadratmeter zusammen. Das war ihr Lebensraum in diesem winzigen Häuschen. Ein einziges Zimmer, in dem gewohnt, gegessen und, eben geträumt wurde. Wie fast alle Häuser ist es in Falun-Rot gestrichen, seit Jahrhunderten die schwedische Nationalfarbe beim Hausbau. Die Pigmentmischung wird noch heute aus den Abfällen des Kupferbergbaus gewonnen.


Die um 1700 gebaute Arbeitersiedlung gruppierte sich unmittelbar um die Kupfermine herum und so lebte die unterste Gesellschaftsschicht wie sie arbeitete: Inmitten von Rauch und Gestank. Die Aristokratie des Ortes, die Grubenbetreiber, zog es hinaus ins Grüne, wo die Welt von keiner Rauchwolke getrübt wurde. Weitläufige Herrenhäuser wie dieser um 1800 errichtete Hof mit seinen vielen Wirtschaftsgebäuden standen auf der Sonnenseite des Lebens, das selbst in einem Kupferrevier auf Rosen gebettet war.

Die Herren konnten gewissermaßen von der Pferdekoppel aus über die Grubenarbeiter regieren und ihnen aus dem Idyll Anweisungen für die Arbeit in der Grubenhölle geben. 800 Männer sollen allein in den letzten 250 Jahren hier unten gestorben sein. Für viele von ihnen wurde die Grube zum Grab, weil man die Toten vergeblich suchte oder sie nicht gefahrlos bergen konnte.


Drei Kreuze, mit bloßer Kreide aufgemalt, gehen unter die Haut. Kreuze, die den Namen ersetzen, weil der mit ihnen untergegangen ist, damals im Jahr 1892, als das einstürzende Gestein die drei Männer erschlagen und sie hinter dieser Wand begraben hat. Wer bis heute bei diesen Namenlosen Blumen niederlegt, weiß auch niemand.

Der Name Matts Israelsson indes hat Falun einen Platz in der Weltliteratur beschert. Er machte die Erzgrube zur poetischen Fundgrube für unzählige Autoren. Verbürgt ist, dass es den jungen Knappen am Vortag seiner Hochzeit in die Grube zog, wo er 42 Jahre verschollen blieb.

Dieser Abstieg des Matts in die Unterwelt, für deutsche Romantiker ein magisch-mysthisches Reich der Dämonen, und der Zustand seiner 1719 geborgenen Leiche hat namhafte Dichter wie E.T.A. Hoffmann beflügelt. Ihn faszinierte vor allem die durch Vitriol haltiges Wasser balsamierte, jugendlich aussehende Leiche. In seiner Erzählung identifiziert die Braut, inzwischen eine
Greisin, ihren Bräutigam, auf den sie selbstverständlich ihr Leben lang gewartet hat, weil noch immer, wie man lesen kann, „ihr Herz voll heißer Liebe schlug“. Die Hitze war dann wohl doch ein bisschen zu viel für das alte Herz. „Und so hat sie ihr Leben ausgehaucht auf dem Leichnam des erstarrten Bräutigams.“


Die Wirklichkeit war weniger poetisch: Der matte Matts wurde, mit Drähten und Stützriemen versehen, als Attraktion solange ausgestellt, bis er endgültig zusammenfiel. Mit großem Tam-Tam hat man ihn dann in der Stadtkirche beerdigt und merkwürdigerweise ein paar mal wieder exhumiert. Schließlich wurde das, was von ihm übrig blieb, in einer Kiste auf dem Kirchen-Dachboden verstaut. Erst 1930 ließen sie den geplagten Matts endlich in Frieden ruhen. Unter Tage, wo er auch sein kurzes Leben verbracht hatte.


Nach über 1000 Jahren Ausbeutung gab es hier weder literarisch noch materiell etwas zu holen. Der Berg war ausgeplündert und abgegrast und so wurde der Abbau in der Kupfermine 1992 eingestellt. Wo nichts mehr zu holen ist, verschwindet der Mensch. Sang-und klanglos. Nicht einmal seine sieben Sachen hat er weg geräumt. Ließ alles stehen und liegen. So gehören Maschinenwracks kurioserweise zum Weltkulturerbe und dürfen völlig unkultiviert, aber sehr malerisch, vor sich hin rosten.

Ein Film von Christina Brecht-Benze

Letzte Änderung am: 11.01.2012, 08.41 Uhr

Europa: Schweden

Filmmusik & Stab

Musik:

Schätze der Welt II - Vor- und Abspann:
Oliver Kraft

Soundtrack: Falun
Claudius Brüse



Buch und Regie: Christina Brecht-Benze
Kamera: Gerd Bleichert
Schnitt: Petra Hölge

Sendezeit

3sat
Sonntags:
19.40 Uhr

SWR Fernsehen
Samstags:
6.00 Uhr

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