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14:50 min | So, 9.9.2007 | 21:00 Uhr | 3sat

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Essaouira: Die Medina von Essaouira, Marokko, Folge 356

SWR

Die ummauerte Altstadt von Essaouira (früher Mogador): 1765 läßt Sultan Sidi Mohamed Ben Abdellah an der marokkanischen Atlantikküste eine Stadt bauen. Der Ort ist gut gewählt, die Umgebung schon über 2000 Jahre besiedelt. Das fruchtbare Hinterland, bewirtschaftet von Berbern, garantiert den Nachschub. Ein idealer Platz für einen Hafen. Das wussten schon die Phönizier, die früher auf der benachbarten Insel Purpurschnecken gezüchtet haben. Und auch die Portugiesen, die hier Forts und Handelsstützpunkte für ihre Segler nach Afrika bauen ließen.


Filmtext:

Ibrahim off: "Frühmorgens ist die Stadt so, wie ich sie liebe - ganz ruhig. Aber hier kommt auch schon mein erster Auftrag: Fisch abholen am Hafen. Ich bin ein Karrenschieber. Ein Mann der Strasse. Alle kennen mich und alles hat seinen Ablauf. Früher waren die Geschäfte besser - für mich und auch für die Fischer."

Erzähler: Seit vielen Jahren schiebt Ibrahim Fratli seine Carossa ins Herz einer legendären Stadt im südlichen Marokko: den Hafen von Essaouira. Wo heute kleine Fische gehandelt werden, lag einst der größte Seehafen Nordafrikas. Essaouira war das Tor Timbuktus, ein Umschlagplatz für Waren aus dem ganzen afrikanischen Hinterland. Ein kluger Sultan, Sidi Mohamed Ben Abdallah, hatte im 18. Jahrhundert diesen großen Hafen geplant. Dahinter ließ er die befestigte Handelsstadt bauen. Der Sultan holte Kanonen aus Spanien, Architekten aus Frankreich, Kaufleute aus aller Welt. Essaouira, eine wehrhafte Hafenstadt am Atlantik, auf Fels gebaut und windumtost.

Ibrahim off: "Ja, was wäre Essaouira ohne unseren Wind? Ohne ihn wären weder Phönizier noch Römer, weder Portugiesen noch Franzosen gekommen. Viele Jahrhunderte landeten Schiffe aus aller Welt. Sie verluden kostbare Waren: Gewürze, Elfenbein, Tropenhölzer. Damals hieß Essaouira: Mogador."

Erzähler: Mogador, dieser Name ist uralt. Die Phönizier waren die ersten, die sich auf der geschützten Insel vor der Stadt niederließen. Wo diese Purpurschnecken für römische Gewänder gezüchtet hatten, bauten im 16. Jahrhundert portugiesische Seefahrer dieses kanonenbestückte Fort. Im 19. Jahrhundert peinigte man hier Gefangene unter freiem Himmel. Heute nisten Vögel auf der menschenleeren und unter Naturschutz stehenden Insel vor der Stadt. Essaouira heißt auf arabisch "die Eingeschlossene". Verantwortlich für die Stadtplanung des Sultans war ein französischer Militärarchitekt namens Théodore Cornut. Er sollte die massive Hafenanlage nach europäischem Vorbild bauen. Auch Karrenschieber Ibrahim kennt die Legende um den französischen Fremden, der 1765 der Stadt ihr trutzig verschlossenes Gesicht gegeben hat. Noch immer umschließen Wehrmauern die Altstadt von Essaouira vollständig - wenngleich es nichts mehr zu verteidigen gibt.

Hinter den zinnenbekrönten Mauern und fünf großen Stadttoren verbirgt sich eine rechtwinklige Anlage - eine europäisch angelegte Planstadt auf afrikanisch-islamischem Boden. Keine engen, dunklen Gassen, sondern schnurgerade Hauptachsen - ungewöhnlich für eine orientalische Altstadt.

Ibrahim off: "Wo früher Geschäfte für uns waren, da gibt es heute Boutiquen und Andenkenläden. Das Herz der Altstadt ist immer noch der Markt Sidi Souk Jidi. Der Getreidemarkt linkerhand, der Fisch- und Gemüsemarkt rechterhand."

Erzähler: Überall wird geklopft und gehämmert. Denn gleich neben dem Lebensmittelsouk der Medina liegen die Werkstätten der Handwerker und Kunstschnitzer. Einer, der es besonders gut kann, ist Imad Mustafa, ein "Maître", der intarsienverzierte Möbel auf Bestellung fertigt. Noch immer zählt die traditionsreiche Thuja-Holzverarbeitung zu den edlen Gewerken und ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in Essaouira. Mehr als ein Monat Arbeit steckt in einem solchen Tisch.

Ibrahim off: "Hier war das vornehme Viertel in Essaouria, die Kasbah. Es ist auch das älteste. Hier wohnten die reichen Leute, waren diplomatische Vertretungen vieler Nationen. Aber die Zeiten sind vorbei. Wo das alte Portugiesische Konsulat stand, wächst Schimmel auf den alten Eingangstüren und im Gebälk nisten die Vögel. Und der Kirche der Christen droht der Einsturz."

Erzähler: Wer Rang und Namen hatte, wohnte früher hier in der Kasbah. Noch erinnern prunkvolle Türverzierungen an die alten Zeiten des Wohlstandes und der Privilegien. Neben der arabischen und beduinischen Oberschicht lebten bis Ende des 19. Jahrhunderts auch einige wohlhabende christliche und jüdische Kaufleute aus Europa. Essaouira war eine weltoffene Stadt. Wer es sich leisten konnte, wohnte in einem Riad. Der Innenhof war das Zentrum des Familienlebens. Die Kinder spielten im Atriumhof, denn die Straße war ihnen verboten. Die Atriumbauweise machte das Klima angenehm. Kühl, luftig und diskret lebte man fern vom Lärm der Stadt.

Nirgendwo in Marokko weht der Wind so stark wie in Essaouira. Mit dem Wind kommt der Sand. Dar Sultan - einst stand hier ein prunkvolles Schloss mit 5 Pavillons, ausgestattet mit den edelsten europäischen Möbeln. Wind, Sand und die Zeit haben es zerstört, die Mauern zerfressen. Aus der Glanzzeit des Stadtgründers Sultan Sidi Abdallah im 18. Jahrhundert ist wenig geblieben.

Der Sultanswohnsitz im europäischen Baustil versinkt allmählich im Sand. Bleiben wird wohl die Legende um ein Lied, das Jimy Hendrix hier geschrieben haben soll: "Castles made of sand".

Die Befestigung der Stadt war nicht auf Sand gebaut. Sie war gebaut, um schwerem Kaliber Stand zu halten. Europäische Festungsarchitektur beschützte damals die islamische Medina und ein Handelszentrum mit über 50 Niederlassungen aus aller Welt.

Ibrahim: "Mein Lieblingsviertel liegt im Nordwesten. Es heißt Mellah. Ganze Straßenzüge wurden abgerissen, nur langsam wird renoviert. Die Mellah war das Viertel der Juden. Unser Sultan Sidi Abdallah hat sie nach Essaouira geholt. Sie führten damals die Geschäfte. Die Muslime und die Juden haben sich gut verstanden. Einst gab es 12 Moscheen für 8.000 Muslime und 36 Synagogen für 10.000 Juden. Aber die Juden sind gegangen und es fehlt an Geld, die Mellah zu renovieren. Jetzt wohnen arme Leute hier in der Mellah, Karrenschieber wie ich. Es ist eng, aber nicht teuer."

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Essaouira - Wo der Sand das Meer trifft

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Ehemaliges Sultansschloss

Ehemaliges Sultansschloss

Essauoira - Hafenskala

Der Hafen - Das Tor nach Timbuktu

Skala Kashba Essaouira

Hafenbefestigung - Blick auf Essaouira

Essaouira

Karrenschieber in Medina

Essaouira

Färberei

Essaouira

Essaouira

Essaouira

Ibrahim: "Jetzt muss ich schnell in die Rue Chbanat zu den Färbern und Raphia ausliefern. Hier, in diesen Gassen, hat sich im Vergleich zu früher nicht viel geändert. Hier gibt es noch eine enge Gemeinschaft im Viertel, man arbeitet zusammen, man wohnt zusammen. Alle beherrschen ihr Metier."

Erzähler: Ibrahim Fratli kommt gerne zu den Färbern. In alten Steintrögen geben sie Schafwolle und Raphia - dem Bast der Palmen - kräftige Farben. Handwerker im Viertel machen daraus Schuhe, Stoffe und Teppiche.

Am frühen Abend, wenn der Muezzin ruft, leeren sich die Gassen der Medina. Nach dem Gebet gönnt sich Ibrahim einen Tee á la Menthe.

Ibrahim off: "Ich hoffe, dass der morgige Tag gute Geschäfte bringt und unsere Medina genau so bleibt, wie sie ist. Und nie ihre Seele verliert. Inshallah."

Buch und Regie: Elke Werry

Filmmusik & Stab

Musik:

Schätze der Welt II - Vor- und Abspann:
Oliver Kraft

Soundtrack Essaouira:
Stefan Eichinger, Stefan Neuert



Buch und Regie: Elke Werry
Kamera: Donald Saischowa

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