Filmtext & Video

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14:50 min | Mo, 23.9.2013 | 12.45 Uhr | 3sat

Filmtext

(verschiedene Stimmen, etwas überlagert):

"Von der Wartburg wird Deutschland das schöne Märchen vernehmen, dass es eine Geschichte und eine Literatur, Helden und Dichter hatte". (Simon)

"Und ich kenn’ aus lustger Ferne

Jedes Stück des stolzen Baus

Bergfried, Zwinger und Zisterne

Pallas, Tor und Ritterhaus (...)

"Und ich grüß die kleine Lücke

in des Turmes hoher Wand.

Wo ich mir und meinem Glücke

eine zweite Heimat fand." (Scheffel)

Pathetisch und poetisch - die Wartburg im Thüringer Wald, hoch über Eisenach.

Steingewordene Metapher ist sie für Rittertugend und Minnesang, für Kreuzfahrer-Blut und reformatorischen Geist. Goethe hat sie gemalt und beschrieben, Wagner sie besungen. Und zwischen beiden liegt ihre Wiedergeburt. Mitte des 19.Jahrhunderts rettet ein Großherzog die "deutscheste aller Burgen" vor dem Verfall und für die Nachwelt eine romantische Vision von Mittelalter.

Im 11. Jahrhundert kamen die Ludowinger von Franken nach Thüringen. Ein Geschlecht, das seine Macht kontinuierlich durch Heiraten und Kriege ausdehnte, mit Meineiden und Morden festigte, aber auch - in friedlichen Zeiten - Kunst und Architektur pflegte. "Wart Berg, du sollst mir Burg werden", soll Ludwig der Springer ausgerufen haben, als ihn die Jagd in hiesige Gefilde führte. Und wir wollen gern glauben, dass er sich den Felskegel über Nacht untertan machte, indem er körbeweise Erde aus eigenen Landen auf den Gipfel schütten ließ.

Es war sein Sohn, Ludwig I., dem 1130 die Landgrafschaft für Thüringen und Hessen verliehen wurde, nachdem er und sein Bruder gewinnbringend ins Nachbarland geheiratet hatten.

Landgraf Ludwig II. überzog dann das Land mit weiteren Burgen - schließlich lag man in ständiger Fehde mit den mächtigen Welfen oder den Mainzer Erzbischöfen. Creuzburg, Neuenburg... - wenn eine Festung leergefressen war, zog der Tross zur nächsten. Den "Eisernen" nannten sie diesen Ludwig, einer Legende zufolge.

Auf der Wartburg treibt jede Geschichte ihre Blüten, wird jede Gestalt zum Sagenhelden und jede Tat ein Rätsel oder Wunder. Der Eiserne, bis an die Zähne gerüstete Ludwig war es auch, der niederrheinische Baumeister und edles Material in den thüringischen Wald brachte und die Burg um einen Prachtbau bereicherte - den Palas. Solch anspruchsvolle Architektur stand damals den Kaiserpfalzen zu, nicht landgräflichen Burgen. Solch reiche Ornamentik zierte allenfalls Klöster und Kirchen.

Drei luftige Galerien gliedern das massive romanische Gemäuer zum Hof hin. Von 130 Kapitellen stürzen sich Adler hernieder, umwinden Schlangen Fabelwesen - 30 davon sind im Original erhalten.

Die Ludowinger bewiesen mit dem Palas einmal mehr ihr Streben nach Macht und ihren Sinn für das Schöne. Nur tapferen Rittern und edlen Fräulein gebührte der Zugang.

Von solcher Pracht und Zierlichkeit war um 1800 nicht mehr viel zu sehen. Die Burg hatte als Festung ihre Schuldigkeit getan. Baufällige Teile trug man einfach ab. Sonntägliche Tanzmusik lockte jetzt die Eisenacher Bürger auf die Wartburg und die Poesie des Verfalls Besucher von überallher. Ein neues Nationalbewusstsein war erwacht, beeinflusst durch die Ideale der Romantik. Man suchte die deutsche Identität in Ruinen.

Allen voran die fortschrittliche studentische Jugend. 500 Burschenschafter zogen anno 1817 zur Wartburg. Ihre Rufe nach politischer Einigung Deutschlands hallten weit über Thüringen hinaus.

"Meine Idee ist es, die Wartburg zu einer Art Museum für die Geschichte unseres Hauses, ja, für ganz Deutschland zu gestalten." Carl-Alexander, der Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, hatte einen Musenhof im Sinn - ganz in der Weimarer Tradition. Lange sollten die Gelehrten um die richtige Restaurierung streiten. Kolossartige Türme, labyrinthische Gärten, eine schwülstige Fürstengruft, ein feenartiges Luftschloss - die verrücktesten Entwürfe wetteiferten um die herzogliche Gunst. Schließlich entscheidet Hugo von Ritgen den Architekten-Wettstreit für sich. Beglückt schreibt er Carl-Alexander: "Mit Bewunderung schaut Deutschland auf solch wahrhaft königliches Beginnen, aber wie mit frohem Hoffen so auch mit ernstem, sorglichen Blick." Unzählige Burgen wird Ritgen von da an besuchen, mittelalterliche Texte und Sagen lesen. Denn keine modische Restauration schwebt ihm vor, keine "angenehme Täuschung von der Vorzeit."

Die Bauarbeiten beginnen im Palas: zugemauerte Fenster und Bogengänge aufmachen, Kapitelle nachgießen, Baureste untersuchen.

Der Rittersaal. Heute schon wieder eine Rekonstruktion der Rekonstruktion. Ritgen hatte ihn "behaglich" einrichten wollen für die Jagd- und Festgesellschaften des Großherzogs. Den Schlossverwaltern nach 1950 behagte solche Hofhaltung gar nicht. Sie entfernten Bemalung und Einrichtung - wie hier so auch in anderen Räumen.

Neben dem Rittersaal befindet sich das ehemalige Frauengemach. Das Mosaik ist ein Geschenk Wilhelms II, an seinen Neffen Carl-Alexander und die üppigste der vielen Erinnerungen an die Heilige Elisabeth auf der Wartburg.

Im zarten Alter von vier Jahren wurde die ungarische Königstochter mit einem Ludowinger verlobt. Fehden, Kriegszüge, Zerstörungen prägten die Kindheit der kleinen Braut in Thüringen. Sie reagierte darauf mit Eigensinn. Nicht höfischen Luxus pflegte die junge Landgräfin, sondern die Armen und Siechen..

Brot verwandelt sie zu Rosen...Und wieder ist die Wartburg ein Schauplatz von Legenden, ein Ort der Heiligkeit. Elisabeths Mann zieht aus, um Palästina von den Heiden zu befreien und kehrt vom Kreuzzug nicht zurück.

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Europa: Deutschland

Die Wartburg - Wo Romantik vom Mittelalter träumt

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Pathetisch und poetisch - die Wartburg im Thüringer Wald, hoch über Eisenach.

Pathetisch und poetisch - die Wartburg im Thüringer Wald, hoch über Eisenach.

Im 11. Jahrhundert kamen die Ludowinger von Franken nach Thüringen. Ein Geschlecht, das seine Macht kontinuierlich durch Heiraten und Kriege ausdehnte, mit Meineiden und Morden festigte, aber auch - in friedlichen Zeiten - Kunst und Architektur pflegte.

Hugo von Ritgen entscheidet den Architekten-Wettstreit für sich. Unzählige Burgen wird Ritgen von da an besuchen, mittelalterliche Texte und Sagen lesen.

Der Rittersaal. Heute schon wieder eine Rekonstruktion der Rekonstruktion. Ritgen hatte ihn "behaglich" einrichten wollen für die Jagd- und Festgesellschaften des Großherzogs. Den Schlossverwaltern nach 1950 behagte solche Hofhaltung gar nicht. Sie entfernten Bemalung und Einrichtung - wie hier so auch in anderen Räumen.

Das Mosaik ist ein Geschenk Wilhelms II, an seinen Neffen Carl-Alexander und die üppigste der vielen Erinnerungen an die Heilige Elisabeth auf der Wartburg.

Im zarten Alter von vier Jahren wurde die ungarische Königstochter mit einem Ludowinger verlobt. Fehden, Kriegszüge, Zerstörungen prägten die Kindheit der kleinen Braut in Thüringen. Sie reagierte darauf mit Eigensinn. Nicht höfischen Luxus pflegte die junge Landgräfin, sondern die Armen und Siechen..

Grimm, Tieck und Heine hat er beschäftigt und Wagner zum Tannhäuser inspiriert. - der Sängerkrieg.

Der Legende ist Schwind treu geblieben. Bei den Gesichtern ist der Zeitgeist mit ihm durchgegangen. Liszt und Wagner, Goethe und Schiller verstecken sich hier. Selbst der Großherzog lieh seine Züge, nachdem Schwind ihn untertänigst gefragt hatte - auch in eigner Sache: "Für meine Wenigkeit bitte ich um ein bescheidenes Plätzchen im Halbdunkel der Treppe."

Martin Luther fand auf der Wartburg Schutz vor kaiserlichem Bann und päpstlicher Ächtung. Hier hat er den Teufel mit der Tinte vertrieben, das heißt mit geharnischten Schriften und der Übersetzung des Neuen Testaments.

Der Schreibtisch ist ein Erbe aus Luthers Familie, denn den ursprünglichen hatten schon frühe Luther-Pilger Span für Span abgetragen.

Zur 800-Jahrfeier 1867 war man auf der Wartburg ein Volk, vereint in Lob und Stolz. Am Abend im großen Festsaal der große Festakt. Ein Meer von Kerzenflammen. Instrumente werden gestimmt.

Das Fest ist aus. Geblieben ist ein Denkmal, das heute wieder in der Mitte Deutschlands steht. Geblieben sind die Pilger. Auf der Suche nach einer katholischen Heiligen und nach einem protestantischen Erneuerer. Auf der Suche nach einer verlorenen Zeit. Nach Pathos und Poesie.

Da es nicht möglich ist, ein fortwährendes Drama früherer Zeiten aufzuführen (...), muss durch Malerei ersetzt werden, was hier an Handlung fehlt. Heldenhafte Troubadoure, tugendsame Damen sollen die Burg wieder bevölkern und dafür will Ritgen den Maler Moritz von Schwind gewinnen. Der fragt aber erst vorsichtig: "Gibt der Wirt etwas zu essen oder lebt man von Raub und Jagd? Gibt es eine Geige, ein Klavier? Musik muss gemacht werden!"

Grimm, Tieck und Heine hat er beschäftigt und Wagner zum Tannhäuser inspiriert. - der Sängerkrieg.

"... der landgrave ist so gemuot,

daz er mit stolzen Helden sine habe vertuot,

der iegeslicher wo ein kempfe waere.

mir ist sin hohiu fuor wol kunt:

und gülte ein fuoder guotes wines tusent pfunt,

da stüende ouch niemer ritters becher laere."

Heinrich von Ofterdingen, Wolfram von Eschenbach, Walter von der Vogelweide und wie sie alle hießen, sollen hier einen Wettstreit ausgetragen haben. Ein Loblied auf den Landgrafen galt es anzustimmen. Alle trugen Vortreffliches vor, nur Ofterdingen besang den falschen Herrn. Aber da lässt die Landgräfin Gnade walten, ein Zauberer tritt auf, Versöhnung, unblutiges Ende...

Der Legende ist Schwind treu geblieben. Bei den Gesichtern ist der Zeitgeist mit ihm durchgegangen. Liszt und Wagner, Goethe und Schiller verstecken sich hier. Selbst der Großherzog lieh seine Züge, nachdem Schwind ihn untertänigst gefragt hatte - auch in eigner Sache:

"Für meine Wenigkeit bitte ich um ein bescheidenes Plätzchen im Halbdunkel der Treppe." Immer wieder gerät das Jahrhundertwerk ins Stocken - Geldmangel, Arbeiterstreiks, politische Wirren... Aber ein unermüdlicher Architekt und eine enthusiastische Hoheit bauen dagegen an.

Durch dieses Tor ist er bei Nacht und Nebel eingeschleust worden - Martin Luther fand auf der Wartburg Schutz vor kaiserlichem Bann und päpstlicher Ächtung. Hier hat er den Teufel mit der Tinte vertrieben, das heißt mit geharnischten Schriften und der Übersetzung des Neuen Testaments. Der symbolische Tintenfleck wird nicht mehr nachgerußt. Und der Schreibtisch ist ein Erbe aus Luthers Familie, denn den ursprünglichen hatten schon frühe Luther-Pilger Span für Span abgetragen.

40 Jahre dauerten die Arbeiten, um 800 Jahre Geschichte zu retten. "Von der Erbauung der Wartburg wird der Deutsche einst die schöne Epoche seiner Selbsterkenntnis datieren. Sie werden sich selbst eine Bewunderung sichern, die süßer ist als alle gewonnenen Schlachten!"

Diese Bewunderung konnten die sozialistischen Verwalter Carl-Alexander nicht zuteil werden lassen. In der DDR war Historismus gleich Butzenscheibenromantik. Vieles wurde zurückgebaut, was nur entfernt an feudalen Geist erinnerte und den Charme dieses Gesamtkunstwerks ausmachte. Den ganzen Tag schon hatten Kanonenschüsse und Girlanden die Gäste begrüßt, waren Arbeiter geehrt und große Reden gehalten worden, gaben sich Bauerntrachten, geistliche und weltliche Herrschaften ein Stelldichein. Zur 800-Jahrfeier 1867 war man auf der Wartburg ein Volk, vereint in Lob und Stolz. Am Abend im großen Festsaal der große Festakt. Ein Meer von Kerzenflammen. Instrumente werden gestimmt. Am Pult steht Franz Liszt, von Begeisterung durchglüht, an diesem Tag, an diesem Ort sein eigens für diesen Anlass geschaffenes Oratorium dirigieren zu dürfen: "Die Legende von der heiligen Elisabeth". Jetzt fließt alles zusammen: Musik, Dichtung, Architektur. Welch ein Triumph für Hugo von Ritgen, ist dieser Saal unter dem Dach des Palas doch die Gesamtschau seiner Mittelalter-Vision. Sieg des Christentums über die Heiden und der Tugenden über die Laster. Die Geschichte der Landgrafen - in Holz geschnitzt, in Teppiche gewebt, mit dem Pinsel verziert. An diesem Abend schreibt der Festsaal seine eigene Geschichte.

Vielen Zeitgenossen war er nur aus Wagners "Tannhäuser" bekannt - als Hintergrund im 3. Akt. An diesem Abend ist er nicht Opernkulisse, sondern Original.

Das Fest ist aus. Geblieben ist ein Denkmal, das heute wieder in der Mitte Deutschlands steht. Geblieben sind die Pilger. Auf der Suche nach einer katholischen Heiligen und nach einem protestantischen Erneuerer. Auf der Suche nach einer verlorenen Zeit. Nach Pathos und Poesie.

Stand: 12.02.2010, 12.28 Uhr

Filmmusik & Stab

Kraft, Oliver
Schaetze der Welt II
Gullatz, Biber und Moritz Freise
Wartburg
Buch und Regie:
Eva Witte
Kamera:
Ralf Nowak

Sendezeit

3sat
Sonntags:
19.40 Uhr

SWR Fernsehen
Samstags:
6.00 Uhr