Eine Dynastie macht Druck
Sendung vom Dienstag, 17.4. | 21.45 Uhr | 3sat
Ein rhythmisches Rattern und Klappern durchdringt die Räume, das Gebäude, die Straßen. Ein leichtes Beben erschüttert die Manufaktur.

Blick durch die Salons im Erdgeschoss
Der ganze Boden bedeckt mit bedruckten Blättern. Kunstvolle Schriften, schwarz, von leuchtenden Farbillustrationen begleitet. Es riecht durchdringend nach Druckerschwärze und Petroleum, nach Schweiß und Leder und nach Aufbruch in eine neue Zeit.
Am "Freitagsmarkt" in Antwerpen, der größten Stadt nördlich der Alpen, wird um 1570 hart gearbeitet. Der gebürtige Franzose Christoffel Plantin kontrolliert den Stand der Produktion. Seit Wochen wird an der Drucklegung der "Biblia Polyglotta" gearbeitet, einem typografischen Meisterwerk des 16. Jahrhunderts. Es erscheint in 5 Sprachen: Latein, Griechisch, Hebräisch, Syrisch und Armäisch - jede Ausgabe in 8 Bänden. Etwas derartiges gab es noch nie. Ende des 16. Jahrhunderts, rattern hier die Druckerpressen. Sechzehn sind gleichzeitig in Betrieb, 32 Drucker, 20 Setzer und diverse Helfer in Aktion. Hauptabnehmer und Auftraggeber für die überwiegend religiösen Werke ist zunächst der Spanische König Philipp II.
Plantin und sein nachfolgender Schwiegersohn Moretus werden wohlhabende, einflussreiche Verleger. Das Produktions- und Wohnhaus der Familiendynastie Plantin-Moretus wird über 3 Jahrhunderte Treffpunkt von Geistes- und Naturwissenschaftlern, Religionsphilosophen, weltlichen und religiösen Herrschern aus allen Erdteilen.
Geschäftssinn, Weitblick und Weltoffenheit erweißt die Familie auch durch das Verlegen von Landkarten, Seekarten, Lexika und Enzyklopädien. Mehr Präzision und technische Qualität kann bereits Christoffel Plantin durch die Einführung des Kupferstiches bei den Illustrationen erreichen, eine Revolution in der Druckerei. Besonders Mediziner und Naturwissenschaftler gewinnen dadurch einen besseren Einblick. Der markanteste Buch Illustrator heißt Peter Paul Rubens. Er wird der größte Maler der Epoche und bleibt ein Leben lang ein enger Freund der Verlegerfamilie. Die Editionen, die von hier aus ganz Europa und Teile der damals zivilisierten Welt erreichen, beeinflussen Lehre und Denken, Gesellschaft und Kultur vieler Länder. Bücher werden durch die hohen Auflagen der Antwerpener Verleger populär, verfügbarer und auch erschwinglicher.
Mehr sehen, mehr lernen, mehr wissen, mehr an der Welt teilnehmen und sie öffnen für mehr Menschen. Die Drucker und Verleger Plantin-Moretus haben mit Enthusiasmus und Geschick Wissen und Erkenntnisse durch Publikationen verbreitet. Sie haben dadurch nicht nur die Ideale des Humanismus gefördert. Sie haben auch erstmals durch Massenauflagen und Meinungsvielfalt das eingeleitet, was heute mit allzeit verfügbarem Zugang zu Wissen, als Teil unserer Freiheit in einer Mediengesellschaft selbstverständlich ist.
Daten & Fakten
Kulturdenkmal: Plantin-Moretus-Hausdruckerei und Museumskomplex in Antwerpen
UNESCO-Ernennung:15.07.2005
um 1549
Christofel Plantin (1520-1589) lässt sich in Antwerpen als Buchbinder nieder
1555
Plantin gründet die Druckerei "De Gulden Passer"
1576
Verlegung der Druckerei an den Vrijdagmarkt in ein Gebäude, das heute der älteste Teil des Plantin-Moretus-Museums ist
1571
Philipp II gewährt Plantin das exklusive Druck- und Verkaufsrecht liturgischer Publikationen für Spanien und die Kolonien
16./17. Jh.
Jan I Moretus (1543-1610), Schwiegersohn von Plantin, leitet die Druckerei und produziert hochwertige Bücher, sein Sohn, Balthasar I Moretus (1574-1641) arbeitet mit Peter Paul Rubens zusammen
17. Jh.
Ausbau der Druckerei und Erweiterung durch eine Bibliothek
1757
Bauliche Veränderungen: die Hauptfront aus dem Mittelalter wird durch eine monumentale Fassade im Louis XV Stil ersetzt
18./19. Jh.
Niedergang der Druckerei
20.04.1876
Verkauf der Druckerei an die Stadt Antwerpen
1877
Umgestaltung der Druckerei zum Plantin-Moretus-Museum
1939
Teilweise Zerstörung des Museums durch eine deutsche Bombe
1951
Restauration und Wiedereröffnung; Gründung der Plantin-Society
2000/2001
Restaurierung der Fassade und der Innenhöfe
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Letzte Änderung am: 21.09.2011, 09.11 Uhr