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gCanal Du Midi, Frankreich, Folge 224

Wo Schiffe klettern müssen

Schätze der Welt - Erbe der Menschheit,  26.1.2013 | 14:43 min

Filmtext

Ein Traum seit Zeiten der Römer: Eine Wasserstraße - die die sonnigen Gestade des Mittelmeeres mit dem Atlantik verbindet, um auf direktem Weg den Reichtum des Südens an Wein, Getreide und Öl nach Nordeuropa transportieren zu können.

An der Verwirklichung des Traumes scheiterten Mächtige und Macher, von Karl dem Großen bis Franz dem Ersten, selbst Leonardo da Vinci tüftelte vergeblich daran. Erst Pierre Paul Riquet hatte Mitte des 17. Jahrhunderts die zündende Idee. Er war königlicher Steuerbeamter, ein Besessener von der Vision des Kanals zwischen den beiden Meeren. Auf langen Wanderungen durch die Region zwischen dem Mittelmeer und Toulouse erkundete er den genauen Höhenverlauf für das Kanalbett. Ab Toulouse konnte dann auf der Garonne zum Atlantik gefahren werden. Die alten Häfen waren schon lange versandet. Riquet wählte deshalb das Fischernest Sete als Mittelmeerhafen für den Kanal. Er entwarf nicht nur den Hafen, sondern auch die ganze Stadt.

Bis heute ist Sete nach Marseille der zweitgrößte Mittelmeerhafen Frankreichs geblieben.

Vom Meeresspiegel aus muss der Kanal bis Toulouse auf 189 m ansteigen. An diesem Problem waren bisher alle gescheitert. Riquet fand die Lösung, wie der Kanal immer gleichmäßig mit Wasser versorgt werden könnte. Die Bäche und Flüsse der Montagne Noir, so sein Plan, sollten in einem großen Staubecken gesammelt werden, von dem aus der Kanal an seinem Scheitelpunkt gespeist würde. Es war ein Fürsten und Bischöfe überzeugender Plan. 1667 konnte mit dem Bau des Staubeckens von St. Ferreol begonnen werden. Die Wasser der Schwarzen Berge fließen teils direkt, teils unterirdisch hierher. Insgesamt 6,7 Millionen Kubikmeter Wasser. Der Staudamm war mit seinen drei Mauern und 871 Meter Länge der größte Bau in Frankreich seit Zeiten der Römer, - seit Vierzehnhundert Jahren. In den Gängen und Schächten des mächtigen Damms wird bis heute der Wasserzufluss für den Kanal gesteuert. Nur die Ventile wurden ausgetauscht. Nach 30 Kilometern fließen die Versorgungskanäle in den Canal du Midi.

Die Grundstücke für die Kanaltrasse kaufte die Provinzregierung den privaten Besitzern ab. Viele Städte der Region versprachen sich wirtschaftlichen Aufschwung durch einen Kanalanschluss und zahlten. Das einst von Griechen gegründete Agde - dessen Mittelmeerhafen bedeutungslos geworden war, erhielt so Anschluss an die moderne Zeit. Der Sonnenkönig Ludwig der 14. wollte die Handelswege verbessern, deshalb übernahm sein Finanzminister Colbert die Hälfte der Baukosten. Der Kanal hieß seitdem Canal Royale. Runde und ovale Schleusen statt der bis dahin üblichen rechteckigen Schleusenkammern sind eine der großen technischen Ideen Riquets. Die gebogenen Mauern halten besser dem Wasserdruck stand - bis heute.

Riquets Rundschleuse bei Agde: Hier gibt es Manövrierfreiheit für die Boote, um in den Stadtkanal abzubiegen.

Dutzende von Flüssen kreuzen den Kanal, manche dienen als Wasserzufuhr, vor anderen, wie dem Libron, muss der Kanal durch technische Wunderwerke geschützt werden. Ein kompliziertes System von Schleusen und beweglichen Planken verhindert, dass bei Hochwasser des Libron das Kanalbett überschwemmt und von Flusskieseln und Erde zugeschüttet wird.

Bizarre Technik und großzügige Natur machen seit 300 Jahren den Zauber des Kanals aus. Schon Riquet ließ 100 000 Bäume an den Ufern pflanzen.

Mit ihren Wurzeln halten sie die Kanalböschung. Mit ihren breiten Kronen schützen die Platanen vor zu schneller Verdunstung des mühsam herbeigeführten Kanalwassers und machen das Reisen angenehm..

Beziers, Heimatstadt von Pierre Paul Riquet. Er war schon über 60 Jahre alt, als der Kanalbau begann. Vier Jahrzehnte hatte er als Salzsteuerinspektor mit gutem Sinn fürs Geschäft und durch glückliche, reiche Heirat Vermögen gebildet. Alles steckte er in seinen Traum. Die insgesamt 12 000 Kanalarbeiter entlohnte er persönlich. Er starb verarmt, seine Tochter musste mangels Aussteuer sogar ihre Hochzeit verschieben.

Flusstäler mit wasserführenden Brücken zu bewältigen, das war Riquets großartige Idee. So musste die Fahrt der Boote nicht mehr unterbrochen, oder gar die Fracht auf Schiffe am anderen Flussufer umgeladen werden. Die mächtige Kanalbrücke über den Orb bei Beziers wurde von Vauban, dem Festungsbaumeister des Sonnenkönigs gebaut. Sie ist 240 m lang. Ein Hindernis nach dem anderen: Der steilste Abschnitt: Bei Fonserannes werden 15 Höhenmeter durch acht ovale hintereinander liegende Schleusen überwunden. Heute werden sie mit Motoren betrieben, zu Riquets Zeiten wurden sie mit Handkurbeln bewegt. 1983 wurde parallel zur Wassertreppe von 312 m Länge ein Schiffshebewerk gebaut. Es war nur wenige Jahre in Betrieb. Riquets Schleusensystem dagegen bewährt sich seit über drei Jahrhunderten. Fonserannes bewundern heute jährlich fast eine halbe Million Besucher.

An beiden Kanalufern legte Riquet befestigte Wege an. Treidelpfade, - damals wurden die Boote von Pferden gezogen. Segel konnten nur an wenigen offenen Abschnitten in Mittelmeernähe gesetzt werden. Heute sind die Treidelpfade Fahrradwege durch die Weinlandschaft des Languedoc-Roussillon.

Erst der Kanal machte den Weinhandel zu einem einträglichen Geschäft, die Dörfer entwickelten sich zu wohlhabenden Kommunen. Das größte Weingut der Region verschiffte jährlich 13000 Hektoliter. Riquet plante auch die gesamte Verwaltung und Instandhaltung des Kanals. Er baute alle Schleusenwärterhäuser im gleichen Stil, vergab die Schleusenwärterstellen auf Lebenszeit. Die Gebühren der 99 Schleusen standen ihm zu, denn der König hatte ihm den Kanal als Lehen gegeben. Verdient aber haben erst seine Nachfahren. Die Aufseher des Königs hatten Riquets Plan für einen Kanaltunnel als "Verrückt und undurchführbar" abgelehnt, den Bau verboten. Riquet aber ließ heimlich innerhalb von sechs Tagen den ersten Durchstich bohren. Ein Jahr später - 1680 - war der Tunnel von Malpas - zu deutsch Schlechter Durchgang - fertiggestellt, der weltweit erste Tunnel für einen Wasserweg.

Alle Ortschaften erlebten jetzt einen großen wirtschaftlichen Aufschwung. Ein Drittel der Weizenproduktion der Region wurde über den Kanal zu Märkten bis Toulouse und Bordeaux gebracht. Die Kosten hatten sich gegenüber dem herkömmlichen Weg auf alten Straßen halbiert. Vier Tage brauchten die schnellsten Barken von Beziers bis Toulouse. Es war ein fruchtbarer Wohlstand, die Bevölkerung in den Hauptumschlagshäfen vervierfachte sich innerhalb von 100 Jahren. Einige der alten Barken sind heute als schwimmende Häuser am Ufer vertäut. Bedeutung für den Handel hat der Canal du Midi schon lange nicht mehr. Aber in den letzten 20 Jahren des 20. Jahrhunderts wurde er für den Tourismus entdeckt.

Wer die Festung von Carcasonne sehen will, muss sein Boot kurz verlassen, denn zu Riquets Zeiten wollte sich die Stadt nicht an den Kosten für den Kanal beteiligen. In elf Meter Höhe überwölbt die erste von Riquet gebaute Kanalbrücke das Bett des Repudre. Sie war Vorbild für alle anderen.

Auf dem Kanal wurden die Natursteinquader zur Baustelle befördert, und hier genau miteinander verzahnt. Bautechnik, die seit mehr als 300 Jahren Bestand hat. Praktischer Nutzen bestimmten Riquets Entwürfe, doch zugleich entstanden Bauten von klassischer Schönheit. Bei Argentdouble führt der Treidelpfad über eine Brücke, überschüssiges Kanalwasser kann hier direkt abfließen. Riquet sorgte dafür, dass auf diese Weise mehr als 40000 Hektar Land bewässert werden. Die Eisenbahn übernahm 150 Jahre nach dem Kanalbau den Gütertransport. Sie war schneller und billiger, das Kanalbett für noch größere konkurrenzfähige Schiffe nicht tief genug. Nach nur 15 Jahren Bauzeit wurde der 240 km lange "Canal entre deux meres" 1681 eröffnet.

Die Jungfernfahrt hat Riquet nicht mehr erlebt, er war ein halbes Jahr vorher gestorben. Sein Traum war Wirklichkeit geworden aber bald wieder vergessen.

Das Vergessen bewahrte das unvergleichliche Wunderwerk und die von ihm geprägte Landschaft zwischen dem Mittelmeer und Toulouse unverändert bis heute.

Buch und Regie: Gisela Mahlmann

Letzte Änderung am: 10.05.2011, 11.35 Uhr

Europa: Frankreich

Filmmusik & Stab

Burger, Klaus
Canal du Midi
Kraft, Oliver
Schätze der Welt II

Buch und Regie: Gisela Mahlmann
Kamera: Hans Jürgen Grundmann

Sendezeit

3sat
Sonntags:
19.40 Uhr

SWR Fernsehen
Samstags:
6.00 Uhr

Filmrolle Service Mitschnittdienst

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