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Ozeanien: Marshall Islands Bikini Atoll

Das vergessene Paradies

Sendung vom Sonntag, 9.6.2013 | 19.40 Uhr | 3sat

Das Bikini Atoll war so etwas wie ein Paradies, bis 1946. Die USA machte daraus eine Militärbasis und siedelte die Einwohner um. Es folgten Wasserstoffbomben-Tests, deren Vernichtungskraft tausendmal stärker war als die der Hiroshima Bombe.

Die Crew vor dem Bunker auf Aomeon von wo aus 23 Atom- und Wasserstoffbomben getestet wurden.

Die Crew vor dem Bunker auf Aomeon von wo aus 23 Atom- und Wasserstoffbomben getestet wurden.

Sobald der Krieg zu Ende war, machten wir den einzigen Platz auf Erden ausfindig, der vom Krieg unberührt war und bombten ihn zur Hölle. (US - Komödiant Bob Hope)


Bikini, ein winziges Atoll in der Weite des Pazifischen Ozeans symbolisiert den Umgang der Menschen mit der Natur. Über Jahrhunderte hinweg ernährten sich die Bewohner von Bikini von dem was auf der Insel wuchs und was das Meer ihnen gab. Ihre Abgelegenheit bewahrte sie vor Eroberungen. Das Bikini Atoll war so etwas wie ein Paradies. Ende des 2. Weltkrieges wurden auf dem benachbarten Atoll 8.000 Japaner getötet. Am nächsten Tag lief ein Kriegsschiff der US Flotte Bikini an. 1946 versammelte US Kommandant Wyatt die Bewohner und fragte, ob sie gewillt seien ihre Heimat vorübergehend zu verlassen, damit die amerikanische Armee Atombomben testen könne, um diese enorme und zerstörerische Gewalt in etwas Gutes für die Menschheit zu verwandeln.

Es war eine rhetorische Frage, die 167 Einwohner hatten keine Wahl. Ihre Heimat wurde zu einer amerikanischen Militärbasis. 77 ausgemusterte Kriegsschiffe wurden als Testziele für die Operation Crossroads verankert. Im Juli 1946 explodierten die ersten Atombomben auf dem Bikini Atoll. Bis 1958 wurden weitere 21 Wasserstoffbomben getestet. Die tödlichste davon war Bravo. Ihre Vernichtungskraft war tausendmal stärker als die der Hiroshima Bombe. Die Explosion zerstörte drei kleine Inseln und hinterließ einen zwei Kilometer breiten Krater. Währenddessen wurden die Bikinianer von Insel zu Insel umgesetzt. Die Vertreibung endete auf Kili. Sie waren von Lebensmittellieferungen der Vereinigten Staaten abhängig. 1968 ordnete US - Präsident Johnson ihre Rückkehr an. Doch die Radioaktivität war zu hoch. Die Menschen mussten ihre Heimat ein zweites Mal verlassen.

Heute leben viele Nachfahren der ursprünglichen Bewohner auf der Hauptinsel Majuro. Die Arbeitslosenquote liegt bei 40%, der Mindestlohn bei zwei Dollar die Stunde. Ein Treuhandfond zahlt jedem Nachkommen von Bikini jährlich 600 Dollar Kompensation. Doch der Verlust, den sie ertragen, ist damit nicht beglichen - die Sehnsucht nach ihrer Heimat nicht erloschen.
Bikini, 2010 von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt, ist heute vom Ansteigen des Meeresspiegels bedroht. Als Weltkulturerbe soll Bikini Atoll uns alle an die Notwendigkeit von Frieden und die Abschaffung von Massenvernichtungswaffen ermahnen. Bikini wird dann das Versprechen einlösen, für das wir vor 65 Jahren unsere Heimat verlassen haben: zum Wohle der Menschheit und der Beendigung aller Weltkriege. (Hon. Tomaki Juda)


Kulturdenkmal Atombombenversuchsgebiet Bikini Atoll

Bikini Atoll besteht aus 23 Inseln, die zur Gruppe der Marschallinseln gehören

16. Jahrhundert
Spanische Seefahrer entdecken die Inseln

1825
Otto von Kotzebue kartografiert das Atoll und benennt es Eschscholtz-Inseln

1880
Kolonisierung der Inseln durch Deutschland als Teil der Marschallinseln

1914
Besetzung der Inseln durch Japan

1944
Eroberung der Inseln durch die USA

1945
USA beschließen die Durchführung von Bombentests im Bikini Atoll. Umsiedlung der Bewohner auf eine bis dahin unbewohnte Insel. Über mehrere Jahre Not und Hunger unter den Bewohnern.

1968
Lyndon B. Johnson, US-Amerikanischer Präsident, verkündet die Rückkehr der Bewohner nach Bikini

1978
Erneute Evakuierung der Bewohner, da die Strahlenwerte zu hoch sind

2001
Nuclear Claims Tribunal beschließt Entschädigungszahlungen

Copyrightvermerk für Daten & Fakten
© SWR

Ein Film von Werner Meyer

Letzte Änderung am: 06.10.2011, 09.42 Uhr



Filmtext & Video

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Bikini Atoll, Marshall Islands, Ozeanien, Folge 393

Das vergessene Paradies

Schätze der Welt - Erbe der Menschheit,  9.6.2013 | 14:35 min

Filmtext

Ein winziges Atoll in der Weite des Pazifischen Ozeans symbolisiert die Geschichte von der Herrschaft der Menschen über die Erde und deren Schätze.

Vor sehr langer Zeit stiegen Vulkane vom Meeresboden auf. Nach ihrem Verlöschen wuchsen Korallen und bildeten so das Bikini Atoll. Das - die wissenschaftliche Erklärung der Entstehung. Die Legende erzählt, dass Worejabato, der Gott der Riffe, den Menschen dieses Atoll schenkte.

So lange sie denken konnten, ernährten sich die Bewohner von Bikini von dem was auf der Insel wuchs und was das Meer ihnen schenkte. Es war einfaches aber gutes Leben. Die abgeschiedene Lage und der Mangel an Bodenschätzen bewahrte sie vor der Kolonisation.

Gegen Ende des 2. Weltkrieges wurden in der Schlacht um das benachbarte Kwajalein Atoll achttausend Japaner getötet. Am nächsten Tag lief ein Kriegsschiff der US Flotte Bikini an. Die fünf japanischen Besatzungssoldaten, die Wache hielten, töteten sich mit einer Handgranate. Bikini war „befreit“. Die amerikanischen Streitkräfte aber hatten andere Pläne für das Paradies.

Im März 1946 fragte US Kommandant Wyatt die Bewohner ob sie gewillt seien ihre Heimat vorübergehend zu verlassen, damit die amerikanische Armee Atombomben testen könne - „um diese ernorme und zerstörerische Gewalt in etwas Gutes für die Menschheit zu verwandeln“.

Sie hatten keine Wahl. Am nächsten Tag verließen die 167 Einwohner ihre Heimat in dem Glauben, bald zurückkehren zu dürfen. Die meisten von ihnen setzten niemals wieder einen Fuß auf ihre Insel.

Bikini wurde zu einer Amerikanischen Militärbasis.

Siebenundsiebzig ausgemusterte und eroberte Kriegsschiffe der amerikanischen, japanischen und deutschen Flotte wurden in der Lagune als Testziele für „Operation Crossroads“ verankert.

In den nächsten zwölf Jahren wurden auf Bikini einundzwanzig nukleare Bomben getestet.  Die tödlichste von allen aber war 1954 die erste Wasserstoffbombe „Bravo“. Sie war tausend mal stärker als die  Hiroshima Bombe. Die Explosion zerstörte drei kleine Inseln und hinterließ einen zwei Kilometer weiten Krater.

Währenddessen wurden die Bikinianer von Insel zu Insel umgesetzt und endeten zuletzt auf Kili. Hier waren sie  von Lebensmittellieferungen der Vereinigten Staaten abhängig. Sie verloren nicht nur ihre Heimat, sie verloren auch ihre Lebensweise.

1968 versprach Präsident Lyndon B. Johnson den Bikinianern die Rückkehr. Er ordnete ihre Rehabilitation an. Fünfzigtausend Kokosnusspalmen und andere Bäume wurden gepflanzt.

Einhundert Bewohner kehrten 1975 in ihre Heimat zurück. Schon bald stellte sich heraus, die Radioaktivität war höher als angenommen. Die Bewohner von Bikini mussten ihre Heimat ein zweites Mal verlassen.

Wer heute das Bikini Atoll besuchen will, muss ein Boot oder ein Flugzeug chartern. Der Flug von Majuro, der Hauptinsel der Republik der Marshall Inseln, dauert zweieinhalb Stunden.

Die Landepiste befindet sich auf Eneu, eine der dreiundzwanzig Inseln des Atolls.

Es ist ungefährlich Bikini zu besuchen - wenn man seinen eigenen Proviant mitbringt. Die auf den Inseln wachsenden Früchte kann man immer noch nicht verzehren. Das im Boden befindliche Caesium 137 macht das unmöglich.

Nach einer halben Stunde mit dem „Airportbus“ kommen wir zu der leeren Siedlung, die einst von den Arbeitern benutzt wurde, die das Rollfeld und andere Einrichtungen bauten.

Von Eneu geht die Reise mit dem Boot weiter. Mit uns besucht Alson Kelen, der Bürgermeister von Bikini, seine Heimat. Als Kind gehörte er zu denen, die in den Siebziger Jahren zurückkehren sollten.

Diese leer stehenden Häuser erinnern an diese gescheiterte Wiederansiedlung.

In jüngerer Zeit sind Einrichtungen für Touristen erbaut worden, doch nur sehr selten kommt Besuch in das einstige Paradies.

Die Inselverwalter sind die einzigen Bewohner von Bikini. Sie fangen ihren Fisch noch immer auf traditionelle Weise. Der Fisch ist essbar, die Radioaktivität im Wasser hat sich über die Weltmeere verteilt.

Wohin man auch geht, überall wird man an die schreckliche Vergangenheit erinnert. Das Gemüse das hier angebaut wird, ist nicht zum Verzehr gedacht – es wird geerntet um die Verstrahlung zu testen. 

Der  Friedhof von Bikini ist der einzige Ort, der bei den Atombombenversuchen nicht angetastet wurde.

Die einzige Verbindung mit der Außenwelt ist das Funkgerät.

Die Abwesenheit von Menschen und Raubtieren hat das Atoll zu einer sicheren Brutstätte für Seevögel gemacht.

65 Jahre nach „Operation Crossroads“ erinnert dieser Bunker an die Zerstörung des Atoll

Von hier aus wurden die Explosionen der Atom- und Wasserstoffbomben geleitet.

In 60 Meter Tiefe liegt das Wrack des US Flugzeugträgers Saratoga.

Die Munition, Bomben und Treibstoffe die sich noch immer an Bord befinden sind eine Bedrohung für die Umwelt. Es ist nur eine Frage der Zeit bis die Korrosion sich durch die Behälter gearbeitet hat.

Das Meeresleben von Bikini ist bekannt für seine große Anzahl von Riffhaien.  Da kommerzielle Fischer das Atoll meiden, können sie sich hier ungehindert vermehren.

Heute leben viele der Nachfahren der ursprünglichen Bewohner von Bikini  auf der Hauptinsel Majuro.  Ihre Arbeitslosenquote liegt bei 40 % und der Mindestlohn bei 2 Dollar pro Stunde. Viele der jungen Generation sind in die USA ausgewandert wo sie ein besseres Leben suchen.

Ein Treuhandfond, der mit Reparationszahlungen der Vereinigten Staaten gegründet wurde, zahlt jedem Nachkommen von Bikini jährlich sechshundert Dollar. Doch der Verlust den sie ertragen ist damit nicht beglichen – die Sehnsucht nach ihrer Heimatinsel nicht erloschen.

Die Bikini Hymne:

"Nicht länger kann ich bleiben, es ist wahr. Nicht länger kann ich in Frieden und Harmonie leben.

Nicht länger kann ich ruhen.      

Die  Erinnerung an meine Insel und das Leben, das ich dort hatte, diese Gedanken sind überwältigend, sie hinterlassen mich hilflos und in großer Verzweiflung. Mein Seele verlässt mich – sie treibt herum.

Weit entfernt, in einem Strom von unheimlicher Kraft, dort kann ich Frieden finden."

Das Bikini Atoll, 2010 als Weltkulturerbe anerkannt, ist heute vom Ansteigen des Meeresspiegels bedroht. Wenn sich die Beziehung von uns Menschen zur Natur nicht ändert, dann wird dieses Mahnmal vom Meer verschluckt, und dann können die Einwohner von Bikini nie mehr in ihre Heimat zurück.

Letzte Änderung am: 06.10.2011, 09.42 Uhr