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14:45 min | So, 6.4.2003 | 21:00 Uhr | 3sat

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Accra, Festungen und Schlösser an der Voltamündung, Ghana Folge 258

SWR

Europäische Burgen mit Zinnen und Kanonen zwischen Wellblechhütten an kilometerlangen Traumstränden Ghanas. Wie Fremdkörper wirken diese steinernen Zeugen eines über 500 Jahre andauernden Handelsaustausches zwischen Europa und Westafrika. Heute sind die Festungen monsungegerbt und vom Verfall bedroht, aber sie lassen noch erahnen, wie lukrativ die Geschäfte mit Sklaven und Gold einst waren.

Filmtext

Ein Meer voller Gefahren, mit unbezwingbaren Riffen und gefährlichen Winden... Ein Meer, in dem die Sonne strahlt wie Flammen und hellhäutige Seeleute schwarz brennt, in dem Seeungeheuer ganze Schiffe verschlingen...Ein Meer, das jedem Segler und seiner Besatzung den sicheren Tod bringt...

So stellte man sich noch im 14. Jahrhundert den atlantischen Ozean vor, das "grüne Meer der Finsternis".

Gefährlich - und verlockend zugleich schienen die Küsten Afrikas. Gerüchte über legendäre Reichtümer nährten die ersten Transatlantikabenteuer.

Die Portugiesen waren die ersten, die ihre Flotten immer weiter nach Süden schickten. Sie segelten entlang der unbekannten Küsten Afrikas, ausgestattet mit magnetischem Kompass, Waffen und Gottvertrauen. 1471 erreichten portugiesische Caravellen das heutige Ghana. Schon zehn Jahre später entstand in einer geschützten Bucht das erste Bollwerk der Europäer in den Tropen: die Burg Elmina. 600 Maurer, Schreiner und Soldaten aus Lissabon errichteten die Festung, sogar die Backsteine brachten sie mit.

Vom Balkon der Beletage überwachte Gouverneur Diogo da Azambuja seine Burg, die vor allem ein Handelsstützpunkt war. Schönheit und Strenge strahlt diese Festung aus, die hohen Wände wirken so stabil, dass sie als kanonensicher gelten können. Die Lager für Waren und Vorräte sind großzügig gebaut und gut ausgestattet...- schrieb ein Augenzeuge.

3.900 Quadratmeter maß das stolze Handelszentrum. Sonntags betete man in der Backsteinkirche im Innenhof - der ersten auf afrikanischem Festland.

Das Fort war eine Welt für sich. Hinter dicken Mauern wurden die Geschäfte abgewickelt. Schiffe, die nicht zur königlich-portugiesischen Flotte gehörten, durften nicht anlegen, geschweige denn Handel treiben. Schwere Kanonen schützten, was hier gelagert wurde.

Elmina, der erste Stützpunkt in Afrika. Die Portugiesen waren nicht als Eroberer gekommen. Dass Elmina auf afrikanischem Boden gebaut werden durfte, hatten lokale Stammesfürsten erlaubt und befürwortet. Wie es sich für "ordentliche Händler" gehörte, zahlten die Europäer Pacht. Portugal schützte sein Handelsmonopol, zur Seeseite gegen europäische Konkurrenten, zum Hinterland gegen Angriffe der einheimischen Bevölkerung. Im Schutz der Burg wuchs die Stadt Elmina, die heute 25.000 Einwohner hat. Wo Fischer ihren spärlichen Fang verkaufen, brachten einst Zwischenhändler wertvolles Edelmetall aus dem Hinterland zum Fort und tauschten es gegen Stoffe, Waffen, Salz oder Schnaps. Elmina wurde zur Drehscheibe für das begehrteste Metall der Welt und die Region heißt bis heute nach dem Stoff, aus dem die Kronen sind: Goldküste.

Woher genau das Gold kam, hielten die einheimischen Händler geheim. Europäer wagten sich kaum in das bergige und waldreiche Hinterland. Dort herrschte der Stamm der Ashanti, die Herren des Goldes. In den tiefen Regenwäldern bauten sie das Edelmetall ab, Zwischenhändler brachten es zur Küste.. Die Portugiesen lechzten nach dem Gold der Ashanti - ob als Goldstaub, als Barren oder als Geschmeide. Doch nicht nur Gold, noch ein weiteres Handelsgut weckte Begehrlichkeit: Sklaven. Im Jahre 1600 war die rund 500 Kilometer lange Goldküste Ghanas gespickt mit über 60 Festungen verschiedener Nationen. Portugals Handelsmonopol war gebrochen, die Portugiesen mussten mit anderen Ländern um die lukrativen Geschäfte konkurrieren. Zimperlich ging es dabei nicht zu. Viele Festungen wechselten mehrmals den Besitzer. Die Holländer vertrieben die Portugiesen aus Cabo Corso, dann kamen die Schweden. Schließlich fiel die Festung an die Briten, die Goldküste wurde britische Kolonie.

Massiv, funktional, bedrohlich... Alle Festungen waren ähnlich gebaut. Sie hatten doppelte Außenmauern, Quartiere für Soldaten und Seeleute, Warenlager im Untergeschoss, eine Krankenstation, Küche und Wasserversorgung, Räume für Handwerker und Baumaterial - sogar Gärten mit Kräutern und Gemüse. An alles war gedacht, um die Isolation erträglich zu machen. Manche Festungen waren extrem abgelegen. Nach Shama etwa verirrte sich nur selten ein Schiff. 1705 beklagte der Verwalter wie wenig profitabel der Stützpunkt sei, weil es zwar genügend Wasser und Holz, aber zu wenig Handel gäbe. Der Verwalter verlässt den tropischen Ort, für viele wird die Goldküste zum Grab des weißen Mannes. Sie sterben an Gelbfieber, Malaria, zu viel Alkohol. Die Klagen der Weißen wurden penibel aufgeschrieben, das Leid der Sklaven, die in den Festungen auf ihren Abtransport warteten, fand keine Chronisten. Wer von einheimischen Sklavenhändlern gefangen, Hunderte von Kilometern an die Küste verschleppt und durch die Innenhöfe der Festungen in die Verließe getrieben wurde - für den gab es keine Wiederkehr. Die Bevölkerung ganzer Dörfer wurde bei Stammesfehden von den Siegern an die Europäer ausgeliefert und gegen europäische Waren eingetauscht. Menschenhandel gab es in Afrika bevor die Weißen kamen, die Europäer aber betrieben das Geschäft mit den Sklaven im großen Stil. Sie brauchten sie für ihre Kolonien. Rund 2 Millionen wurden allein von der Goldküste verschifft - in die Zuckerplantagen Kubas oder auf Kaffeefelder in Brasilien. Die Sonne ihrer Heimat sahen sie nie wieder.

Eng, dunkel, stickig und feucht sind die ehemaligen Sklavenquartiere. Sie gehören heute zum Weltkulturerbe wie die weißgetünchten Türmchen an den Festungen. Raum für 1000 Sklaven gab es allein in der Festung Cape Coast, Männer und Frauen streng getrennt. Durch Gucklöcher beobachteten die Soldaten ihre menschliche Ware. Sie pickten sich schöne junge Mädchen heraus, vergewaltigten sie. Manche sollen danach freigelassen worden sein.

Bis zu drei Monaten wartete das "lebende Ebenholz", wie die Sklaven von ihren Haltern genannt wurden, in den finsteren Verließen. Gebrandmarkt und meist in Ketten. Doch das inhumane Leben im Kerker war nur ein bitterer Vorgeschmack auf die Schiffspassage und die Fronarbeit in den Kolonien.

1/1

Afrika: Ghana

Stadt Elmina

Burg Elmina

Blick auf die ehemalige portugiesische Kirche

Fort Metal Cross

Küstenfort Cape Coast Castle

Fort San Sebastian

Portugiesische Festungsarchitektur

Innenhof mit Verwaltungs- und Lagergebäuden

Kanone in der Festung

Gate of no Return

Fort Apollonia

Eingang Sklavenkerker

Maximal profitabel wurden die Schiffe beladen. Die Männer lagen zu zweit aneinandergefesselt, damit sie keinen Aufstand wagten. "Es ist absolut unmöglich, einen Sklaventransport gesundheitsverträglich abzuwickeln..." rechtfertigten sich die Kapitäne zynisch.

Um 1750 erreichte der Westafrikahandel seinen Höhepunkt. Die Schiffe, die im Schutz der Festungen landeten, brachten immer mehr Waffen, Schnaps und Baumwollstoffe in die Küstenforts.

Palaver-Halle hieß der Tauschplatz, wo Kapitäne mit Sklavenhändlern feilschten, Menschen gegen Stoff tauschten. Dann verschifften sie die Sklaven in die Kolonien, und nahmen von dort Zucker, Kaffee und Gewürze wieder zurück nach Europa. Ein lukrativer Dreieckshandel. Die westafrikanischen Festungen waren jedoch nicht nur Handelsstützpunkte der frühen Globalisierung. Hier wurden auch Kinder der Oberschicht, die Sprösslinge der sich eifrig fortpflanzenden weißen Männer und jeder, der sich taufen ließ, in Lesen, Rechnen und der christlichen Lehre unterrichtet.

Ganz im Südwesten Ghanas, nahe der heutigen Grenze zur Elfenbeinküste, steht ein Fort, das damals als eines luxuriösesten an der ganzen Küste galt. Es sieht aus wie ein Landsitz und trägt einen deutschen Namen: Groß-Friedrichsburg. Auch die preußische Krone wollte teilhaben am Westafrikahandel. 1683 ließ Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg die Festung Groß-Friedrichsburg bauen, mit einer geräumigen evangelischen Kirche. Für Burg und Kirche hatten sich die Preußen einen Pachtvertrag mit lokalen Häuptlingen gesichert. Die Preußen versprachen Schutz - auch vor Sklavenjägern - und ließen sich die exklusiven Handelsrechte in dem Gebiet garantieren. Doch Preußen schickte nur wenige Handelsschiffe, blieb Außenseiter im Westafrikageschäft und verkaufte Groß-Friedrichsburg schon 1721 an die Holländer.

4oo Jahre lang waren die Festungen an der Goldküste für die Europäer nur einfache Handelsstützpunkte. Für zwei Millionen Männer und Frauen waren sie das Tor zur Sklaverei. Nach dem Verbot des Sklavenhandels 1869 legten kaum noch Segler in den Häfen der Forts an. Die trutzigen Handelsburgen verfielen. Heute sind sie Fremdkörper. Sie sind Zeugen eines unmenschlichen Tauschhandels.

Buch und Regie: Elke Werry

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